Göppinger Einsatzgruppe muss Hechinger Mordprozess schützen

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Verschärfte Sicherheitskontrollen gelten seit Donnerstag im Mordprozess am Hechinger Landgericht. Nicht mehr nur örtliche Polizei- und Justizbeamte (Bild) filzen die Besucher, sondern auch eine Einsatzgruppe an Bereitschaftspolizisten aus Göppingen. Und es wird auch schon draußen vor dem Portal kontrolliert. r  Foto: 

Gab es Drohungen gegen Verfahrensbeteiligte? Haben gar kriminelle Netzwerke den Hechinger Mordprozess im Visier? Darüber konnten die Besucher des neunten Verhandlungstages nur spekulieren. Juristen und Polizisten schwiegen selbst auf hartnäckigste Nachfragen eisern. Fakt ist aber, dass die ohnehin schon strengen Sicherheitsvorkehrungen im und vor dem Hechinger Landgericht noch einmal massiv verschärft wurde. Eine Einsatzgruppe Göppinger Bereitschaftspolizisten zeigte im Gerichtssaal Präsenz und unterstützte die Hechinger Polizei- und Justizbeamten bei den Einlasskontrollen. Auf Anordnung des Vorsitzenden Richters Dr. Hannes Breucker wird am Hauptportal zusätzlich kontrolliert. Niemand kommt während des Mordprozesses ungefilzt ins Gerichtsgebäude.

„Veränderte Sicherheitslage“

Als Grund für verschärfte Kontrollen und verstärkte Polizeipräsenz nannte Breucker eine veränderte Sicherheitslage: „Wir haben Kenntnis bekommen von weiteren sicherheitsrelevanten Aspekten, die auch unseren Prozess betreffen können.“ Darauf musste sich jeder Beobachter seinen eigenen Reim machen.

Die Große Jugendkammer, die über das Tötungsdelikt an der Hechinger Staig verhandelt, muss sich derweil ihren eigenen Reim über das Schmauchspurgutachten machen, das eine Sachverständige vom Landeskriminalamt vortrug. Das war zwar mit Spannung erwartet worden, gab letztlich jedoch keine sichere Antwort auf die Frage aller Fragen: Wer hat denn nun den Schuss abgegeben, der Umut K. das Leben kostete?

Denn Schmauchspuren (siehe zur Erläuterung auch den Kasten) fanden die Spurensicherer schließlich bei beiden Hauptangeklagten – freilich deutlich mehr beim 22-jährigen Beifahrer im Fiat Punto, durch dessen Fenster der Todesschuss abgefeuert wurde, als beim 21-jährigen Fahrer. Doch welche Rückschlüsse lassen sich daraus ziehen, dass sich an der Mütze des Beifahrers sehr viele Anhaftungen von Blei-, Barium- und Antimon-Partikeln fanden und dass ein einzelnes Teilchen auch tags darauf noch an seiner rechten Augenbraue klebte? Dass er selbst die Waffe geführt hat? Oder dass vielleicht doch vom Fahrersitz aus mit ausgestrecktem Arm geschossen wurde und die Waffe dem Kopf des Beifahrers sehr nahe kam? Beides sei möglich, räumte die Gutachterin im Kreuzverhör ein.

Freilich wies die Sachverständige auch auf einen Umstand hin, der den Beifahrer belastet: Obwohl er erst zwölf Stunden nach der Tat und nach sieben Stunden Arbeit in der Nachtschicht festgenommen wurde, fanden sich auch an den Händen des jungen Industriearbeiters noch vereinzelte Schmauchteilchen. „Das hätte ich eigentlich nicht erwartet“, gestand die 45-Jährige. Und an den Handschuhen der SEK-Polizisten, die den Italiener im oberen Killertal verhafteten, klebten gar viele Partikel, die vom Tatverdächtigen übertragen worden sein könnten.

Andererseits – und das passt trefflich zu den Wirrnissen dieses Falles – haftete auch eine einzelne Schmauchspur auf der linken Hand des Fahrers, obwohl sich dieser erst 37 Stunden nach der Tat stellte. Und auch die Armbündchen seines Pullovers und seiner Bomberjacke waren nicht ganz sauber. Tobias Glaenz, der Verteidiger des 21-jährigen Burladingers, wollte nicht glauben, dass diese Spuren bei seinem Mandaten von einer Schussabgabe stammen könnten. Seine steile These: Die verdächtigen Partikel könnten auch von der Patrone einer Nagelmaschine kommen, die auf der häuslichen Baustelle seines Mandaten verwendet worden sei. Mit Genehmigung des Gerichts übergab der Anwalt einen Koffer mit der Hilti an die Gutachterin. Auftrag: Bitte prüfen, ob die Nagelmaschine Schmauchspuren macht.

Für den Älteren der beiden Angeklagten wurde es am Nachmittag noch enger. Im Zeugenstand: der leitende Kriminalbeamte, der den einzigen Augenzeugen des Todesschusses – den 25-jährigen Italiener, der neben Umut K. stand – noch am Tatabend stundenlang verhört hatte. Er lieferte Aussagen nach, die der Italiener als Zeuge selbst verweigern durfte, weil er selbst Beschuldigter in dem parallelen Drogenverfahren ist. Erst, so schilderte es der Kripo-Mann, habe „der wichtigste Zeuge“ eher vage Angaben gemacht. Nach der zweiten Zigarettenpause habe er jedoch eine überraschende Kehrtwende vollzogen und verkündet: „Ich habe gelogen. Jetzt werde ich die Wahrheit sagen.“ Und dann sei er unverblümt damit herausgerückt: Der Schuss habe ihm selbst gegolten. Geschossen habe der Beifahrer, ein Burladinger, „der Sohn eines Hechinger Pizzeria-Besitzers“. Auch der Fahrer sei ein junger Italiener. Und diese beiden seien „Schützlinge von einer höherstehenden Person“ aus Catania, die in der Hechinger Unterstadt wohne: der dritte Angeklagte, der 36-Jährige, von dem das junge Duo mutmaßlich die Drogen bekommen hatte.

Zweifellos der Schütze?

Der 22-Jährige solle also „zweifellos“ der Schütze sein? Das rief dessen Rechtsanwalt auf den Plan. Rüdiger Kaulmann legte Widerspruch gegen die Verwertung der Aussage des Kripobeamten ein. Der Grund: Der Mann neben Umut K. sei viel zu lange als Zeuge vernommen worden: „Spätestens als er erklärte, der Schuss habe ihm gegolten, hätte er als Beschuldigter vernommen werden müssen.“ Ein Revisionsgrund im Falle einer Verurteilung?

Staatsanwältin Andrea Keller und Nebenklägervertreter Harald Stehr traten dem Widerspruch entgegen: „Er hat Angaben gemacht, obwohl er wusste, dass er auch hätte schweigen können.“ Über den Widerspruch hat das Gericht noch nicht entschieden.

Vermutlich wird der Beschluss am Donnerstag, 24. August, verkündet, wenn der Prozess um 9 Uhr fortgesetzt wird.

Schmauch, so erläuterte die Expertin vom Landeskriminalamt, ist alles, was bei einer Schussabgabe den Lauf der Waffe verlässt, außer dem Projektil. Also Rückstände von Zündhütchen, Treibladung und Abrieb des Geschosses. Beim Schuss entsteht eine Gaswolke, deren Teilchen kondensieren. Die Partikel-Analyse ergibt Blei, Barium und Antimon. Wenn diese drei Teilchen zusammenkommen, stammt die Spur sicher von einem Schuss. Finden sich nur einzelne der drei Teilchenarten, so spricht man von „Schmauchverdacht“. hy

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