Gekämpft bis zum Schluss

Das tapfere Team der Einzelhändler in der Hechinger Oberstadt verliert einen weiteren und sehr engagierten Mitspieler: In der Schloßstraße schließt Katja Lehrmann ihr Caprice zum Ende des Monats.

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Tapfer lächeln: Katja Lehrmann muss ihr Caprice in der Schloßstraße schließen, und das fällt ihr sehr schwer.  Foto: 

Der Laden ist klein, schnuckelig und oho. Früher hatte dort die Künstlerin Berte Köhle ihre Verkaufswerkstatt. Von der Straße geht es zwei Stufen hinunter; man befindet sich in der unteren Etage des Traditionslokals Fecker. Seit Herbst 2007 wartet Katja Lehrmann in der Schloßstraße mit Modeschmuck und Accessoires auf. Ihr Laden, und das ist nicht übertrieben, könnte genauso gut im Herzen von Tübingen, Reutlingen oder Stuttgart zu finden sein. Er hat das gewisse Etwas und ist für Hechingen eine absolute Bereicherung.

Doch damit ist nun Schluss. Das Caprice schließt zum Ende dieses Monats. Den Laden trifft das selbe üble Schicksal wie viele andere vor ihm in der Oberstadt: Die wertvolle Laufkundschaft fehlt an zu vielen Tagen, und deshalb werden tiefrote Zahlen geschrieben. Ob es in der Schloßstraße 8 einen neuen Mieter geben wird, das ist derzeit offen. Hechingen droht ein weiterer Leerstand.

Katja Lehrmann hat sich lange, sehr lange sogar, gegen diesen Schritt gestemmt. Sie hat eine Internet-Sparte eröffnet, sie wirbt auf Facebook, sie hat Anzeigen geschaltet. Doch alles fruchtete nichts, sagt sie unter Tränen. Die treue Stammkundschaft allein reicht halt nicht als Umsatzbringer. Was fehlt, das sind die Menschen, die spontan vom kleinen, feinen Schaufenster des Caprice angelockt und dann ganz flott zum Käufer werden.

Dabei hat alles prima begonnen. Katja Lehrmann hatte schon immer ein enormes Faible für Schmuck. "Das ist einfach meins", sagt sie. Und irgendwann passte alles zusammen. In die Selbstständigkeit startete sie Anfang des Jahrtausends mit einem Party-Vertrieb. Unterwegs war sie schwerpunktmäßig im Raum Sigmaringen, aber auch in Balingen und Hechingen brachte sie den Modeschmuck an die Frau und ebenfalls den einen und anderen Mann. Dann erfuhr sie vom frei gewordenen Laden in der Schloßstraße. Gesehen und getan: Zum Jahresende 2006 machte die Wahl-Hechingerin einen Probe-Verkauf. Der florierte munter, und anschließend baute der Vermieter um. Im Oktober 2007 wurde beim Caprice, Katja Lehrmanns "süßem, perfekten Laden", Eröffnung gefeiert.

"Die ersten drei Jahre lief es gut", teilt die Schmuck-Fachfrau stolz mit. Aber danach bröckelte es mehr und mehr. Konkurrenz machte ihr zunächst die boomende Online-Geschäftswelt, in die vor allem die jugendliche Kundschaft mit Freuden eintaucht. Sie machte konsequenter selbst mit und eröffnete eine Internet-Sparte fürs Caprice. Mit mäßigem Erfolg, räumt die Geschäftsfrau offen ein. Ein drittes Standbein kam hinzu: Vor einem Jahr hat sie damit begonnen, selbst Schmuck herzustellen.

Aber alle neuen Ideen nutzen nichts, wenn der Gegenwind immer stärker wird. Und der bläst mächtig durch die gute Stube Hechingens. Jede weitere Ladenschließung bedeutete auch fürs Caprice ein Weniger an Kundschaft. "Es ist halt ruhig in der Oberstadt", drückt sich Katja Lehrmann noch sehr gewählt aus. Sie kann aber auch anders: "Manchmal bekommt man hier das Gefühl, man sei völlig allein auf dieser Welt." Das wiederum hat unweigerlich Konsequenzen für die Ladenkasse.

In den Jahren vier und fünf nach der Eröffnung wurden im Caprice noch zielgerichtet die Löcher in den Finanzen gestopft. Katja Lehrmann suchte Mitstreiter und hat sie in Monika Belser vom benachbarten Outfit und Schuhhaus auch gefunden; die erfolgreichen Aktionstage in der Schloßstraße haben dem Caprice über etliche Durststrecken hinweg geholfen. Morgen, beim Ostermarkt, geben der Modeschmuck und die Accessoires noch mal eine Extravorstellung.

Doch sämtliche Anstrengungen haben am Ende nicht ausgereicht. Am Abend des 25. März schließt Katja Lehrmann ein letztes Mal die Ladentür in der Schloßstraße 8 ab. Bis dahin gelten Ausverkaufspreise im Caprice, und die liebe Kundschaft sollte daran denken, dass sie alle noch vorhandenen Geschenkgutscheine einlöst.

Die Caprice-Inhaberin lässt sich derweil ein Hintertürchen offen: Sollten die Bemühungen um die Wiederbelebung der Oberstadt irgendwann fruchten, der Obertorplatz neu gestaltet und der Marktplatz zusätzlich belebt sein, dann könnte Katja Lehrmann durchaus mit einem "Caprice 2" wieder mitmischen. Wenn sie das sagt, leuchten ihre Augen sehr verdächtig. Die Ankündigung wirkt äußerst glaubhaft.

Markt in der SchloßStraße

Zum Abschied Das Caprice sagt am 25. März Servus; voraussichtlich ganz leise. Am morgigen Samstag wird im schmucken Lädle aber noch mal kräftig aufgedreht: Katja Lehrmann ist selbstredend beim Ostermarkt in der Schloßstraße mit vertreten. Sie hat schließlich bei allen Aktionstagen in dieser Einkaufsmeile der Hechinger Oberstadt mitgemacht. Beim Ostermarkt gibt es von 10 bis 17 Uhr an zahlreichen Ständen das jahreszeitlich passende Angebot, vom Fecker die Bewirtung dazu, und in den beteiligten Geschäften jede Menge besondere Offerten. Beim Caprice hageln die Prozente sowieso schon kräftig.

SWP

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