Ganz viele haben von der „Zwangsarisierung“ profitiert

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Es ist bekannt: Vor der physischen Vernichtung der jüdischen Bevölkerung unter der Nazi-Diktatur stand ihre wirtschaftliche Ausplünderung. Wie die Mechanismen der im NS-Jargon „Arisierung“ genannten Enteignung jüdischen Besitzes funktionierten, wer alles an diesem „gigantischen Raubzug“ beteiligt war und wer davon wie profitierte – das beleuchtete Dr. Martin Ulmer am Dienstagabend vor rund 50 Zuhörern in der Alten Synagoge in Hechingen. Ulmer, der auf Einladung der Initiative Alte Synagoge sprach, ist Geschäftsführer des Gedenkstättenverbundes Gäu-Neckar-Alb und profilierter Experte der jüdischen Geschichte in der Region.

In den Blick nahm Ulmer die Länder Württemberg und Hohenzollern, in denen 1933 rund 11.000 Juden lebten und um die 1500 Geschäfte betrieben, darunter 140 Fabriken, dazu 45 Privatbanken, über 100 Arztpraxen und 70 Anwaltskanzleien. Textil- und Viehhandel waren die wichtigsten Gewerbe der jüdischen Bevölkerung. Was am 1. April 1933 mit einem reichsweiten Aufruf zum Boykott jüdischer Geschäfte (Parole: „Kauft nicht bei Juden“) begann, war siebeneinhalb Jahre später, Ende 1940, vollständig abgeschlossen: die (im Nazi-Jargon) „Entjudung“ der Wirtschaft.

Ulmer skizzierte wesentliche Stationen auf dem Weg dorthin, schilderte anhand von Quellen den Einfluss vieler Akteure und belegte damit seine Kernthese: Die Ausplünderung der jüdischen Bevölkerung wurde nicht einfach nur von oben herab, von der herrschenden NSDAP auf der Grundlage ihrer antisemitischen Ideologie, verordnet. Vielmehr, so der Referent, habe es sich um einen „mehrjährigen arbeitsteiligen Prozess“ gehandelt, an dem zahlreiche Akteure beteiligt gewesen seien. Unter den Vorreitern sieht Ulmer dabei die Kommunen, die schon recht früh aus eigener Initiative Geschäftsverbindungen zu jüdisch geführten Firmen kappten, jüdischen Viehhändlern ab 1935 den Zugang zu kommunalen Viehhändlern verwehrten und 1938 „ein treibender Faktor“ bei den lukrativen Zwangseinkäufen von jüdischen Grundstücken und Immobilien waren.

Ulmer nahm aber auch die Finanzämter ins Visier, die jüdische Geschäftsleute ab 1935 massiv schikanierten. Dabei thematisierte der Referent nicht nur die Eintreibung der von staatlichen Stellen verordneten „Reichsfluchtsteuer“ und der „Judenvermögensabgabe“, die half, die Kriegskasse des Deutschen Reiches zu füllen. Er wies auch auf die „moralische Mitschuld“ vieler kleiner Finanzbeamter hin, die 1935/36 die damals noch legale Auswanderung der Juden verhinderten, weil sie die erforderlichen steuerlichen Bescheinigungen verschleppten.

Auch in den Industrie- und Handelskammern und in den Landesbanken und -sparkassen sieht Ulmer maßgebliche Akteure sitzen. Die einen machten es den „Volksgenossen“ leicht, jüdischen Besitz zu Spottpreisen zu erwerben, die anderen stellten den Käufern Kredite ohne Sicherheit zur Verfügung. „Viele Quellen lesen sich wie ein Wirtschaftskrimi“, sagte Ulmer. „Und oft ging es um den Tatbestand der räuberischen Erpressung.“

Ein Fazit Ulmers: „An der Ausplünderung der jüdischen Bevölkerung waren so viele Stellen beteiligt, und es haben so viele Leute profitiert. Die Mär, man habe von nichts gewusst, haben sich die Deutschen nach 1945 zurechtgelegt.“

Vier große Textilfabriken aus Hechingen, die allesamt „zwangsarisiert“ wurden, nannte Martin Ulmer. Das vielleicht prominenteste Exempel ist die Trikotagenfabik Hermann Levy, die von der Burladinger Firma Gebr. Mayer (heute bundesweit bekannt als Trigema) übernommen wurde. Außerdem die Hechinger Filiale der Firma Baruch (die 1938 nach Kuchen verkauft wurde) und die Firma Julius Levi (nach Reutlingen). Im Bild zeigte Ulmer das Fabrikgebäude der Firma Löwengard & Levy, die 1938 in einer „lokalen Großaktion“ (so der Referent) an die Trikotwarenfabrik Heinrich Maute verscherbelt wurde. Hauptprofiteur Maute war ein Hechinger IHK-Funktionär, und die Stadt riss sich Löwengards wertvolle heimatkundliche Sammlung unter den Nagel. hy

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