Feldzüge wider das Vergessen

Zum Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus präsentierte der Tübinger Theologe Karl-Josef Kuschel sein Buch über Theodor Heuss. Er eröffnete die neue Reihe "Literatur und Musik" in der Synagoge.

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"Viel geschrieben wurde über den Bildungsbürger, den Publizisten, Feuilletonisten und Schriftsteller Theodor Heuss, den ,homo politicus, den Vermittler und Versöhner, den Grundgesetz-Vater und Bundespräsidenten", betonte Karl-Josef Kuschel bei der Präsentation seines jüngsten Werkes mit dem Titel "Theodor Heuss, die Schoah, das Judentum, Israel. Ein Versuch" in der Alten Synagoge. Doch ein Aspekt sei bislang fast unbeachtet geblieben, und zwar sein einzigartig freundschaftliches Verhältnis zu vielen jüdischen Zeitgenossen, zum Judentum überhaupt - und insbesondere sein Engagement für eine "Wiedergutmachung" der Verbrechen am jüdischen Volk und die Aussöhnung mit Israel.Karl-Josef Kuschel "Der organisierte Massenmord an den Juden durfte nach seinem Willen nach nicht in Vergessenheit geraten."

Theodor Heuss, dessen Todestag sich am 12. Dezember 2013 zum 50. Mal jährte und der am 31. Januar 130 Jahre alt geworden wäre, hatte schon 1946 geäußert: "Und das war das Schrecklichste, was uns der Nationalsozialismus antat, dass er uns zwang, uns schämen zu müssen, Deutsche zu sein." Er war hiermit der Mann, der schon sehr früh das Wort von einer "Kollektivscham" der Deutschen prägte und der den "schweren Weg der Selbstreinigung" und eine wahrhaftige Erinnerungskultur einforderte, denn dies sei die Grundvoraussetzung für eine glaubwürdige demokratische Zukunft.

Heuss, dessen Wurzeln im Kaiserreich lagen, der zwei Kriege, die Weimarer Republik und die Zeit des Nationalsozialismus erlebt hatte, vermochte die Brücke zur jungen Bundesrepublik zu schlagen. Der Liberale füllte das Amt mit seiner Person, seinen politischen Erfahrungen und setzte Maßstäbe, die bis heute gelten. Heuss wurde zu einem "Erzieher zur Demokratie" und verschaffte dem neu entstandenen Staat Ansehen im Ausland. Als "Papa Heuss" wurde der Politiker populär und genoss die Sympathie der Bevölkerung.

Mit seinem Buch ergänzt Karl-Josef Kuschel das Heuss-Bild um wichtige Facetten und verschweigt auch nicht, dass Heuss als Reichstagsabgeordneter 1933 dem Ermächtigungsgesetz der Nazis zustimmte und zwischen gebildeten, bürgerlichen "zivilisierten Westjuden", und einem "entwurzelten, jüdischen Literatentum" (Tucholsky) und den "Ostjuden" unterschied, gegen die er polemisierte. Stets um neue Impulse des Dialogs und der Verständigung bemüht, unternimmt Heuss 1960 nach seiner Amtszeit eine Reise nach Israel und begegnet unter anderem emigrierten Rexinger Juden. Ein Exkurs des Referenten galt der Ehefrau, Schriftstellerin und Begründerin des Müttergenesungswerkes, Elly Heuss-Knapp.

Der Geiger Jochen Brusch und Norbert Kirchmann am Klavier gestalteten den musikalischen Teil der Veranstaltung. Mit anrührenden Stücken wie Max Bruchs "Kol nidrei" nach dem jüdischen "Kol nidre-Gebet", mit der elegant-virtuosen Passage "Air" aus Karl Goldmarks Violinkonzert und dem variantenreichen Hauptthema aus "Schindlers Liste" (auf Wunsch des Referenten zweimal vorgetragen) setzten sie klangliche Akzente und rundeten den Abend in der Alten Synagoge harmonisch ab.

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