Referat über Hechingens Pfarrer Katz: Evangelisch getauft, als Jude verfolgt

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    Von den Nazis in die Emigration getrieben: Pfarrer Peter Katz und Ehefrau. Foto: 
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    Pfarrer Herbert Würth (r.) überreichte Dr. Hartmut Ludwig ein Präsent. Foto: 
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Gerechtigkeit ließ man ihm nicht angedeihen. Der vom Nazi-Regime als „nicht­arisch“ gebrandmarkte Hechinger Pfarrer Peter Katz wurde drangsaliert, verleumdet, aus seinem Amt gedrängt und schließlich ins Exil nach England getrieben.

Auf Einladung der evangelischen Kirchengemeinde Hechingen beleuchtete Hartmut Ludwig von der Berliner Humboldt-Universität die unfassbaren Geschehnisse und Hintergründe jener Zeit in Hechingen. Unter dem Titel „Evangelisch getauft – als Jude verfolgt“ (auch Titel seines Buches, das er in Zusammenarbeit mit Eberhard Röhm veröffentlichte) zeichnete Ludwig vor zahlreichen Zuhörern in der Johanneskirche ein plastisches Bild des von 1931 bis 1934 in der Zollernstadt tätigen Geistlichen.

Wilhelm Peter Max Katz, geboren am 1. Juli 1886 in Mannheim, stammt aus einem jüdischen Elternhaus, sein Vater war jedoch 1888 zum evangelischen Glauben übergetreten und hatte auch den damals zweijährigen Peter taufen lassen. Nach dem Studium der klassischen Philologie und der Theologie entschied sich Katz zunächst für das Lehramt, wählte jedoch nach einem zweiten theologischen Examen den Beruf des Gemeindepfarrers und wurde nach einigen anderen Wirkungsorten am 11. Januar 1931 nach Hechingen bestellt. Doch spätestens nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 sah sich der bei seiner Gemeinde bis dahin beliebte und geschätzte Pfarrer hinterhältiger Anfeindungen ausgesetzt. Im neu gewählten Kirchengemeinderat, so schilderte es Ludwig, hatten „braun angefärbte und braune deutsche Christen, die gern der Rassenideologie des Dritten Reiches folgten und eine ebensolche in der Kirche anstrebten“, das Sagen.

Weil es den „Arierparagraphen“ in der evangelischen Kirche der altpreußischen Union noch nicht gab (dieser wurde erst am 6. September 1933 auf der Generalsynode beschlossen), wollte der Gemeindekirchenrat Pfarrer Katz auf andere Art und Weise los werden. Sechs Hechinger Kirchenräte beschwerten sich am 3. August 1933 brieflich beim Sigmaringer Superintendenten Seeliger über angebliche dienstliche Verfehlungen und Schwächen des Hechinger Pfarrers. Dabei taten sich der Kirchenälteste Dr. Theodor Johannsen, Arzt und
NSDAP-Kreisleiter, und Dr. Zeller, SA-Mann und Zahnarzt besonders hervor. Sie behaupteten, im Auftrag der evangelischen Pfarrgenossen zu handeln, und verlangten, dass der Jude Katz „von der Kanzel herabsteigen“ müsse, denn „Deutsche könnten nur von Deutschen, nicht aber von Juden geistlich betreut werden“.

Obwohl sich Katz mit zahlreichen Eingaben und der Forderung nach einem formalen Untersuchungsverfahren an maßgebliche kirchliche Stellen heftig zur Wehr setzte, veranlasste das zuständige Konsistorium in Düsseldorf, dass sich Katz im Oktober 1933 beurlauben ließ. Eine Abschieds­predigt wurde ihm vom Hechinger Kirchengemeinderat verweigert. Am 3. Februar 1934 wurde er schließlich mit Wirkung zum 1. März ohne Rechtsgrundlage wegen „nicht-arischer Abstammung“ zwangsweise in den Ruhestand geschickt.

Als Ausgrenzung und Verfolgung ein erträgliches Maß überstiegen, folgte Katz der Einladung des anglikanischen Bischofs und seiner Freunde, die verfolgten jüdischen Pfarrern Hilfe anboten, und emigrierte nach langem Zögern im Mai 1939 mit seiner Familie nach England. Dort nahm die Familie den Mädchennamen von Frau Katz – Walter – an. Peter Katz arbeitete wissenschaftlich, widmete sich der Übersetzung der Septuaginta (der Hebräischen Bibel) in die altgriechische Sprache und arbeitete seit 1947 als Dozent an der theologischen Fakultät in Cambridge. Am 1. Juli 1961, zu seinem 75. Geburtstag, verlieh ihm die Universität Heidelberg die Ehrendoktor­würde.

Aus Hechingen wurde Peter Katz vom damaligen Pfarrer Dr. Peter Burkert zur 100-Jahr-Feier der evangelischen Kirchengemeinde eingeladen. In seinem Antwortbrief bedauerte Katz, „dass es uns verlangt, in die ausgestreckte Bruderhand einzuschlagen und die Brücke zwischen Einst und Jetzt festzumachen. Es ist uns ein Schmerz, dass dies nur in Briefworten geschehen kann...“.

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