Er hats nicht im Griff

Drei Jahre, sechs Monate und keine Haftentlassung - so urteilt das Amtsgericht Reutlinnach der Brandserie eines 22-Jährigen. Acht Mal hat er Feuer gelegt. Die Strafe soll Nachahmer abschrecken.

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Allein die "reinigende Kraft des Feuers", so Staatsanwältin Rotraud Hölscher, macht aus 95 bis 98 Prozent der Branddelikte Indizienprozesse. In dritter Sitzung verhandelte das Amtsgericht Reutlingen am Dienstag eine Brandserie in der Nordstadt vom vergangenen Sommer. Bauschutt, Mülltonnen, die Abdeckplane eines Autos, ein Motorrad, ein Gartenhäuschen, ein Wohnanhänger, ein Stück Wiese und ein im Parkhaus abgestellter Lieferwagen waren in Flammen aufgegangen - einfach mal so im Vorbeigehen, gedankenlos mit dem Einweg-Feuerzeug angesteckt.

Die Sache eskalierte am 6. Juli in der Wiesstraße, quasi vor der Haustür des Angeklagten. Das Feuer eines angesteckten Kleidercontainers griff auf einen ehemaligen türkischen Laden über und gefährdete 18 Bewohner, die sich gegenseitig alarmierten und mit ihren Familien in Sicherheit brachten. Den Schaden allein an diesem Tatort schätzte die Polizei auf rund 150 000 Euro.

Aufmerksam geworden waren die ermittelnden Reutlinger Beamten durch ein Video aus dem M-Park, auf dem ein Mann mit auffälligem Sweatshirt zu sehen war. Genau bei diese Marke arbeitete "zufällig" die Mutter des Angeklagten. Der 22-jährige Lehrling wurde ermittelt, observiert und auf frischer Tat ertappt.

Dem Profil der Handydaten wurden 14 Brandstiftungen im Zeitraum eines dreiviertel Jahres zugeordnet. Zwei davon musste er gestehen, weil ihm die Polizei auf die Finger geschaut hatte, weitere sechs gab er später zu - obwohl er pauschal zum jeweiligen Zeitpunkt Blackouts hatte und sich an keinerlei Details erinnern konnte. Der mit dem Fall betraute Forensische Psychiater meinte gestern: "Erinnerungslücken und -inseln wechseln sich ab. Dass man sich in Serie an gar nichts erinnern kann, gibts praktisch nicht." Welche Menge "Brennalkohol" in welcher Mischung er zu welcher Zeit getrunken hatte, das hatte er allerdings immer exakt auf dem Schirm. "Zwei Schritte vor und einen zurück", sagte der Sachverständige vom PK Weisenau, das sei weder "krank" noch "abhängig", auch nicht "schuldunfähig".

Eberhard Hausch, der zuständige Richter am Amtsgericht in Reutlingen, ist bekannt für seine Prägnanz. Im Fall des 22-jährigen Serienbrandstifters setzte er auf ein Urteil mit Abschreckungseffekt gegen Zündler. Anhand des Brandfalls am 6. Juli in der Wiesstraße machte Hausch die Folgenschwere des gedankenlosen Vorgehens: "Den Anwohnern in der Wiesstrasse wärs gleichgültig gewesen, warum sie ihr Leben lassen." Und trotzdem habe sich der 22-Jährige an dem Großfeuer so gefreut, dass er Fotos gemacht und sie verschickt habe. "Wer nicht zur Tat steht, kann auch nicht an sich arbeiten", hatte Staatsanwältin Rotraud Hölscher die von ihr zusammen gerechneten drei Jahre und zehn Monate Haft begründet: "Ich halte den Angeklagten derzeit für gefährlich."

Bereits in der U-Haft hätte der Angeklagte Gelegenheit gehabt, eine Therapie zu beginnen, Reue zu zeigen und zu lernen, bemerkte Richter Hausch. "Die Brandserie hätten Sie locker beenden können - Sie habens nicht im Griff." Polizeiliche Ermittlungen in der Vergangenheit hätten ihn nicht beeindruckt.

Auf die Aussagen des Angeklagten gab Hausch kein Jota. Dafür belegte er den Eindruck, dass sich der zurückhaltende junge Mann im Rampenlicht recht wohl fühle. Eine positive Prognose sah der Richter nicht. Auch hielt er es für möglich, dass der 22-Jährige womöglich sofort "abhaut", wenn er aus der Untersuchungshaft entlassen würde.

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