Ein Martyrium für die Opfer

Wegen gefährlicher Körperverletzung, Freiheitsberaubung und Bedrohung verurteilte das Landgericht Hechingen einen 41-jährigen Mann aus Sigmaringen zu einer vierjährigen Freiheitsstrafe.

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Ins Gefängnis muss der Täter freilich nicht. Das Gericht ordnete seine Unterbringung in einem Fachkrankenhaus an.

Der 41-Jährige hat im Juni 2013 in der Wohnung einer Bekannten in der Sigmaringer Innenstadt einem 36-jährigen Mann so schwere Verletzungen zugefügt, dass dieser einen doppelten Schädelbruch erlitt und nur knapp überlebte. Er hinderte sein Opfer und zwei Frauen unter Todesdrohungen daran, die Wohnung zu verlassen. Erst nach elf Stunden ließ er den schwer verletzten Mann frei.

Eine entscheidende Rolle bei der Urteilsfindung spielte ein vom Gericht bestellter Facharzt für Psychiatrie. Er hat den Angeklagten drei Mal ambulant begutachtet. Der Gutachter berichtete, dass der Angeklagte neben einigen körperlichen Erkrankungen auch eine Vielzahl psychiatrischer Aufenthalte hinter sich habe. In den Berichten dieser Kliniken sei von zahlreichen Selbstverletzungen und Suizid-Versuchen sowie Depressionen die Rede. Alkoholische Beeinflussung (etwa drei Promille) und Eifersucht hätten bei der Tat Einsicht und Steuerungsfähigkeit eingeschränkt. Er halte den Mann für therapiefähig, rechne aber mit einer Therapiedauer von mindestens zwei bis drei Jahren.

Staatsanwalt Markus Engel beantragte eine Gesamtfreiheitsstrafe von fünf Jahren und sechs Monaten und stellte zusätzlich den Antrag auf Unterbringung in einer Fachklinik. Er verwies auf das Martyrium der drei Opfer, die der Mann in einer Wohnung in der Sigmaringer Innenstadt zehn bis elf Stunden fest gehalten habe. Positiv wertete Staatsanwalt Engel, dass der Angeklagte dann die Freiheitsberaubung aufgegeben und sich um sein schwer verletztes Opfer gekümmert habe. Hinzu komme auch die Reue des Angeklagten. Der Vertreter der Anklage äußerte auch, dass es vielleicht gar nicht zu dieser Tat gekommen wäre, wenn der Angeklagte früher behandelt worden wäre.

Der Verteidiger des Sigmaringers hielt ein Strafmaß von vier Jahren für angemessen. Auch er verwies auf die dramatische Lebensbiografie des Angeklagten mit schwierigen Familienverhältnissen, Heimaufenthalt und erlittenem sexuellem Missbrauch. Sein Mandant habe in der Jugend nichts anderes als Alkohol, Drogen und Gewalt kennen gelernt.

Richter Herbert Anderer wies in seiner Urteilsbegründung darauf hin, dass sich der Angeklagte eine engere Verbindung mit der ehemaligen Lebensgefährtin (es war wohl nur eine kurze Affäre gewesen) gewünscht hatte und sich über deren Zurückweisung so gekränkt gefühlt habe, dass er sie in dieser Nacht mit Gewalt aus der Wohnung der Nachbarin holen wollte. Zu seiner Überraschung sei ihm dann der 36-Jährige entgegen getreten, den er dann mit dem Zimmermannshammer auf den Kopf geschlagen habe. Der Gutachter habe deutlich gemacht, dass sich die Persönlichkeitsstörung plus Alkoholisierung auf die Einsichtsfähigkeit ausgewirkt habe.

Der Lebenslauf habe wieder einmal das Phänomen gezeigt: "Kinder spielen das Leben ihres Vaters und der Eltern nach, wie sie streiten". Dabei habe der Angeklagte eine ganz bestimmte Verhaltensweise erlebt und diese auch verinnerlicht."

Dem Angeklagten bescheinigte er, gleichzeitig immer Täter und Opfer zu sein. Anderer fügte jedoch hinzu, dass der Angeklagte wieder in die Psychiatrie kommen werde, denn er sei ein gefährlicher Mann. Er habe Glück gehabt, dass er keinen Menschen getötet habe.

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