Diese Sagengestalt funktioniert auch ohne Worte

In außergewöhnlich fesselnder Form brachte das Erfurter Theater Magica die Magie der jüdischen Sagengestalt "Golem" auf die Bühne der Synagoge.

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Fingerübungen: Juliette Schenkel (rechts) und Silvia Sassetti.  Foto: 

Beim "Golem"-Theater ohne Worte beruhte das Konzept auf der Körpersprache der Schauspielerinnen, brillanten Lichteffekten und bezaubernden Klezmer-Klängen. Neben Silvia Sassetti aktierte Juliette Schenkel, die Tochter des Synagogen-Vorstandsmitglieds Wilfried Schenkel. Die Truppe des Theater Magica entwickelte mit Johannes Paul Gräßler und Martin Thoms einen unverwechselbaren Stil, indem sie Schauspiel mit wirkungsvoller Lichttechnik verband, und Live-Musik in ihr Bewegungstheater integrierte. Traditionelle Klänge aus der Klezmerwelt mit Franka Lampe (Akkordeon) und Johannes Paul Gräßler (Violine) setzten das Geschehen formvollendet in Szene und gewährten eine kongeniale Interpretation und Illustrierung: Musik und Theater illuminierten sich wechselseitig und eröffneten vertiefende Sichtweisen.

Der Golem ist eine jüdische Sagengestalt: Ein menschenähnliches, aber unbeseeltes Wesen mit Schutzfunktion, das den Menschen Arbeit abnimmt - aber schließlich außer Kontrolle gerät. Als Assoziationsangebot an die Sinne wurden drei Episoden szenisch dargestellt. Einmal ist der Golem blinde, unbewusste Energie, die durch die Erkenntnis des Menschen ans Licht geholt und transzendiert wird. Ein andermal erscheint der Mensch selber als eine Schöpfung seines Golem, der als sein Führer und innerer Meister fungiert. Die erste Episode bezog sich auf talmudische Berichte aus dem 3. bis 4. Jahrhundert. In einem interessanten Midrasch-Fragment wird Rabbi Berachia zitiert: "Da warf er die Seele in ihn (Golem) und stellte ihn hin und fasste die ganze Welt in ihm zusammen."

Die zweite Episode thematisierte die jüdische Volkssage, wonach Rabbi Löw ben Bezaleel (1513-1609) aus dem Uferlehm der Moldau eine Gestalt geformt und mittels von Gebeten und magischen Formeln belebt haben soll. Dieser künstliche Mensch, der Golem, sollte die Juden des Prager Ghettos vor Nachstellungen und Verleumdungen schützen und ging seinem Schöpfer auch bei lästigen Haushaltsarbeiten zur Hand. Als ihm allerdings einmal die Frau des Rabbi aufträgt, Wasser ins Haus zu tragen, erfüllt der Golem diese Aufgabe in Vollkommenheit: Das ganze Haus steht unter Wasser.

Die dritte Episode visualisierte den Golem der Computerzeit: Als der Religionshistoriker Gershom Scholem hörte, dass im Weizmann-Institut in Israel ein neuer Großrechner in Betrieb gehen sollte, schlug er dem Konstrukteur vor, diesen "Golem I" zu nennen.

In betont ausdrucksstarker Formensprache, wie von etwas Unheimlichem und Unwirklichem angezogen, agierten Juliette Schenkel und Silvia Sassetti souverän und mit Verve: Weit aufgerissene Augen, offener Mund, abgespreizte Finger. Angst und Entsetzen schienen zu gefrieren. Mit intensivenBewegungen, zeichneten sie expressive Szenenbilder.

Ein bemerkenswerter Theaterabend, der Zwischenräume menschlicher Wahrnehmung offenlegte.

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