Aus Fremden werden Freunde

Die in der Aviona lebenden Gambier sind nach dem tragischen Tod ihres Landsmannes Ibrahim enger zusammengerückt. Vor allem aber erfüllt sie die gelebte Solidarität der Hechinger mit großer Dankbarkeit.

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Die in der Aviona lebenden Gambier sind von großer Dankbarkeit erfüllt. Almut Petersen ist ihnen längst mehr als "nur" ihre Deutschlehrerin.  Foto: 

Vor exakt zwei Wochen starb der 22-jährige Gambier Ibrahim Jawara bei einem tragischen Badeunfall am Friedrichsträßler Wasserfall. Am vergangenen Samstag wurde er in seinem Heimatdorf Kumbija im Kreise seiner Familie beerdigt. Möglich wurde dies durch die übergroße Anteilnahme der Hechinger Bürgerschaft, die binnen weniger Tage weit mehr als das Doppelte der benötigten 7000 Euro gespendet hat, um den jungen Mann auf seine letzte Reise zurück in die Heimat schicken zu können (wir berichteten in der vergangenen Woche mehrfach). Diese gelebte Solidarität, diese Großzügigkeit und dieses von großer Menschlichkeit geprägte Mitgefühl hat bei den in der Aviona lebenden Gambier tiefste Dankbarkeit erzeugt.

Manchen von ihnen war Ibrahim Jawara ein Freund, anderen ein Nachbar, der ein paar Zimmer weiter wohnte. Die Hechingerinnen und Hechinger jedoch kannten ihn nicht, es gab keine persönlichen oder emotionalen Verbindungen. Trotzdem hat sie das Schicksal des 22-Jährigen gerührt - und sie (in Form einer Geldspende) tätig werden lassen. Das erfahren zu dürfen, hatten die Gambier so niemals zu hoffen gewagt - und sowieso nicht erwartet. Umso mehr verstehen sie die Hilfsbereitschaft der Hechingerinnen und Hechinger nicht nur als Friedensdienst für die Seele ihres verunglückten Landsmanns und dessen Familie, sondern auch als Zeichen für sich selbst, in deren Mitte willkommen zu sein.

Aus Fremden seien Freunde geworden, sagen sie. Und nennen hier namentlich an erster Stelle Almut Petersen, die unermüdlich in ihrem Bemühen war, alle Dokumente, Stempel und Papiere für die Überführung des jungen Gambiers zurück in seine Heimat zusammenzutragen - und auf deren Initiative hin, unterstützt natürlich vom Arbeitskreis Asyl, der Spendenaufruf für Ibrahim erfolgte. Almut Petersen ihrerseits sagt, dass für sie aus Schülern (sie gibt den Gambiern Deutschunterricht) Freunde geworden seien. Helfe ich oder helfe ich nicht? Diese Frage habe sich ihr nie gestellt. Tief in ihrem Glauben verwurzelt, verstehe sie es als Akt der Menschlichkeit, in der Not für andere da zu sein. Wie so viele andere Hechingerinnen und Hechinger auch. Hier nicht zu vergessen: Das Bestattungsunternehmen Seifert, das die Trauerfeier für Ibrahim Jawara vor Ort sehr tolerant und verständnisvoll begleitet habe. All diese schönen Erfahrungen machen zu dürfen, werde sie stets tief in ihrem Herzen tragen.

Wie eben auch die in der Aviona lebenden Gambier. Dass sie in Deutschland, in der Zollernstadt, zum Nichtstun verdammt sind, bedrückt sie sehr. Ihre Hoffnung für die Zukunft? Arbeiten zu dürfen, um auch ihre Familien im fernen Gambia unterstützen zu können. An beruflicher Erfahrung fehlt es ihnen nicht. Zur Gruppe der Gambier zählen unter anderem ein Lehrer, ein Koch und ein Mechaniker, ein Maler, Küchenhilfen und Servicekräfte, ein Verkäufer, ein Bekleidungsschneider, ein Bauarbeiter, ein Schweißer (Mohammed Musa Samsa hat sogar entsprechende Dokumente nach Hechingen retten können) und ein Lastwagenfahrer (Abduli Semdeh hat gleichfalls entsprechende Papiere zur Hand).

Der Hechinger Bürgerschaft bieten sie ihre Arbeitskraft ohne Gegenleistung an - und wollen so ihrer Dankbarkeit sichtbar Ausdruck verleihen. "Wir wollen gerne etwas zurück geben", erklären sie ihr aufrichtiges Angebot, ihre Arbeitskraft dort zur Verfügung zu stellen, wo sie gebraucht wird. Ob Hilfe im Garten oder auf einer privaten Baustelle benötigt wird - die Gambier sind willens und bereit, zuzupacken.

Und keine Angst: Ihr Deutsch ist zwar noch nicht so gut (doch sie sind wissbegierig und lernen schnell!), aber sie sprechen Englisch und/oder Französisch. Notfalls können auch Hände und Füße zur Hilfe genommen werden. Irgendwie klappt's mit der Verständigung. Gestern Morgen, beim Treffen in der Aviona mit den Vertretern der lokalen Presse, gab es jedenfalls keine Schwierigkeiten, sich einander mitzuteilen und zu verstehen.

Apropos: Wichtig ist Almut Petersen wissen zu lassen, dass mit den auf dem Konto des Arbeitskreises Asyl eingegangenen Spenden (die für die Überführung und Beisetzung von Ibrahim Jawara nicht mehr benötigt werden) sehr sorgsam umgegangen werde. Bei jenen, die eine größere Summe zur Verfügung gestellt haben, habe sie sich persönlich rückversichert, dass das Geld auch in die Arbeit des Freundeskreises fließen darf. Spender, die das nicht möchten, mögen sich melden - und bekommen ihr Geld dann selbstverständlich zurück.

Doch bittet Almut Petersen zu bedenken: "Es gibt so viele dramatische Schicksale unter den Asylbewerbern und Flüchtlingen, über die nicht berichtet wird - die Not ist groß!" Darüber hinaus sei es ihrer aller großer Wunsch, Deutsch zu lernen, dazu aber brauche es (recht kostspieliges) Lernmaterial. Zum Beispiel solches beabsichtigt der Arbeitskreis Asyl mit den Spenden zu kaufen. Eine gute Investition also, damit Fremde über kulturelle und religiöse Grenzen hinweg zu Freunden, zu Nachbarn im sprichwörtlichen Sinne werden können.

Wer braucht Hilfe?

Dankeschön Die in der Aviona lebenden Gambier möchten ihrer Dankbarkeit sichtbar Ausdruck verleihen - und bieten ihre Arbeitskraft an. Wer also Hilfe beispielsweise bei der Gartenarbeit oder auf einer privaten Baustelle benötigt, der möge sich nicht scheuen, sich bei Almut Petersen zu melden - sie wird den Kontakt zu den Gambiern herstellen. Ihre E-Mail-Adresse lautet:

Almut@Petersen-hch.de

SWP

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