"Kein Raum zum Entrinnen mehr"

Hechingen.  Anhaltender Applaus war der Lohn für die Theatergastspiele Kempf: Mit viel Spielfreude hatten sie Schillers Erstlingswerk um Schuld und Sühne, Rache und Gewalt, Ideal und Desillusionierung in Szene gesetzt.

Die Stadthalle "Museum" war fast bis auf den letzten Platz besetzt: "Die Räuber" gehören zu den Schwerpunktthemen für das Deutsch-Abitur 2010, und dementsprechend viele Schüler nutzten die Chance, die Theorie des Unterrichts praktisch umgesetzt auf der Bühne zu erleben. Schade gleichwohl, dass nicht auch mehr ältere Besucher den Weg in die Stadthalle gefunden hatten; immerhin gehören "Die Räuber" zu den Klassikern der Theatergeschichte.

Vor dem Hintergrund eines zurückhaltenden Bühnenbilds entwickelte sich das Drama um die feindlichen Brüder Karl und Franz von Moor in einer modernen, aber nicht anbiedernd modernen Inszenierung. So kam gerade die Zeitlosigkeit des Stücks zur Geltung: Wenn die Studenten um Karl von Mohr im Prolog die Vorlesung stürmen, mochte man sich an die 68er erinnert fühlen.

Und auch bei der nachfolgenden Radikalisierung klingt eine verblüffende Parallele zwischen Schillers 1781 vollendetem Drama und dieser Zeit an. Karl von Moor wird zum Hauptmann einer Räuberbande, die zunächst von hehren Idealen geleitet wird. Doch bei der Befreiung eines Bandenmitglieds kommen viele Unschuldige ums Leben. Die Frage der Gewalt ist ein Dauerbrenner.

"Gesetze und Normen", so Regisseur Christoph Brück, werden in den "Räubern" gebrochen "und Grausamkeiten im Namen einer gesellschaftlichen Utopie begangen. Die Idee der Freiheit wird zu einem halsbrecherischen Kampf gegen Gut und Böse." Doch auch der brav zu Hause gebliebene jüngere Bruder Franz von Moor belässt es nicht bei List und Tücke, um Karl von der Erbfolge zu verdrängen und dessen große Liebe Amalia für sich zu gewinnen. Er schreckt nicht vor Vater- und Brudermord zurück.

Und Franz von Moor? Er kann nicht zurück zur Familie, hat der Bande die Treue geschworen und vernichtet damit sein eigenes Leben und das seiner Geliebten. "Hier ist kein Raum zum Entrinnen mehr", ruft der Pater den von Soldaten eingeschlossenen Räubern zu - ein Satz, der auf die ganze, zum unausweichlichen, dramatischen Ende hin ausgerichtete Handlung als Leitgedanke passen mag.

Die Räuberbande um Franz von Mohr agiert in der Aufführung zwar, der Schillerschen Vorlage folgend, in den "böhmischen Wäldern", doch die Mitglieder der Bande wecken zeitgenössische Assoziationen: Da greift einer zum Baseballschläger, ein anderer hat die Maschinenpistole im Anschlag, und Aaron-Frederik Defant spielt den Razman als vor Aggresivität im wahrsten Sinne des Wortes zuckenden Mitläufer einer großstädtischen Jugendgang.

Brillant interpretiert Achim Grauer den Spiegelberg - Moors Konterpart hält nichts von dessen Robin-Hood-Attitüden; die alten Ideale sind bei ihm zur puren Lust an der Gewalt verkommen. Dass Regisseur Christoph Brück den Schweizer weiblich besetzt hat, unterstützt diese zeitlose Sichtweise - ganz abgesehen davon, dass Anna Kaminski, die kürzlich bei den "Rosenheim-Cops" auch im Fernsehen zu sehen war, sichtlich Spaß an dieser Rolle hat. Diese Räuberbande blieb auch Jugendlichen des Jahres 2010 nicht fremd.

In den Hauptrollen standen sich Julian Weigend und Julius Bornmann als feindliche Brüder gegenüber. Julian Weigend, einst Assistent von Horst Schimanski im "Tatort", interpretiert Karl von Moor als kraftvollen Charakter, der keine Zweifel an seiner Führungsrolle aufkommen lässt. Julius Bornmann wiederum gelingt es, die diabolische Hinterhältigkeit seines Bruders Franz ebenso anschaulich darzustellen wie seine Verzweiflung, die ihn am Ende zum Selbstmord treibt. Den Vater und Familienpatriarchen Maximilian spielt Hans H. Steinberg. Als Nase rümpfender Aristokrat glänzt er vor allem im ersten Teil. Einerseits standfest bis zum Äußersten, andererseits zerbrechlich; diese Zerrissenheit bringt Erika Ceh als Amalia überzeugend auf die Bühne. Wolfgang Grindemann schließlich treibt als Hermann nicht nur die dramatische Handlung voran, sondern lässt auch komische Momente in sein Spiel einfließen.

Am Ende war es ein gelungener Theaterabend. Bei der Uraufführung in Mannheim 1782 hatte das Theater "einem Irrenhause" geglichen, "rollende Augen, geballte Fäuste, heisere Aufschreie im Zuschauerraum. Fremde Menschen fielen einander schluchzend in die Arme, Frauen wankten, einer Ohnmacht nahe, zur Türe." Ganz so weit ging die Euphorisierung am Freitag in Hechingen nicht, aber einige begeisterte Zurufe gab es durchaus, und am Ende bleibt die Erkenntnis, dass Schillers "Räuber" auch einem jungen Publikum von heute noch etwas zu sagen haben.


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Autor: UWE OSTER | 15.03.2010

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