"Es hätte auch schlimmer kommen können"

Rangendingen.  "Das Jahr 2010 wird für den Einzelhandel auf dem Land ein kritisches Jahr mit Umsatzeinbußen. Es wird schwierig sein, den Stand zu halten", prophezeit der Rangendinger Geschäftsmann Paul Strobel.

Das Jahr 2009 neigt sich seinem Ende entgegen. Es ist das Jahr, das unser Wirtschaftssystem in die größte Krise seines Bestehens geführt hat. Dies geschah dadurch, dass der Fokus einseitig auf den Faktor Kapital gelegt wurde. In Zeiten der kurzfristigen Gewinnmaximierung gab man sich dann auch nicht mit vier oder fünf Prozent Renditen zufrieden, es mussten schon fünfzig Prozent sein, schließlich hingen davon auch die Gratifikationen diverser Banken und Broker ab. Die Blase platzte, der sonst so geächtete Staat und somit die Bürger sprangen ein. Doch zwischenzeitlich ist wieder nach der Krise vor der Krise und bei den Verursachern "Business as usual" - "zurück zur Tagesordnung". Während auf der einen Seite die "Normalität" wieder Einzug hält, stehen auf der anderen Seite Firmenpleiten, Insolvenzen, Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit.

Dies hat auch Auswirkungen auf die heimische Wirtschaft und Industrie, wie zum Beispiel auf den Rangendinger Elektrofachhändler Paul Strobel im Gewerbegebiet Hitzenried. "Das Jahr 2010 wird für den Einzelhandel auf dem Land ein kritisches Jahr mit Umsatzeinbußen. Es wird schwierig sein, den Stand zu halten", meint der Inhaber des Familienbetriebs. Mit der Installation von Photovoltaikanlagen hat sich das Unternehmen bereits frühzeitig ein zweites Standbein geschaffen, mit dem ein Teil der Verluste kompensiert werden können.

Das Weihnachtsgeschäft, das früher den Umsatz dreier Monate bescherte, ist auf die Höhe eines normalen Monats geschrumpft. "In so schwierigen Zeiten ist es wahnsinnig gut, eine gute Stammkundschaft zu haben", so Strobel weiter. "Wir geben unserer Bestes." Und so soll mit Qualität und Service gepunktet werden.

Nach den Prognosen soll es eine kleine Steigerung des Wirtschaftswachstums geben aber die Arbeitslosenzahlen sollen ebenfalls steigen, was insgesamt die Kaufkraft wieder schmälert. Nach einem anstrengenden Jahr sieht Strobel die Talsohle als noch nicht erreicht. "Aber es wird trotz aller Schwierigkeiten vorwärts gehen", sagt er mit großem Vertrauen in die Zukunft. Er sieht die größte Chancen darin, "die zwischenmenschlichen Beziehungen wieder positiv zu beleben".

Die Überlegung des erfahrenen Geschäftsmannes hat durchaus etwas für sich und würde wirtschaftlich Sinn machen: Den Schwerpunkt wieder weg vom Wirtschaftsfaktor Kapital, hin zum Wirtschaftsfaktor Mensch und Arbeit zu verlagern.

"Erste Anzeichen für eine Besserung" sieht der selbstständige Finanzberater und Bezirksleiter der Deutschen Bank, Armin Glatz aus Rangendingen. "Nachdem alle das Jahr 2009 unter dem Zeichen der Krise gesehen haben, ist es hoffentlich nun an der Zeit, im Jahr 2010 etwas Mut zu schöpfen. Zwar sind viele Probleme noch nicht endgültig gelöst in unserem Staat und unserer Wirtschaft, aber ich hoffe, dass wir 2010 am Jahresende sagen können: Es war ein besseres Jahr und es geht endlich wieder aufwärts!"

Armin Glatz rechnet fest damit, dass es nicht nur so scheint, als gäbe es Anzeichen der Besserung, "sondern dass sie für uns alle auch real greifbar wird - getreu dem Motto: Auf in ein gutes neues Jahr 2010".

Angelika Simon ist Inhaberin eines Reisebüros. " Die Bilanz des Krisenjahres 2009: Weniger Umsatz, aber es hätte schlimmer kommen können", bringt sie es auf den Punkt. Bemerkenswert seien die ersten beiden Monate gewesen: "Die Finanzkrise ist endgültig angekommen, in den Reisebüros herrschte Totentanz." Dies, nachdem eine "ganz ordentliche Wintersaison" verbucht worden war. Selbst innerhalb der Branche habe man sich über den drastischen Einbruch ausgeschwiegen. "Kein Kunde, nirgends, aber bloß nicht öffentlich darüber reden, nur nicht die Hoffnung für den Sommer zerstören", beschreibt Angelika Strobel die Stimmung. Das Sommergeschäft sei dann auch tatsächlich kurzfristig und mit nur leichtem Umsatzminus in Schwung gekommen. Die Reisebranche sei im Vergleich zu vielen anderen Wirtschaftszweigen realtiv unbeschadet durch das Krisenjahr gekommen.

Eine Prognose für 2010 kann und will die Inhaberin des Rangendinger Reiseforum nicht abgeben. "Kristallkugel, Pendel oder einfach nur Handlesen? - so mancher Touristiker wünscht sich gerade jetzt hellseherische Fähigkeiten", sagt sie. Aber diese Fähigkeiten besitzt auch Angelika Simon nicht. Dennoch sieht sie zuversichtlich in die Zukunft: "Hoffen wir, dass sich die Wirtschaft wie erwartet erholt und sich zugleich der Arbeitsmarkt stabil entwickelt, dann sehen wir unsere Branche gut gerüstet."


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Autor: CHRISTOPH SCHODER | 31.12.2009

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