Als wäre nichts geschehen

Vor 100 Jahren geschah ein Verbrechen, das bis heute für kontroverse Diskussionen sorgt: der Völkermord an den osmanischen Armeniern. In der Alten Synagoge stand dieses Thema im Mittelpunkt eines Vortrags.

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Der Züricher Historiker Hans-Lukas Kieser beleuchtete in seinem Vortrag in der Alten Synagoge den Genozid an den Armeniern vor 100 Jahren - und die Rolle Deutschlands in diesem dunklen Kapitel der Zeitgeschichte.  Foto: 

Mit dem Züricher Historiker Professor Hans-Lukas Kieser konnten die Verantwortlichen des Vereins Alte Synagoge einen ausgewiesenen Fachmann für spätosmanische Geschichte gewinnen, der am Donnerstag nicht nur die Vorgeschichte und die zwei Phasen des Genozids an den Armeniern näher beleuchtete, sondern auch auf die Rolle Deutschlands und den schwierigen Weg der Auseinandersetzung mit diesem dunklen Kapitel einging.

"Die osmanische Welt stand schon Mitte des 19. Jahrhunderts vor den Herausforderungen der Moderne", so der Historiker. Das von Vielfalt und Pluralität geprägte, riesige osmanische Reich sollte 1856 durch ein Reformedikt die Gleichstellung aller Gruppen, unabhängig ihrer Religion, erreichen. Doch die Entwicklung nahm eine ganz andere Richtung. Das Osmanische Reich wurde - nicht zuletzt durch schmerzhafte territoriale Verluste - zunehmend muslimischer geprägt. Die von den westlichen Mächten geforderten Reformen für die vorwiegend von Armeniern und Kurden bewohnten Ostprovinzen ließen auf sich warten. Erst 1914 wurde ein Reformprogramm unterzeichnet, das Kleinasien zu mehr Demokratie verhelfen sollte. "Die Unterzeichnung des Plans mit Unterstützung von Deutschland und Russland war eine Sternstunde der europäischen Diplomatie. Im Frühjahr 1914 sah die Lage für die Armenier deshalb nicht schlecht aus", unterstrich Kieser.

Doch Zerwürfnisse zwischen armenischen Politikern und dem revolutionären Jungtürken-Komitee, das die Türkei ohne ausländische Einmischung auf muslimischer Grundlage neu aufbauen wollte, ließen bald eine andere Entwicklung erkennen. "Seit den 1910er-Jahren verbreitete sich eine neue Türkismusströmung, es herrschte eine xenophobe Atmosphäre, die radikale Maßnahmen stützte." Dazu habe der Erste Weltkrieg wesentlich beigetragen. "Die Komiteeregierung warb erfolgreich um ein Kriegsbündnis mit Deutschland, das fortan alles dem Krieg unterordnete." Deutschland sei von da an weitgehend taub gegenüber den Armeniern gewesen, auch als die türkische Regierung den Reformplan definitiv annulliert habe. 1915 sei der Krieg der Jungtürken gegen "innere Feinde" eskaliert, die Massaker mehrten sich. "Die deutschen Blätter waren derweil voller Lobeshymnen auf die Jungtürken", so der Experte.

Mit der Verhaftung von Armenieren begann im April der Genozid, der in zwei Phasen ablief: Phase eins beinhaltete die Deportation von Armeniern aus Kleinasien, die zu Fuß, mit Ochsenwagen, später auch mit der Eisenbahn "verschickt" und massakriert wurden. Phase zwei markierte das finale Massaker an den Überlebenden in der syrischen Wüste im Jahre 1916. Schätzungen zufolge fielen mehr als eine Million Armenier dem Genozid zum Opfer, zehntausende Frauen und Kinder wurden entführt.

Der Völkermord an den Armeniern sei als radikales Projekt des jungtürkischen Komiteeregimes anzusehen, das als minimales Weltkriegsziel volle staatliche Souveränität mit muslimischem Kleinasien anstrebte. Der deutsche Bündnispartner habe sich dabei - ohne es sich einzugestehen - als Gehilfe erwiesen und trage eine "qualifizierte Mitverantwortung" an den Geschehnissen. Lange habe man getan, als wäre nichts geschehen und auf eine gemeinsame Zukunft mit einem Partner gesetzt, der "ein Jahrhundertverbrechen" begangen habe. Mahnende Stimmen wie die des Theologen Johannes Lepsius seien lange einsam geblieben. "Das politische Deutschland hat seine moralische Seele schon 1915 verloren, nicht erst im Zweiten Weltkrieg", so Kieser. Umso wichtiger sei es, das schwierige Erbe aufzuarbeiten und auf die "versöhnende und heilende Macht der Wahrheit" zu bauen.

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