"Nie in Richtung Diktatur"

"Lasst euch auf nichts ein, was in Richtung Diktatur führen könnte", riet Konstanze Helber den Schülern der Kaufmännischen Schule Hechingen. Sie erzählte aus ihrer Zeit im DDR-Frauengefängnis Hoheneck.

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Zeitzeugin Konstanze Helber lebt heute in Rottenburg. Die Vorsitzende des Süddeutschen Freundeskreises der Hoheneckerinnen war gemeinsam mit der Bundestagsabgeordneten Annette Widmann-Mauz in der Kaufmännischen Schule zu Besuch, um über das Thema "SED-Unrechtsstaat" zu sprechen. Foto: Samira Eisele

Mit 24 anderen Frauen in einer Zelle, ständige Angst vor dem Gummiknüppel der Schließerinnen, trockenes Brot als einziges Nahrungsmittel, kein Kontakt zur Außenwelt und keine Sekunde Ruhe: Mit diesen Erfahrungen aus ihrer Zeit im Frauengefängnis Schloß Hoheneck ließ die Zeitzeugin Konstanze Helber in der Kaufmännischen Schule Hechingen ein Stück DDR-Geschichte begreifbar werden. Knapp 100 Schülerinnen und Schüler sowie einige Lehrer der Schule hörten ihr gebannt zu und stellten ihre Fragen.

Als 22-Jährige war für Konstanze Helber die Zeit gekommen: Schon seit Jahren wollte sie raus aus der DDR, die ihr bereits als Jugendliche unfair und bedrohlich erschien. "Da stimmt etwas nicht", dieses Grundgefühl zog sich durch ihre Jugend - und weil sie in der Schule kritische Fragen gestellt hatte, war sie bereits im Visier der Staatssicherheit. Doch nicht nur aus Skepsis gegenüber dem politischen System in ihrem Heimatstaat wollte Konstanze Helber weg: Sie hatte einen Freund in der Bundesrepublik. Nachdem zwei Ausreiseanträge abgelehnt worden waren, entschloss sie sich also aus Liebe zu einer Flucht in den Westen.

Was sie nicht wusste: Zu diesem Zeitpunkt war sie längst im Visier der Staatssicherheit, und auch die Organisation, die das "Schleusen" in den Westen übernahm, war von der Stasi unterwandert. Am Grenzübergang der Transitautobahn wurde sie gefangen genommen und anschließend "völlig willkürlich" verurteilt: zu drei Jahren und drei Monaten Haft auf Bewährung.

Einige Passagen ihres Berichts aus Hoheneck fielen Konstanze Helber sichtlich schwer. In Hoheneck waren politische Gefangene inhaftiert - aber auch die ganz schweren Fälle: Mörderinnen, NS-Verbrecherinnen und diejenigen, für die es sonst in der DDR keinen Platz mehr gab - "schwer Geschädigte", nannte Helber sie. Gewalt, Zwangsarbeit, schlimmste hygienische Bedingungen, keine ärztliche Versorgung und das enge Zusammenleben mit den unterschiedlichsten Frauen und ihren Schicksalen prägten das Leben in Hoheneck. "Ich musste überleben", schildert Konstanze Helber und macht damit klar, wie drastisch die Situation für die junge Frau war. Beeindrucktes Schweigen bei den Schülern. Die Worte "Gefangene Koch, packen Sie Ihre Sachen" beendeten die Haft der Zeitzeugin, die mit Mädchennamen angesprochen wurde, schließlich: Sie war nach 21 Monaten in Haft von der Bundesrepublik freigekauft worden. In Gießen traf sie dann ihren westdeutschen Freund und jetzigen Ehemann. Heute lebt sie in Rottenburg.

Nach mehr als 25 Jahren kann sie über ihre Zeit in Hoheneck sprechen - das ist ihr auch als Stellvertreterin für andere "Hoheneckerinnen" wichtig: "Viele haben so schwere Schäden davongetragen, dass sie das nicht können". Den Besuch in der Kaufmännischen Schule hatte die Bundestagsabgeordnete Annette Widmann-Mauz, die mit Helber in Kontakt steht, initiiert. Ihre Botschaft an die Schüler: Nutzt eure demokratischen Grundrechte.

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