"Handwerk heißt Vielfalt"

Im Zollernalbkreis repräsentiert er die "Wirtschaftsmacht von nebenan": Kreishandwerksmeister August Wannenmacher feiert heute seinen 60. Geburtstag. Zeit für eine Zwischenbilanz.

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Die Handwerkskammer Reutlingen richtet zu Ehren des langjährigen Kreishandwerksmeisters und Vize-Kammerpräsidenten heute einen, wie es in der Einladung heißt, "kleinen persönlichen Empfang" in der Stadthalle Balingen aus. Die Gästeliste ist lang und prominent besetzt.

Freuen Sie sich auf die Feier, Herr Wannenmacher?

AUGUST WANNENMACHER: Ja, ich freue mich darauf, weil die Feier heute in Balingen vor allem auch gedacht ist als ein Dankeschön an meine Ehrenamtskollegen, an alle Gäste aus Handwerk und anderen Institutionen.

Sie sind seit 1976, also seit 38 Jahren ehrenamtlich in Handwerksverbänden engagiert. Wie hat sich die Situation im Handwerk gewandelt?

WANNENMACHER: Darüber kann man keine pauschalen Aussagen treffen. Dazu ist das Handwerk zu breit aufgestellt. Wenn eine Seite über volle Auftragsbücher jubelt, kommen von einer anderen Seite Klagen. Nur der Preiskampf scheint allgegenwärtig zu sein. Aber ich meine, in der Summe läuft es zur Zeit ganz ordentlich.

Nehmen wir ganz konkret Ihren Betrieb asw in Rangendingen, den Sie zusammen mit Ihrem Bruder Helmut Wannenmacher leiten. Wie ist dort die aktuelle Auftragslage?

WANNENMACHER: Wir sind gut beschäftigt. Aber auch mit solchen Aussagen bin ich immer vorsichtig. Wir haben über 30 Mitarbeiter, davon zirka 20 in der Schreinerei. Wenn in einem Handwerksbetrieb dieser Größe ein Großprojekt wegbricht, ist das spürbar. Wir haben den Vorteil, dass Umsatzschwankungen in der Schreinerei oft über unser Küchenhaus ausgeglichen werden können - und umgekehrt.

Sie waren bis 2012 Obermeister der Schreinerinnung. Ist in den Schreinereien noch alles beim Alten?

WANNENMACHER: Sicher nicht. Auch hier hat es einen Strukturwandel gegeben. Die Zahl der Betriebe sinkt. In der Balinger Kernstadt gibt es, soweit mit bekannt ist, keine einzige Schreinerei mehr. Die klassische Schreinerei mit einem Meister, zwei Gesellen und zwei Auzubis, die einen kompletten Maschinenpark vorhält, wird immer seltener. Die Tendenz geht hin zu Großbetrieben oder aber zu Ein-Mann-Unternehmen, die vor Ort arbeiten und eher auf Montage spezialisiert sind. Die mittlere Größe bricht weg.

Woran liegt das?

WANNENMACHER: Das wirtschaftliche Umfeld war früher anders. Nehmen wir Albstadt: Dort gab es große Textilbetriebe und viele davon hatten ihren, sagen wir, "Haus- und Hof-Schreiner". Mit dem Niedergang der Textilindustrie wurde vielen Handwerksbetrieben die Existenzgrundlage entzogen. Ein zweiter Punkt ist der technologische Fortschritt. Im Schreinerhandwerk hat sich die CNC-Technik durchgesetzt und CNC-Maschinen sind sehr teuer in der Anschaffung. Drittens stehen Schreinereien in Konkurrenz mit Baumärkten und Möbelhäusern. Dass wir mit Billigprodukten preislich nicht mithalten können, ist klar. Aber man kann eine Schreinerarbeit gleichsetzen mit der Leistung eines guten Möbelhauses. Dieses Bewusstsein müssen wir beim Kunden wieder wecken. Das Handwerk muss weiter an seiner Außendarstellung arbeiten.

Die Imagekampagne "Das Handwerk - Die Wirtschaftsmacht von nebenan" läuft seit fünf Jahren. Zeigt sie denn Wirkung?

WANNENMACHER: Ich bin ein totaler Verfechter dieser Kampagne. Als sie vor fünf Jahren in Berlin von der Agentur Scholz & Friends vorgestellt wurde, war ich wie elektrisiert, weil ich dachte: Das ist gut gemacht, das trifft es ganz genau. Ja, ich glaube, dass die Kampagne Wirkung zeigt und auch genau die Zielgruppe, die jungen Leute, erreicht. Aber wir müssen dranbleiben, dahinter stehen und nach außen tragen, was das Handwerk bedeutet.

Was bedeutet denn das Handwerk?

WANNENMACHER: Das Handwerk ist vielseitig. Es gibt unheimlich viele Berufe. Wenn Auszubildende im richtigen Betrieb landen, sind sie vom ersten Tag an integriert und in den laufenden Arbeitsprozess eingebunden . Zusammen mit der überbetrieblichen Ausbildung und der Berufsfachschule ist ein erlernter Handwerksberuf eine tragfähige Lebensgrundlage. Ein junger Heizung-,Sanitär- und Klimatechniker hat über seine Berufswahl zu mir gesagt: "Uns braucht man immer". Und das stimmt. Wenn der Wasserhahn tropft, ruft man keinen Akademiker an.

Was könnte die Bundesregierung tun, um das Handwerk zu stäken?

WANNENMACHER: Die Energiewende sollte konsequent umgesetzt und das EEG-Gesetz reformiert werden. Man sollte vor allem stromintensive Handwerksbetriebe wie Bäcker und Metzger stärker entlasten. Weiter sollte eine steuerliche Förderung kommen, um die energetische Sanierung von Gebäuden umzusetzen- mit dem Ziel den Energieverbrauch nachhaltig zu senken.

Und die Kommunalpolitik? Sie sind Gemeinderat in Rangendingen. Werden sie im Mai wieder kandidieren?

WANNENMACHER: Nein, ich werde nicht mehr antreten. 30 Jahre sind genug. Ob ich mich für den Kreistag aufstellen lasse, habe ich noch nicht entschieden.

Was geben Sie dem nächsten Gemeinderat mit auf den Weg?

WANNENMACHER: Weiter so! Die Gemeinde Rangendingen kann sich glücklich schätzen, dass sie so gut dasteht. Es wird laufend investiert. Die Teilorte sind gut ausgestattet und um das Zentrum, das mit der Ortsmitte, der Schule, der Kirche, der Festhalle und dem Feuerwehrhaus geschaffen wurde, beneiden uns viele. Das ist kein Status, der kurzfristig erzielt wurde, sondern einer vorausschauenden, sparsamen Kommunalpolitik zu verdanken ist. Diesen Kurs sollte man beibehalten. Ein Wermutstropfen ist die fehlende Ortsumfahrung. Aber das liegt leider nicht in unserer Hand.

Fast vier Jahrzehnte im Ehrenamt

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