"Der medizinische Fortschritt soll auch bei Ihnen ankommen"

Nur eine Zentralklinik auf der grünen Wiese kann die medizinische Versorgung im Zollernalbkreis langfristig sichern, ist Professor Michael Bitzer, Ärztlicher Direktor des Zollernalb-Klinikums, überzeugt.

|
Rede und Antwort zum Medizinkonzept des Landkreises stand in Rangendingen Landrat Günther-Martin Pauli.  Foto: 

Ordentlich gefüllt, aber keinesfalls brechend voll war die Rangendinger Festhalle, in die der Landkreis am Donnerstagabend zur Informationsveranstaltung in Sachen Medizinkonzept für den Zollernalbkreis eingeladen hatte. Willkommen geheißen wurden die Zuhörer von Landrat Günther-Martin Pauli, der feststellte: "Der Kreis muss schauen, wie er sich zukunftsfähig aufstellen kann." Dabei machte er deutlich, dass es mit ihm in Sachen Standortwahl "keine Gefälligkeitsentscheidung" geben werde. Und er kündigte an, dass es am Mittwoch, 4. Mai, auch eine Informationsveranstaltung in der Hechinger Stadthalle geben wird.

Ivo Koch und Werner Alber vom Büro Teamplan stellten sodann ihr Gutachten zu den möglichen Szenarien vor, wie die medizinische Versorgung im Landkreis zukünftig sichergestellt werden kann. "Der medizinische Fortschritt soll auch bei Ihnen ankommen", versicherten sie dem Publikum - und empfahlen neuerlich ein Zentralklinikum auf der grünen Wiese.

Gleiches tat der Ärztliche Direktor des Zollernalb-Klinikums, Professor Dr. Michael Bitzer. Dabei schickte er voraus, dass die auch von ihm vor zehn Jahren formulierte Empfehlung zu Ungunsten des Hechinger Krankenhauses falsch gewesen sei. Heute wisse man, dass sich die Rahmenbedingungen für die stationäre Medizin grundlegend geändert haben, und das Krankenhausstrukturgesetz hohe Anforderungen stelle - was zu einer höheren Strukturqualität zwinge. Starker Druck gehe dabei von den medizinischen Fachgesellschaften aus, die eine zunehmende Leistungskonzentration unumgänglich mache.

Vorteile eines Zentralklinikums nannte er unter anderem die gewährleistete Zusammenarbeit aller chirurgischen Fächer, die zentrale Notaufnahme mit Beteiligung aller Fachabteilungen sowie die Zusammenlegung einer großen Intensivstation mit allen Fachärzten an einem Ort.

Wichtig sei, ergänzte Bitzer, "dass der Notarzt schnell da ist", weshalb die Notarztstandorte zwingend beibehalten werden müssten.

Von Vorteil sei ein Zentralklinikum auch vor dem Hintergrund der Gewinnung qualifizierten Personals. Denn nur ein solches Haus könne konkurrieren, zumal: "Spitzenärzte suchen sich die besten Kliniken aus."

Bitzers Fazit: "Die Beibehaltung des Status Quo oder eines anderen Zwei-Häuser-Modells ist medizinisch falsch - weil nicht zukunftsfähig."

In der folgenden Diskussion verwahrte sich Landrat Pauli gegen den Vorwurf, mit dem Neubau des Balinger Krankenhauses seien 90 Millionen Euro Steuergelder in den Sand gesetzt worden. Dem sei nicht so: "Das Haus wird noch viele Jahre gute Arbeit leisten müssen."

Das sieht der Rangendinger Leopold Schwenk nicht anders. Dennoch formulierte er die Bitte, der Landkreis möge nicht wieder - wie vor zehn Jahren - eine übereilte Entscheidung (die damals die Schließung des Hechinger Krankenhauses zur Folge hatte) von so weitreichender Tragweite treffen. An das Büro Teamplan gerichtet, nannte er die von ihm dargelegten Berechnungen "reine Träumerei". Weil man heute nicht wissen könne, was in 25 Jahren in Sachen medizinischer Rundumversorgung zu gewährleisten sei.

Und erstmals an diesem Abend war es Schwenk, der zum möglichen Standort eines Zentralklinikums klar Stellung bezog: der könne nur Bisingen sein, weil er in der Mitte des Landkreises liege. In diesem Zusammenhang versicherte der Landrat, dass alle möglichen Standorte auf ihre Tauglichkeit "abgeklopft" würden, um die "intelligenteste Lösung" zu finden.

Ein Albstädter gab zu bedenken, dass ein Zentralklinikum die Randgebiete des Landkreises nicht erreichen werde, eine Abwanderung der Patienten beispielsweise nach Tübingen die Folge sein werde. Ein anderer Zuhörer gab sich überzeugt, dass es vor zehn Jahren ein Komplott der Albstädter und Balinger Kreisräte gegen Hechingen gegeben habe - und sich das bei der anstehenden Entscheidung wiederholen werde.

Beide Gutachten empfehlen ein Zentralklinikum

Büro Teamplan Im Auftrag des Kreistages hat das Tübinger Büro Teamplan mehrere Varianten untersucht: die Beibehaltung der beiden bestehenden Krankenhäuser, die Verlagerung der Allgemein- und Bauchchirurgie von Albstadt nach Balingen unter Beibehaltung beider Standorte, den Neubau eines Zentralklinikums auf der grünen Wiese und die Zentralisierung am derzeitigen Balinger Standort. Ergebnis: Mit geschätzten 173 Millionen Euro am teuersten, aber wirtschaftlich und medizinisch langfristig am sinnvollsten wäre nach Darstellung der Gutachter der Neubau eines Zentralklinikums - und zwar in modularer Bauweise. Das erste Modul wäre bis 2022 betriebsbereit und würde das Albstädter Krankenhaus ersetzen (das dann geschlossen würde). Das zweite Modul - für die Balinger und neue Abteilungen - könnte zwischen 2036 und 2040 fertiggestellt werden.

Ernst & Young Auch das von der Stadt Albstadt in Auftrag gegebene Gutachten des Büros Ernst & Young empfiehlt ein Zentralklinikum - im Unterschied zum Teamplan-Gutachten jedoch in einem Rutsch. Den Gutachtern zufolge wäre ein solcher Neubau für 143 Millionen Euro zu haben und könnte schon um 2023 fertig sein.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Jamaika-Ende: Trigema-Chef Wolfgang Grupp fordert Neuwahlen

Vertreter der Wirtschaft haben besorgt auf den Abbruch der Jamaika-Sondierungsgespräche reagiert. Neben bundesweiter Kritik und Verunsicherung kommen hoffnungsvolle Worte von der Alb. weiter lesen