Trümmerfeld in der Schlossstraße
Hechingen. 24 Stunden nach dem Ausbruch des Großbrandes in der Hechinger Altstadt qualmte es noch immer aus den Brandruinen. Ungeklärt ist, wie es zu dem Feuer kommen konnte. Die Staatsanwaltschaft ermittelt.
Fassungslosigkeit liegt als Grundstimmung über der Innenstadt. Werner Schmidt, Geschäftsmann aus der Schlossstraße, blickt durch die Schaufensterscheiben seines Ladens nach draußen, wo ein großer Bagger den am Montagabend niedergebrannten Altbaukomplex zusammenschiebt. "Das hat furchtbar ausgesehen. Da ist man schon ins Zittern gekommen", beschreibt er seine Stimmung vom Vorabend, als schräg vis-à-vis die Flammen tobten. "Zum Glück ist kein Wind aufgekommen. Sonst wäre die halbe Stadt in Schutt gelegen." Dankbar ist er den Feuerwehrleuten: "Die habens doch noch in den Griff gekriegt."
In der Tat ist es den 230 Feuerwehrleuten aus der ganzen Region im Rund-um-die-Uhr-Einsatz gelungen, das am Montagabend noch stark bedrohte Haus Marktplatz 2 (Hof-Apotheke) zu retten. Gefahr war hier durchaus im Verzug. In der Arztpraxis im Obergeschoss hatte der Feuerrauch schon durch die Steckdosen gequalmt.
Mit zwei Maßnahmen schützten die Einsatzkräfte das Vorderhaus: Zum einen begann schon gegen Mitternacht das Abbruchunternehmen Hipp damit, das völlig ausgebrannte Haus Marktstraße 1 abzubrechen. Der "kontrollierte Abriss" des gut 400 Jahre alten Gebäudes diente laut Einsatzleiter Maik Bulach dazu, die starken Glutnester in den Trümmern freizulegen. Zum anderen drangen die Feuerwehrleute in den "Zwischenbau" des verschachtelten Komplexes vor, brachen dort Wände durch und rissen Decken ein, um zu verhindern, dass sich das Feuer nach vorne Richtung Marktplatz fressen konnte. Das Ergebnis: Der Zwischenbau ist jetzt ebenfalls abbruchreif, das um 1800 gebaute Hof-Apotheken-Gebäude wird jedoch aller Voraussicht nach stehen bleiben können.
Allerdings wurde es im Innern massiv in Mitleidenschaft gezogen. "Stark sanierungsbedürftig" nannte Bulach den Zustand des Gebäudes nach einem Rundgang zusammen mit Bürgermeisterin Dorothea Bachmann. Die Arztpraxis ist fürs erste nicht mehr benutzbar. Die Einsatzkräfte bemühten sich in Absprache mit der Stadtverwaltung, die Patientenakten zu sichern. Nach einem Ausweichquartier für die Praxis wird gesucht.
Die Sorge von Dorothea Bachmann und der ganzen Stadtverwaltung galt gestern auch den acht Bewohnern der Brandruine. "Sie haben alles verloren", sagte die Bürgermeisterin. Gelebt hatten im Haus Marktstraße 1 ein älteres italienisches Ehepaar, ein weiteres Ehepaar mit zwei erwachsenen Kindern sowie zwei alleinstehende Bewohner. Zwei von ihnen waren gestern noch wegen Rauchvergiftungen im Hechinger Krankenhaus in stationärer Behandlung.
Die 78-jährige Frau, die erst nach einer halben Stunde bangen Wartens aus dem zweiten Obergeschoss befreit werden konnte, war in der Nacht zum Dienstag in die Albstädter Klinik verlegt worden, nachdem sich ihr Zustand verschlechtert hatte. Gestern Nachmittag versicherte Polizeisprecher Peter Mehler jedoch, die Verfassung der Frau habe sich wieder gebessert. Ihr Gesundheitszustand sei stabil. Vor allem die Todesangst, die während der langen Wartezeit aufgekommen war, hatte den Kreislauf der Seniorin wohl stark belastet. Die anderen obdachlos gewordenen Hausbewohner sind von der Stadt Hechingen vorübergehend in Hotels einquartiert worden. "Danach wird ihnen die Stadt Wohnungen zur Verfügung stellen", sagte Rathaus-Pressesprecher Thomas Jauch. "Die müssen aber erst noch hergerichtet und möbliert werden".
Insgesamt zwölf evakuierte Bewohner der Nachbarhäuser hatten die Nacht zum Dienstag in einer Notunterkunft verbracht, die das Deutsche Rote Kreuz in der Stadthalle "Museum" eingerichtet hatte. Gestern früh durften die von DRK-Helfern fachkundig Betreuten in ihre Wohnungen zurückkehren.
Die Hechinger Feuerwehr war gestern bei zweistelligen Minustemperaturen noch den ganzen Tag mit Löscharbeiten beschäftigt. In der Schlossstraße liegt immer noch ein riesiger Trümmerberg, der von gefrorenem Löschschaum überzogen ist. Die wackelnde Fassade der Brandruine zur Marktstraße hin bot ein apokalyptisches Bild. Noch am späten Nachmittag wurden glühende Balken freigelegt. Feuerwehrleute und Abrissunternehmen wechselten sich bei der Arbeit ab. Und mittendrin die Kriminaltechniker der Polizeidirektion Balingen auf aussichtslos anmutender Spurensuche. "Es wird schwierig werden, noch etwas zu finden", prophezeite Maik Bulach. War ein defekter Heizlüfter die Brandursache, wie es aus der Gerüchteküche dringt? "Nicht auszuschließen, aber auch nicht zu verifizieren", erklärt Polizeisprecher Mehler. Oder gar Brandstiftung, ein Hechinger "Mühlengeist", wie auf dem Marktplatz gemunkelt wird? "Reine Spekulation", sagt Mehler. "Gerüchte mag es viele geben, aber wir haben keine Anhaltspunkte auf Außeneinwirkung."
Mit dem Inhaber des Gebäudekomplexes, einem italienischen Geschäftsmann aus Hechingen, hatten die Ermittler laut Mehler bereits Kontakt. Der Unternehmer war, wie Marktplatz-Anlieger berichten, während des Brandes am Montagabend auch am Ort des Geschehens. Er soll, so erzählen Augenzeugen, mit seinem Handy Fotos von der Feuersbrunst gemacht haben.
Vor Ort war auch Oberstaatsanwalt Karl-Heinz Beiter. Ein routinemäßiger Besuch? "Von Routine kann man bei einer solchen Katastrophe nicht sprechen", sagte Beiter im Gespräch mit der HZ. Üblich seien die angelaufenen Ermittlungen allerdings schon. "Es brennt - und dann muss man schauen: Warum brennts? Gibt es eine menschliche Verantwortlichkeit?" Neben Vorsatz komme auch fahrlässige Brandstiftung in Frage. Konkrete Verdachtsmomente, so Beiter, lägen jedoch nicht vor. Die Spurensicherung fahndet weiter.
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Autor: HARDY KROMER | 08.02.2012
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Am Tag nach dem Großbrand in der Hechinger Altstadt qualmt es immer noch aus den Brandruinen. Feuerwehrleute sind auch 20 Stunden nach Ausbruch des Feuers noch mit Löscharbeiten beschäftigt. Foto: SWP
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