Rote Karte für Voyeure
Hechingen. Viele Hechinger zeigen dem Online-Dienst Google Street View die Rote Karte. Sie wollen verhindern, dass Bilder ihres trauten Heims übers Internet in der ganzen Welt verbreitet werden.
Unübersehbar war der Kamerawagen, der letzten Sommer über den Hechinger Marktplatz rollte. Zwei Tage später wurde auch aus Rangendingen gemeldet: "Die Paparazzi von Google waren da". Ein dunkles Fahrzeug mit französischer Zulassung rollte damals gemächlich durch Straßen und Sträßchen. Die Arbeit ist offenbar schon getan. "Wir haben eh schon alles im Kasten", heißt es sinngemäß auf der Google-Homepage. Seit 2008 werde das Deutschland-Material gesammelt. "Unsere Fahrzeuge waren schon in allen Landkreisen und kreisfreien Städten unterwegs. Das Ziel ist klar: "Von allen öffentlichen Straßen" will Google "Aufnahmen zur Verfügung stellen". Die 20 größten Städte Deutschlands sollen ja noch dieses Jahr "ins Netz" gehen. In Städten wie Stuttgart und Mannheim wird die Zeit also schon knapp: Nur noch bis zum 15. September kann Widerspruch dagegen eingelegt werden, dass Bilder von Gebäuden und Grundstücken bei Street View veröffentlicht werden.
Wann Street View in Deutschland dann flächendeckend startet, weiß selbst Google nicht zu sagen. Der virtuelle Spaziergang durch Hechingen lässt also noch auf sich warten. Dennoch wollen es viele Hechinger nicht riskieren, von den Google-Leuten ausgerechnet beim morgentlichen Müllraustragen oder beim abendlichen Ehestreit auf dem Balkon gefilmt worden zu sein, und in dieser Pose eines Tages im World Wide Web aufzutauchen. Andere sehen die Gefahren in einer für alle zugänglichen, detaillierten Abbildung ihres trauten Heims: Ist es nicht gerade für Einbrecher interessant, wo genau sich ein Hauseingang befindet? Jedenfalls ist das Interesse der Hechinger daran, den Voyeuren einen Riegel vorzuschieben, groß.
Zehn bis 15 Widerspruchsanträge in der Woche wurden seit Mai allein im Bürger- und Tourismusbüro (BTB) ausgegeben, sagt Rathaussprecher Thomas Jauch. Auch gestern war der Mustertext aus dem BTB wieder ein sehr gefragtes Dokument. "Zu Recht befürchten viele Bürgerinnen und Bürger einen Verlust der Privatsphäre, der durch das öffentliche Abbilden von Häusern und Gärten im Internet entsteht", befand die Hechinger Stadtverwaltung und informierte bereits ausführlich über die Möglichkeiten, sich gegen Street View zu wehren.
Info Das Bundesverbraucherschutzministerium empfiehlt allen Bürgern, die eine Veröffentlichung ablehnen, von ihrem Widerspruchsrecht Gebrauch zu machen, damit die Fotos nicht im Internet publiziert werden können. Nähere Informationen dazu finden sich auf den Internet-Seiten des Bundesverbraucherschutzministeriums (www.bmelv.de). Dort besteht auch die Möglichkeit zum Herunterladen von Musterwidersprüchen.
Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar
Autor: ANDREA SPATZAL | 18.08.2010
| Artikel twittern |
|
|
Alles im Kasten: So ein schwarzes Street-View-Fahrzeug wurde auch schon in Hechingen gesichtet.
MEHR ARTIKEL ZUM THEMA
DIE HT-UMFRAGE: "Google sollte um Erlaubnis fragen"
Vorläufig stellt Google Street View die 20 größten Städte Deutschlands ins Netz, aber Datenschützer stehen dem sehr kritisch gegenüber. Das HT wollte wissen: Was halten Sie davon?... mehr
Kritik an Google Street View reißt nicht ab
Berlin Google Street View hat den Gesetzgeber aufgeschreckt. Doch es gibt etliche andere Betreiber mit ähnlichen Vorhaben. Ein Kölner Startup-Unternehmen bekommt viel Resonanz - und offenbar kaum Ärger.... mehrHINTERGRUND: Widerspruch muss warten
Viele Häuslebesitzer wollen Google verbieten, ihr Heim im Internet zu zeigen. Dass das nicht so einfach ist, zeigt unser Selbstversuch.... mehrDas ist heute erlaubt
Ein Gesetz, das regelt, was ein Geo-Dienst wie Street View darf, gibt es nicht. Juristen gehen davon aus, dass das Vorgehen zulässig ist, solange der Anbieter einige Regeln einhält.... mehrNOTIZEN vom 13. August
Stadt in der Pflicht Stuttgart - Seit das Unternehmen Google den Start der virtuellen Stadtspaziergänge im Herbst verkündet hat, gibt es heftigen Widerstand von Datenschützern und Politikern... ... mehrProminente lassen ihre Häuser pixeln
Berlin Die Bundesregierung will schon in der kommenden Woche über schärfere Gesetze im Umgang mit Internet-Diensten wie Google Street View beraten. "Es wird dazu eine abgestimmte Haltung geben",... ... mehrMEISTGELESENE ARTIKEL
Schwerer Vorfahrtunfall auf neuer Kreuzung bei Brenz
Weil eine Autofahrerin die Vorfahrt nicht beachtete, kam es am Dienstag zu einem verheerenden Unfall auf der neuen Bundesstraße 492: Die Unfallverursacherin wurde lebensgefährlich verletzt.... mehr
Schulbus durchbricht Leitplanke und kippt um
Burgrieden/Rot Der Fahrer eines mit elf Schülern besetzten Schulbuses ist am Donnerstagmittag von der Straße abgekommen, durch eine Leitplanke gebrochen und anschließend im Graben auf die Seite gekippt. Ein Großaufgebot an örtlichen und überregionalen Kräften von Feuerwehr, Rettungsdienst und Polizei musste zum Einsatz anrücken.... mehr
Ratiopharm Arena: Mario Barth fällt aus
Neu-Ulm Schlechte Nachrichten für alle Comedy-Fans: Die drei ausverkauften Auftritte von Mario Barth in der Ratiopharm Arena fallen aus. Aber es gibt Ersatz!... mehr
Fremde Feder - Hans Küng: Papst provoziert Ungehorsam
Auf dem alternativen wie auf dem offiziellen Katholikentag in Mannheim herrschten allgemein Unmut und Frustration über die Verschleppung innerkirchlicher Reformen. Im scharfen Kontrast dazu bereitet Papst Benedikt XVI. für Pfingsten offensichtlich die definitive Versöhnung der katholischen Amtskirche mit den traditionalistischen Piusbrüdern, deren Bischöfen und Priestern vor.... mehr
Feuer bei Firma Knittel in Vöhringen
Vöhringen In dem Abfallentsorgungsbetrieb Knittel in Vöhringen ist am Donnerstag ein Großbrand ausgebrochen. Plastikmüll und Altpapier standen in Flammen.... mehr

ZURÜCK
