Ist der Hirntod wirklich der Tod?

"Als Hirntoter ist man nicht tot. Man ist Sterbender", sagt die Hechinger Hospizhelferin Monika Selig. Und Sterbenden soll man Organe entnehmen?

HARDY KROMER | 2 Meinungen

Die Bereitschaft zur Organspende soll erhöht werden. Das ist die Absicht des Reformgesetzes, das der Bundestag Ende März verabschiedet hat. Künftig wird jedermann alle zwei Jahre von seiner Krankenkasse gefragt, ob er bereit ist, einen Organspendeausweis auszufüllen. "Ja", "nein", "später" oder "Ich erkläre mich gar nicht" sind die Wahlmöglichkeiten, die jedem selbst überlassen bleiben. Gleichwohl wird künftig jedermann gezwungen, sich mit dem Thema Organspende auseinanderzusetzen.

"Und deshalb ist Aufklärung ganz wichtig", sagt die Hechingerin Monika Selig, die sich seit vielen Jahren mit dem Thema befasst - und gar nicht glücklich mit der neuen Regelung ist. "Meine Sorge ist, dass einfache Leute ihr Votum abgeben, ohne die Hintergründe zu kennen."

Der wichtigste Hintergrund für Monika Selig, die seit zwölf Jahren als Mitglied der Hospiz-Arbeitsgemeinschaft im Mittelbereich Hechingen Sterbende begleitet, ist die Frage, ob Hirntote (denen nach geltendem Recht Organe entnommen werden dürfen) wirklich tot sind.

Die Hospizhelferin ist aus eigener Erfahrung überzeugt, dass sie das nicht sind. "Man ist nicht tot. Man ist Sterbender", beharrt sie. Zum Beleg verweist sie auf Berichte von Nahtoderlebnissen: "Was im Sterbeprozess alles passiert, dass das Leben an einem vorüberzieht - das muss man geschehen lassen." Monika Selig kennt hirntote Patienten, die durch verlangsamten oder beschleunigten Pulsschlag auf die An- oder Abwesenheit von lieben Angehörigen reagieren. Für sie ein Beweis dafür, dass Hirntote ihre Angehörigen "mit dem Herzen wahrnehmen". Und solchen Menschen soll man den Leib aufschlitzen, um ein frisches Organ zu bekommen? Nein, sagt sich Monika Selig. Über diesen Umstand müssten sich Menschen bewusst sein, wenn sie sich zur Organspende bereit erklären.

Die Hechingerin hat ihre Bedenken im Laufe des Gesetzgebungsprozesses an die Parlamentarische Staatssekretärin Annette Widmann-Mauz und an den von ihr hoch geschätzten Ministerpräsidenten a. D., Erwin Teufel, als Mitglied des Ethikrates herangetragen. Sie erntete Verständnis, drang mit ihren Argumenten aber nicht durch. Denn auch die beiden Kirchen haben den Hirntod als Grenze des Lebens akzeptiert. Monika Selig aber fragt sich in der Karwoche, was es wirklich bedeutet, an die Auferstehung zu glauben. Für sie ist die Auferstehung "der Übergang in eine andere Seinsweise". Und diesen Prozess soll man mit Messer und Skalpell jäh abschneiden?

2 Kommentare

11.04.2012 14:57 Uhr

Hirntod und Explantation

Fortsetzung

Der 1968 als Abschalt- und Entnahmekriterium erfundene Hirntod ist nicht der Tod des Menschen. Sogenannte Hirntote sind allenfalls Sterbende im möglicherweise irreversiblen Hirnversagen. Es ist gesicherte und weltweit anerkannte wissenschaftliche Erkenntnis (z.B. der Neurologe Prof. Alan Shewmon, Los Angeles/USA), dass bei der allogenen Transplantation auf Hirntod-Basis Organe zur Transplantation den Spendern bei lebendigem Leib entnommen und diese dadurch getötet (geopfert) werden. Kein Mensch - auch kein Arzt - weiß, ob sog. Hirntote bei der Explantation etwas wahrnehmen und empfinden, aber Anzeichen sprechen dafür. In der Schweiz ist für diesen Akt des "kontrollierten Zuendesterbens" Vollnarkose vorgeschrieben und dient nicht nur der Ruhigstellung des Spenders. Das muss jeder Mensch wissen, ob Geber oder Empfänger von Organen.

Alfons Grau

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11.04.2012 14:55 Uhr

Hirntod und Explantation

Sehr geehrte Frau Selig,

herzlichen Dank für Ihre Aussagen in dem ausgezeichneten Artikel "Ist der Hirntod wirklich der Tod?" in der Südwest Presse (in der Kürze liegt die Würze!) von Hardy Kromer. Leider ist das nicht die offizielle Meinung im Caritasverband.

Ich bin Hospizhelfer und sehe und beurteile die Organtransplantation auch aus dieser Warte. In der Pressemitteilung der Initiative Kritische Aufklärung über Organtransplantation, KAO, (www.initiative-kao.de) vom 03.09.2010 heißt es:
> Wenn die Gesellschaft nicht mehr fragt: "Was braucht dieser sterbende Mensch?", sondern stattdessen: "Was brauchen wir von diesem sterbenden Menschen?", dann haben wir das Fundament unseres Zusammenlebens massiv beschädigt: "Die Würde des Menschen ist unantastbar" - und zwar in allen Phasen seines Lebens.

Fortsetzung folgt

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