Irgendwie Weiterfunktionieren

Tübingen.  Wenn wieder mal alles infrage steht: Das LTT zeigt mit "Harper Regan" ein nüchtern-tristes Vorstadt-Drama über eine Frau, die den Ausbruch wagt, um mit neuen Erkenntnissen in ihr altes Leben zurückzukehren.

Harpers Existenz steht auf der Kippe: Ihr Vater liegt im Sterben, sie bekommt nicht frei, fährt aber trotzdem und setzt damit ihren Job aufs Spiel. Trotzdem kommt sie zu spät und kann ihrem Vater nicht mehr sagen, wie viel er ihr eigentlich bedeutet hat. Ihre Familie hat keine Ahnung, wo sie steckt.

Währenddessen verletzt sie in einer Kneipe einen zudringlichen Journalisten, klaut dessen Lederjacke und gönnt sich danach einen One-Night-Stand. Danach streitet sie sich mit ihrer Mutter, die sie zwei Jahre nicht gesehen hat und die ihr verklärtes Vaterbild mächtig ankratzt. Zuhause wartet ebenfalls eine Riesenbaustelle: Ihr Mann wurde wegen zweifelhafter Fotos von Minderjährigen vor zwei Jahren vor Gericht gestellt, auf Bewährung freigelassen, ist aber seitdem "registriert" und bekommt keinen Job. Harper trägt deshalb die ganze Verantwortung für die Familienexistenz.

Während sie diese Geschichte bisher einfach verdrängt hat, regen sich jetzt allmählich Zweifel an der Unschuld ihres Mannes, bis sie nicht mehr weiß, wem sie aus der Familie überhaupt noch trauen kann.

Alles dabei also im 2008 in London uraufgeführten Stück von Simon Stephens, der zwischen all seinen Kaputtniks noch den ein oder anderen Ausbeuter, Pornokucker, Rassisten und Antisemiten mitspielen lässt, um sein Vorstadt-Panorama zwischen Flughafen und Kanal vollkommen zu machen.

Bühnenbildnerin Vesna Hiltmann liefert mit prosaischer Beton-Brücke im Neonlicht die entsprechend hässliche Kulisse. Und so wären eigentlich alle reif für einen gepflegten Amoklauf, aber Simon Stephens hat sich lieber für ein durch viele Pausen stockendes Irgendwie-Weiterfunktionieren entschieden - trotz aller Ausbruchsversuche.

Die Leerstellen lässt Regisseur Alexander Tull voll ausspielen, in einer so künstlich getakteten und wie leisen, nüchternen und sehr nackten Inszenierung. Sinnloses Plappern, ein klein wenig Echtheit und die existenzielle Verunsicherung der Figuren halten sich in etwa die Waage.

Die eigentlichen Konflikte werden von den fast Körperlosen mit viel Text und Untext einfach weggeschoben. Auch Harper schiebt kräftig weg, startet dafür ein paar durchgeknallte Ersatz-Aktionen, wechselt ständig das Thema und drangsaliert lieber andere mit Fragen, als sich selbst anzugehen. Ina Fritsche zeigt gekonnt widersprüchlich diese existenziell verunsicherte Vorstadtmischung aus Unzufriedenheit, Schicksalsergebenheit und fast schon zwanghafter Nettigkeit, die sich mit ihrem brüchigen Lächeln weder gegen den Chef noch gegen ihren Mann durchsetzen kann: Martin Maria Eschenbach geht mit seiner demütigen Oberfreundlichkeit schon in Richtung Psychoterror - ob aus schlechtem Gewissen, ob aus Dankbarkeit, dass sie trotz allem bei ihm geblieben ist - Harpers Mann bleibt undurchschaubar, während sie sich selbst in Resignation flüchtet.

Aber immerhin will sie in Zukunft alles viel ehrlicher angehen. Naja. Der Reiz des Stücks liegt vielleicht in den Doppelbesetzungen: Martin Maria Eschenbach spielt nämlich nicht nur den angriffsflächenlosen Ehemann, sondern auch den ziemlich hormonellen One-Night-Stand. Karlheinz Schmitt wiederum verbiegt sich zwischen einem schmierigen Zuckerbrot-und-Peitsche-Ausbeuter-Chef und dem Stiefvater, einer waschechten Handwerker-Karikatur mit flotter Lippe, während Felix Banholzer entweder als dessen Lehrling herumstottert oder als schnoddriger Teenager am Kanal herumlümmelt, an dem Harper ihre Sehnsucht nach Jugend abarbeitet. Nadia Migdal wiederum versucht als gedämpft rebellische Tochter verzweifelt, das Familienidyll aufrechtzuerhalten, während Harpers Mutter (Hildegard Maier) stellvertretend für alle das Leben analysieren darf: als vorwiegende Ansammlung von Momenten, in denen man auf das Leben wartet.


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Autor: KATHRIN KIPP | 13.03.2010

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