Herzögliche Kassen füllen
Hechingen. "Literatur und Musik in der Alten Synagoge". Das Programm wurde von der Vorstellung Lion Feuchtwangers Weltbestsellers "Jud Süß" bestimmt.
Umwoben von kammermusikalischen Werken von Jacques Offenbach und David Popper stellte der Rezitator Rudolf Guckelsberger in der Alten Synagoge in Hechingen ausgewählte Textstellen aus dem Roman vor. "Jud Süß" - eine Legende, an der seit über zweihundert Jahren gewoben wird und deren Spuren bis in die Gegenwart wirken. Künstlerische Phantasie und antisemitische Ausschlachtungsbegierden wechselten in dieser vielfältigen Rezeptionsgeschichte. Ein Stoff, der den jüdischen Schriftsteller Lion Feuchtwanger dazu bewegte, Joseph Süß-Oppenheimer alias Jud Süß als Titelhelden seines historischen Romans zu wählen. Er spiegelt eine differen- zierte Persönlichkeit im sozialen Gefüge seiner Epoche wider und kreist namentlich um zwei Themen: Macht und Antisemitismus.
Feuchtwanger schreibt keine Biographie, sondern schildert mit expressionistischer Sprachgewalt Aufstieg und Fall seiner Titelfigur sowie deren Funktionieren innerhalb politischer und persönlicher Machtstrukturen. Von seiten des Autor bedurfte es noch einer gewissen Aufmachung: Der trockene Braten muss mit einer schmackhaften Soße gewürzt werden.
Die Lesung umfasste vier wichtige Episoden, in welchen die Entwicklung des Protagonisten Jud Süß eindrücklich dargestellt wird: "Aufstieg zur Macht": Zielstrebig und ehrgeizig versteht es der Jude, das Vertrauen des Herzogs Karl Alexander von Württemberg zu gewinnen. Bereits im Höhepunkt seiner Macht entstehen die ersten Risse in dem Vertrauensverhältis zwischen Herzog und seinem Finanzdirektor. Zum endgültigen Bruch kommt es jedoch, als Karl-Alexander auch noch der Tochter Naemi des Juden nachstellt und diese sich nur noch durch einen Sprung in den Tod vor der Vergewaltigung zu retten weiß, das Liebste ist dem Juden genommen - er wird Rache üben.
Den Feindschaften am Hofe begegnet Jud Süß in "das Schicksal herausfordern" mit seinem Entlassungsgesuch. Der Herzog, gewöhnt an die Dienste des Juden, lehnt ab. Nach dessen plötzlichen Tod wird der Jude Süß gefangen genommen. Lange aufgestauter Unmut entlädt sich gegen ihn, den Handlanger fürstlicher Willkür, er wird als Angehöriger einer allseits und vielfach verfolgten Minderheit zum Sündenbock gemacht. Die vierte Episode "der Prozess - am Galgen" zeigt einen Menschen, der zu seinen jüdischen Wurzeln und zu seiner kulturell-religiösen Identität zuruckgefunden hat.
Mit großer Präsenz, einfühlsam und mit sehr beweglicher Stimme, rezitierte Rudolf Guckelsberger die wesentlichen Textstellen des Romans. Den musikalischen Rahmen gestaltete Ulrich Schwarz, Violoncello, am Flügel von Norbert Kirchmann begleitet, mit virtuoser Leichtigkeit und klanglicher Raffinesse.
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Autor: ANTONIA LEZERKOSS | 13.03.2010
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Rudolf Guckelsberger las aus "Jud Süß".
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