Exzentriker brauchen keine Pudel mehr

Professor Tilman Allert ist in Hechingen noch immer eine Bekanntheit und füllt ganz locker mit einer Lesung die Rotunde der Villa Eugenia mit Zuhörern.

TANJA MARQUARDT |

"Der Mülleimer wäre seiner unwürdig. Man setzte ihn aus." Der ("oder das?") Kaugummi, den Tilman Allert bei seiner Hechinger Lesung durchkaute, ist ein ganz spezieller Kandidat der süßen Kindheitserinnerungen.

Der Soziologe war auf Einladung von Buchhändlerin Teresa Welte nach Hechingen gekommen, um aus seinem Buch "Latte Macchiato - Soziologie der kleinen Dinge" zu lesen. Und für das Heimatpublikum - der Professor hat lange Zeit mit seiner Familie in Boll gelebt - las er auch gleich jenen Essay über den Kaugummi, der in seinem im Herbst erscheinenden Buch "Der Mund ist aufgegangen" abgedruckt sein wird.

Der Pudel verschwindet. Das ist kein Wunder, so stellte Allert in seinem ersten vorgelesenen Essay des Abends fest, denn der Pudel stand für Exzentrik in Schönem wie in Schrägem. Heutzutage ist jeder Mensch exzentrisch, da braucht es keinen Pudel mehr. Zum Tier der kinderlosen Gesellschaft ist der Mops mit seinem Gesicht im typischen Kindchenschema avanciert: "Tollpatschig, liebenswürdig, lebendig gewordenes Steiftier."

Kinder und Jugendliche sind in den Essays, die der in Frankfurt lehrende Soziologe vor knapp 60 Zuhörern vorlas, die Hauptpersonen. Zwei Krisen, so betonte Allert, machten Kinder durch: die ödipale in früher Kindheit und später "eine, die wir uns dramatischer nicht vorstellen können: die Pubertät." Diese Pubertät dekliniert er in vielen Abhandlungen des Buchs durch: in der Interpretation des Phänomens des Mermaidings beispielsweise. Das Schwimmen mit Meerjungfrauenschwanzflosse ist seit einigen Jahren vor allem bei jungen Mädchen der Renner. Die Verkleidung kaschiere ihr Drama der Frauwerdung nach außen, im Wasser sind die Bewegungen nicht mehr unbeholfen, sie können abtauchen und wieder da sein - einer Erscheinung gleich, transitorisches An- und Abwesendsein: "Ich bleibe unerreichbar, sprechen muss ich nicht."

Hermeneutisch in der Herangehensweise, dabei aber immer blumig und sehr fröhlich formuliert sind auch Allerts Beschreibungen dessen, was man als Kind gerne in den Mund nimmt: Schokolinsen, Orangina oder die Himbeerbonbons. Das alles interpretiert er bildreich als Fürsorge, die man als Kind erfahren hat. Und jeder der Zuhörer kann das Glück nachvollziehen, das sich einstellt, wenn das stibitzte Bonbon am Gaumen klebt.

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