Erinnern gegen das Vergessen

Hechingen.  Hechingen ist ohne seine Alte Synagoge kaum mehr vorstellbar. Doch deren Rettung war alles andere denn selbstverständlich. Daran erinnerte Dr. Norbert Kirchmann im Rahmen einer Gedenkveranstaltung.

Musikalisch umrahmt wurde die Gedenkveranstaltung von dem Pianisten Valerij Petasch. Der Sohn eines deutschstämmigen Pianisten und Musikwissenschaftlers hat am Tschaikowski-Konservatorium in Moskau studiert und ist danach als Solist mit vielen großen Orchestern der Welt aufgetreten. Seit 2000 leitet er die Meisterklasse für Klavier an der Universität Ulm. Bei der Gedenkveranstaltung in der Alten Synagoge interpretierte Petasch Werke von Franz Liszt außergewöhnlich gefühlvoll. Auf Liszt war die Wahl gefallen wegen seiner Beziehung zu Hechingen und natürlich wegen des gleich doppelten Jubiläumsjahrs, denn der berühmte Pianist und Komponist hatte 2011 seinen 200. Geburts- und 125. Todestag.

In seiner Ansprache erinnerte Dr. Norbert Kirchmann an die schwierigen Jahre, die der Wiedereröffnung der Alten Synagoge vorangegangen waren und dabei vor allem an das Wirken des 2004 verstorbenen Ideengebers und Gründungsvorsitzenden Wilhelm Eckenweiler.

Zuerst jedoch blickte Kirchmann zurück in das Jahr 1938: Damals habe es im heutigen Baden-Württemberg 242 Synagogen gegeben. In der Pogromnacht des 9. November seien 151 niedergebrannt und 77 verwüstet worden. Nur 14 blieben unversehrt. Und nach 1945: "Keine Reste vorhanden, Gedenkstein vorhanden, als Scheune benutzt und dann abgebrochen. . ." Erst in den 1980er-Jahren habe man damit begonnen, die erhaltenen Synagogen zu restaurieren. "Ich möchte diese Zahlen erwähnen", fuhr Kirchmann fort, um darzulegen, wie privilegiert wir uns fühlen dürfen, und wie dankbar wir sein können, eine dieser wenigen restaurierten Synagogen in unserer Stadt zu haben." Und er fügte hinzu: "Ohne Wilhelm Eckenweiler könnten wir uns ihrer nicht erfreuen."

Dabei sei das Projekt zunächst keineswegs populär gewesen. Schließlich habe sich die Mehrheit des Gemeinderats doch dazu durchgerungen, dass die Synagogeninitiative das Gebäude bei der anstehenden Zwangsversteigerung erwerben und die Stadt dazu einen angemessenen Zuschuss geben sollte. Doch die geplante Zwangsversteigerung platzte in letzter Minute. "Manche wollten das Handtuch werfen", erinnerte Kirchmann; auch Wilhelm Eckenweiler sei damals "zum ersten und einzigen mal sprachlos und den Tränen nahe gewesen". Doch habe er sogleich wieder die Initiative ergriffen, die dann 1982 tatsächlich zum Kauf führte.

Obwohl die Renovierung 1986 noch keineswegs abgeschlossen gewesen sei, fand in diesem Jahr am 19. November die Wiedereröffnung statt. Hintergrund war das 1200-jährige Jubiläum der Stadt, zu dem ehemalige jüdische Mitbürger eingeladen wurden. Und so nannte Kirchmann die eindrucksvollste Passage der Feier denn auch "die Übergabe der Synagogenschlüssel an die jüdischen Gäste". Wilhelm Eckenweiler habe dies mit den Worten getan: "Damit Sie dort, wo Sie jetzt leben, stets wissen, dass Sie in Hechingen jederzeit das Bürgerrecht haben. Das ist nicht das Haus des Vereins. Wir sind eigentlich nur Treuhänder."

Konrad Pflug war bis vor kurzem Leiter der Abteilung "Demokratisches Engagement" bei der Landeszentrale für politische Bildung und dort Fachbereichsleiter für Gedenkstättenarbeit. Auch in seinem Festvortrag wurde spürbar, wie schwierig es nach 1945 lange Zeit war, auf örtlicher Ebene Erinnerungsarbeit zu leisten. "In erster Linien standen am Beginn lebendige und engagierte Bürgerprojekte." Zunehmend hätten sich dann aber auch die Kommunen geöffnet. Dabei gehe es nicht nur um das rein denkmalmäßige Erhalten von Erinnerungsstätten, sondern vor allem um deren angemessene Nutzung. Und ebenso wichtig sei es, dass Besucher dorthin kämen: "Was nützt die schönste und gelungenste Gedenkstätte, wenn keiner hingeht."

In Baden-Württemberg gebe es aktuell rund 60 Gedenkstätten. Fast alle, so Konrad Pflug, bildeten "Verfolgungskomplexe aus der Zeit des Nationalsozialismus ab". Doch genau dieses örtliche Engagament sei wichtig. Denn damit mahnten die Gedenkstätten "an die Allgegenwart des Terrors praktisch vor unserer Haustür. Genau hier ist es geschehen. Es ist keine Fiktion, keine Legende." So trügen die Erinnerungsstätten mit dazu bei, "Freiheit, Demokratie und sozialen Frieden vor jedem Extremismus zu schützen". Denn so zitierte Pflug abschließend den italienischen Schriftsteller Primo Levi: "Es ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen."


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Autor: UWE OSTER | 21.11.2011

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