Dunkle Tage in Hohenzollern

Mit einer würdigen Gedenkfeier erinnerte der Verein Alte Synagoge an eines der dunkelsten Kapitel der Stadtgeschichte vor 70 Jahren, den Beginn der Deportation und Vernichtung der jüdischen Bevölkerung.

ANTONIA LEZERKOSS |

"O komm zu mir, wenn alle Stimmen schweigen, wenn schwarze Schatten sich zu Erde neigen.". So lautet der Text eines Liedes (Gesang Ursula Wiedmann), vertont vom letzten Hechinger Rabbinatsverweser Leon Schmalzbach, dessen Liedkompositonen zusammen mit den "Schlichten Weisen" von Max Reger den musikalischen Rahmen der Feier bildeten. In seiner neu erschienen Gedenkschrift "Deportation und Vernichtung hohenzollerischer Juden" befasst sich der Hechinger Autor Otto Werner mit den Geschehnissen der damaligen Tage und beleuchtet anhand vielzähliger, mit akribischer Sorgfalt zusammengestellter Dokumente sowohl die Verhaltens- und Vorgehensweise der Nationalsozialisten als auch die Lebensläufe und das traurige Ende der damals in Hechingen und Haigerloch lebenden Menschen jüdischen Glaubens.

Der Rundfunksprecher Rudolf Guckelsberger stellte einige essentielle Passagen aus der Schrift vor: Das 25 Punkte umfassende Programm der NSDAP von 1920 besagte in Punkt 4, dass Juden nicht "Volksgenossen" sein konnten. Perfiderweise leiteten die Nationalsozialisten daraus das Recht ab, den Lebensraum der jüdischen Bevölkerung durch hasserfülltes Schüren von Judenfeindlichkeit, Hetzsprüche wie "Deutscher kaufe nicht bei Juden" und weiteren, entwürdigenden Einschränkungen und Diskriminierungen immer mehr einzuengen, bis in ihrer angestammten Heimat anscheinend kein Platz mehr für sie war und sie vertrieben, verschleppt und schließlich in Konzentrationslagern ermordet wurden. Schlagworte wie Judenbann, Arisierung, Kristallnacht, Entjudung und Endlösung der Judenfrage bestimmten den Jargon der Machthaber.

Otto Werner belegt anhand zahlreicher Schriftwechsel die zynische Vorgehensweise der Schreibtischtäter. "Ich beauftrage Sie weiter, mir in Bälde einen Gesamtentwurf über die organisatorischen, sachlichen und materiellen Vorausmaßnahmen zur Durchführung der angestrebten Endlösung der Judenfrage vorzulegen", heißt es in einem Brief von Göring an Heydrich, den Organisator des Holocausts. "Judenfrei" sollte der Einflussbereich des Deutschen Reiches sein.

Mit fadenscheiniger Argumentation (Wohnungsbeschaffung), Schikanen, offener Drangsalierung und am Ende mit der Deportation schafften die Kleinstädte Hechingen und Haigerloch die "Entjudung", von der selbst Kinder und Alte nicht verschont blieben. Unter dem Vorwand des Platzmangels wurde die hochbetagte, alteingesessene Hechinger Bürgerin Sophie Levy geb. Kaufmann aus dem Hechinger Altenheim nach Eschenau bei Heilbronn abgeschoben. Carl Levi und Raphael Löwenthal wurden vom jüdischen Altenheim Haigerloch nach Theresienstadt gebracht, wo sie umkamen. Marie Levi geb. Marx sollte aus ihrer Wohnung vertrieben werden, doch so weit kam es nicht - sie setzte ihrem Leben selbst ein Ende.

Ein Erlass der Geheimen Staatspolizei Stuttgart über die "Abschiebung von Juden aus dem Kreis Hechingen in das Reichskommissariat Ost" besagte: "Die Juden sind rechtzeitig zu sammeln, ihr Vermögen ist sicher zu stellen, die einzelnen Personen sind zu durchsuchen, ihr Gepäck ist zu kontrollieren und sie sind ins Sammellager Stuttgart einzuliefern." Die erste "Umsiedlung" fand am 27. November 1941 statt. Drei weitere folgten (24. April 1942, 10. Juli 1942, 19.August 1942 ). Dann hatten die Nationalsozialisten ihr verbrecherisches Ziel erreicht: Der Kreis Hechingen war "judenfrei". 500 Jahre jüdischen Lebens waren brutal ausgelöscht.

Rudolf Guckelsberger schloss mit dem erschütternden Bericht der Lina Heß, Haigerloch, über den Abtransport ihrer Freunde und deren Eltern. Mit Kol Nidrei, einem jüdischen Gebet, das vor dem Abendgebet des Jom Kippur gesprochen wird, vertont von Max Bruch für Cello (Ulrich Schwarz) und Klavier (Norbert Kirchmann) endete die Gedenkstunde in der Alten Synagoge.

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