Brandopfer: außer Leben nichts gerettet
Hechingen. Die acht Bewohner des niedergebrannten Wohnhauses in der Hechinger Altstadt haben außer ihrem Leben nichts aus dem Feuer retten können. Alles ist verbrannt und liegt in Trümmern.
„Unser ganzes Leben war da drin“, sagt Salvatore Orlando. Der 70-jährige trägt den Schicksalsschlag mit Fassung. Seine Ehefrau Giovanna, die in der Brandnacht im zweiten Stock hat ausharren müssen bis sie endlich über die Drehleiter gerettet werden konnte, liegt noch im Krankenhaus. Der gesundheitliche Zustand der 78-Jährigen hat sich stabilisiert. Ihre Töchter Luzia und Katerina haben ihr vorgestern Abend schonend beigebracht, dass von ihrem Zuhause nichts mehr übrig ist. Da flossen der Italienerin, die ihre Fünf-Zimmer-Wohnung so sorgfältig eingerichtet und gepflegt hatte, die Tränen über die Wangen. Das Ehepaar Orlando ist froh, noch am Leben zu sein und seine drei lebenstüchtige, erwachsene Kinder um sich zu wissen, die sich jetzt, in diesen schweren Tagen, um alles kümmern.
36 Jahre hat das Ehepaar Orlando an der Marktstraße 1 gewohnt. „Es war unser Zuhause“, sagt die älteste Tochter Luzia Orlando. Sie ist vorgestern aus München angereist, um ihren Eltern und Geschwistern beizustehen. Hechingen hat sie vor über 20 Jahren verlassen, aber die Stadt weckt immer noch Heimatgefühle. An der Marktstraße habe sie eine unbeschwerte Kindheit erlebt. „Hier wohnten früher viele Familien mit Kindern, es war immer was los“, erinnert sie sich. Auch an das „viele Grün außenrum“, als es das Parkdeck noch nicht gab, und an die „gute Nachbarschaft“.
Die gute Nachbarschaft, die in dem Quartier herrscht, bekommen die Orlandos auch in diesen Tagen wieder zu spüren. Mehrere Geschäftsleute in der Schloßstraße haben sich gestern spontan zu einer Spendenaktion für die Brandopfer entschlossen. Mit ihrer Initiative „Die Schloßstraße hilft“ (siehe Info-Kasten) wollen sie „ein Zeichen dafür setzen, dass man in der Nachbarschaft füreinander da ist“. „Es soll eine schnelle und unbürokratische Hilfe sein“, sagt Geschäftsfrau Monika Belser.
Die Stadtverwaltung steht den Brandopfern ohnehin zur Seite und hilft, wo sie kann. Allen voran Jochen Bangert und Rolf Buckenmaier vom Fachbereich Bürgerdienste stehen mit den acht Menschen, die am Montag innerhalb weniger Stunden ihr Zuhause und ihr gesamtes Hab und Gut verloren haben, in Kontakt. Seit gestern wissen sie alle Brandopfer gut untergebracht. Noch gestern Abend konnte die Familie – eine 59-jährige Frau und ein 75-jähriger Mann mit zwei 26 und 22 Jahre alten Söhnen – in einer städtischen Wohnung in der Gammertinger Straße einquartiert werden. Die beiden Einzelpersonen, die in dem Haus gewohnt haben, ein Mann sowie eine Frau, beide 30 Jahre alt, hatten schnell wieder ein Dach über dem Kopf. Die junge Frau hat schon einen neuen Wohnsitz angemeldet. Der junge Mann ist bei einem Freund untergekommen. Auch für das Ehepaar Orlando ist bereits eine Wohnung in Sicht. „Wir sind mit der Kreisbau in Verhandlung“, sagte Bangert gestern. Für Mobiliar und Kleidung sei weitgehend gesorgt.
Alle Brandopfer werden sich ein neues Zuhause schaffen müssen. Das fällt schwer, wenn vom alten nichts mehr übrig ist. Alles ist verbrannt oder unter den Trümmern begraben. Was die Mitarbeiter des Abbruchunternehmens Hipp in dem Schutt noch an Verwertbarem oder gar Wertvollem ausmachen können, wird in einem Korb gesammelt.
Wie einen Schatz hält Luzia Orlando das Hochzeitsfoto ihrer Eltern aus dem Jahr 1967 in den Händen. Es ist bislang das einzige Andenken an die Zeit vor der Brandnacht. Ein früherer Hausbewohner hat es in den Trümmern gefunden und gestern den Schwestern übergeben. Es ist wellig und leicht angekokelt, für die Orlandos aber unbezahlbar.
Salvatore und Giovanna Orlando kamen vor über 50 Jahren als eine der ersten Gastarbeiter nach Deutschland. Der Apulier und die Sizilianerin haben sich in Deutschland kennengelernt und geheiratet. Als das dritte Kind unterwegs war, zogen sie vor 36 Jahren in die große Fünf-Zimmer-Wohnung im Herzen der Altstadt, die sie mit den Jahren ganz nach ihrem Geschmack ausgebaut und gestaltet haben. Auch wenn die beiden Rentner in dem Altbau auf Komfort verzichten mussten, „waren sie nie von dort weg zu bewegen“, sagen ihre Töchter und blicken wehmütig auf die klaffende Lücke in der Marktstraße.
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Autor: ANDREA SPATZAL | 09.02.2012
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Am Tag nach dem Großbrand in der Hechinger Altstadt qualmt es immer noch aus den Brandruinen. Feuerwehrleute sind auch 20 Stunden nach Ausbruch des Feuers noch mit Löscharbeiten beschäftigt. Foto: SWP
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