Blühendes aus dem Verborgenen
Hechingen. "Viel neue Musik. Musik, die in der Verborgenheit blüht." Mit diesen Sätzen eröffnete Norbert Kirchmann in der Alten Synagoge das neue Programm mit Meisterwerken aus dem 19. und 20. Jahrhundert.
Zum Auftakt der neuen Programmreihe gastierte die Berliner Sopranistin Mimi Sheffer in Hechingen. In Berlin arbeitet sie als Direktorin der Kantorenausbildung am Jewish Institute of Cantorial Arts. Zahlreiche Konzerte führten sie nach Israel und in die USA. Jetzt beeindruckte sie in Hechingen ihr Publikum mit einer äußerst innigen und warmen Stimme. Selbst Spitzentöne erklangen im piano rein und klar. Ihre Interpretationen der Synagogenmusik sind auffällig ausdrucksstark und intensiv erfahrbar.
Norbert Kirchmann, Musikwissenschaftler, der in der Synagogenmusik des Reformjudentums eine "kostbare Nische von außerordentlicher Qualität" entdeckt, begleitete Mimi Sheffer am Klavier. Seit 40 Jahren ist Kirchmann in der Liedbegleitung und in der Kammermusik als Konzertpianist tätig, sodass eine beachtliches Zusammenspiel zwischen den beiden Ausnahmemusikern erzielt werden konnte.
Die Synagogenmusik des 18. und 19. Jahrhunderts erhält ihren Seltenheitswert dadurch, dass sie eben vorwiegend für den Synagogengottesdienst geschrieben wurde. Sie erinnert in Ansätzen an Romantiker, wie zum Beispiel Felix Mendelssohn Bartholdy, und doch hat sie ihren ganz eigenen Stil und ihr eigenes Repertoire. Namen wie Louis Lewandowski und Salomon Sulzer dürften noch zu den Bekanntesten zählen. Mimi Sheffer begann ihre Darbietungen mit "Lcho Dodi" von Lewandowski, dem Mendelssohn der Synagogenmusik. Dieses Lied wird am Freitagabendgottesdienst zum Empfang der Braut gespielt. Das selbe Thema behandelt das Stück "Lecha Dodi Likrat Kalah" von Ben Haim, der Kapellmeister an der Augsburger Oper war. Das bekannte "LeDor VaDor" von Meir Finkelstein aus den USA behandelt den Bund der Generationen: Von Generation zu Generation werden Aufgaben und Erinnerungen weitergereicht, erklärte Mimi Sheffer. Gefühlvoll erklang ihre Raum füllende Stimme in einem samtigen Vibrato in den alten Gemäuern der Hechinger Synagoge.
Darauf folgten zwei Lieder zum Gebet: "Sim Sholom" von Samuel Adler musikalisierte die Bitte um Frieden, ebenso das Abendgebet "Haschkivenu" von Edward Birnbaum. In langen Melismen konnte man nicht nur die Bitte um Schutz hören, sondern fast schon ein Flehen und Fordern der Zuwendung von Gott. Ausgeprägte Kadenzen zeichneten den Melodienverlauf des nachfolgenden Liedes "Shama vatismach tziyon" von David Aizenstadt in einer Bearbeitung von Goldstein/Shwartz. Aizenstadt war in Warschau an der großen Synagoge tätig. Er blieb während des Zweiten Weltkrieges in Warschau und wurde im Warschauer Ghetto umgebracht. Seine Lieder beschränken sich auf wenige Stücke, die über den Krieg hinweg verwahrt werden konnten.
Durchaus Ähnlichkeiten zu der Musik wie man sieheute kennt, zeigte das Stück "Shalom Rav", ein Gebet für den Frieden von Ben Steinberg, das an deutsche Wiegen- oder Abendlieder erinnert und die Interpretation des Psalms 100 von Jacque Fromental Halevy, das Anklänge an die französische Grand Opéra aufweist. Das populäre "Shalom Aleichem" von Israel Goldfarb begleitete die Zuhörer in die Pause. In Erinnerung an ihren kürzlich verstorbenen Vater trug die Sängerin dessen Interpretation des Liedes vor. Von Generation zu Generation, wie bereits besungen, sang es auch schon der Großvater von Mimi Sheffer. Die Stille nach dem Vortrag sprach für sich.
Spontan und empfindsam kam die Improvisation "Shomer Yisrael" von Yoselle Rosenblatt direkt aus dem Herzen der Sängerin. Das Lied gestaltete sich noch melismatischer als die vorangegangen, und ausgeformte Klangwellen brachten den Raum zum Pulsieren. Mimi Sheffer nahm ihr Publikum ganz für sich ein. Wenn man auch den Text nicht verstand, konnte man den Inhalt an der Mimik der Künstlerin und am Affektgehalt der Musik doch erahnen. "Eli Eli"- "Mein Gott, mein Gott, es dürfte nie ein Ende haben: das Meer, der Sand, das Gebet von den Menschen zu Gott."
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Autor: RAMONA KÖNIG | 21.01.2010
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Mimi Sheffer sang in Hechingen Synagogenmusik der beiden vergangenen Jahrhunderte. Foto: Ramona König
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