Aufschreien vor Weh
Hechingen/Haigerloch. Vor 70 Jahren wurden mehr als 1000 Juden aus Württemberg und Hohenzollern nach Riga deportiert. Damit wurde gleichzeitig die Hechinger jüdische Gemeinde nach über 500 Jahren brutal ausgelöscht.
Die Entrechtung der Juden im nationalsozialistischen Deutschland erreichte einen ersten traurigen Höhepunkt mit den sogenannten Nürnberger Gesetzen vom 15. September 1935. Das "Reichsbürgergesetz" legte damals fest, dass Reichsbürger nur sein könne, wer "deutschen oder artverwandten Blutes" sei. Das schloss gemäß der nationalsozialistischen Ideologie Juden aus. Im " Gesetz zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre" wurden außerdem nicht nur Eheschließungen zwischen Juden und deutschen Staatsangehörigen verboten, sondern es wurde selbst der "außereheliche Verkehr" unter Strafe gestellt. Diesem Entzug der staatsbürgerlichen Rechte folgte Stück um Stück die weitere Entrechtung.
Ein nächster Schritt auf der Eskalationsleiter war die von Propagandaminister Joseph Goebbels organisierte Pogromnacht am 9. November 1938. In der Presse wurde damals der Eindruck erweckt, als habe es sich um eine Äußerung "spontanen Volkszorns" gehandelt als "Vergeltungsmaßnahme" für die Ermordung des Legationssekretärs an der deutschen Botschaft in Paris, Ernst Eduard vom Rath, durch den jungen polnischen Juden Herschel Grynszpan. Auch in den "Hohenzollerischen Blättern" wurde diese Legende verbreitet. In dem am 12. November 1938 erschienenen Beitrag heißt es: "In der Nacht vom Mittwoch auf Donnerstag sammelten sich in der Goldschmiedstraße vor der Synagoge empörte Volksgenossen, die in durchaus verständlicher und berechtigter Empörung diese jüdische Kultstätte zum Zielpunkt ihres Vergeltungswillens genommen hatten." Typisch für das NS-Regime war es auch, die Juden nicht nur rechtlich auszugrenzen, sondern ihnen darüber hinaus die Menschenwürde durch Worte zu nehmen: "Mit Abscheu", heißt es in dem genannten Beitrag, "spricht jedermann von dem jüdischen Pack, das nun auch hier in Hechingen die Faust des Volkes zu spüren bekam".
In der Folge der Pogromnacht kam es zu weiteren Ausgrenzungen der jüdischen Bevölkerung: Durch die "Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben" vom 12. November 1938 wurden alle bis dahin noch bestehenden jüdischen Betriebe geschlossen, nur drei Tage später wurde den jüdischen Kindern der Besuch deutscher Schulen verboten. Zahlreiche Gewerbe durften von Juden nicht mehr ausgeübt werden, Auch durften sie kein Theater, kein Kino, kein Konzert und keine Ausstellung mehr besuchen. Damit war den Juden in Deutschland neben der rechtlichen Basis die wirtschaftliche Lebensgrundlage entzogen, ja noch mehr: Selbst ihr alltägliches Leben war von immer mehr Einschränkungen gekennzeichnet.
Der Verfolgung und Entrechtung folgte die Ermordung. Im Februar und März 1940 waren erstmals Juden aus dem "Altreichsgebiet" deportiert worden. Im Oktober 1940 folgte die Deportation der Juden aus Baden und aus der Pfalz. So war es nur eine Frage der Zeit, bis die Reihe an die Juden in Württemberg und Hohenzollern käme. Und so kann die Überraschung bei den verantwortlichen Behörden in Hechingen kaum groß gewesen sein, als ihnen die Geheime Staatspolizei am 18. November 1941 in einem Erlass mitteilte: "Im Rahmen der gesamteuropäischen Entjudung gehen zur Zeit laufend Eisenbahntransporte mit je 1000 Juden aus dem Altreich nach dem Reichskommissariat Ostland. Württemberg ist daran zunächst mit einem Transport von 1000 Juden beteiligt, der am 1. Dezember 1941 von Stuttgart aus abgeht."
Der Anteil der Juden an der Bevölkerung war in Hechingen schon seit der Mitte des 19. Jahrhunderts kontinuierlich zurückgegangen, von 809 im Jahr 1842 auf nur noch 185 im Jahr 1905. Nach 1933 sank diese Zahl weiter. Zurück blieb, wer keine Möglichkeit zur Auswanderung hatte oder sich nicht vorzustellen vermochte, dass eine Kulturnation wie Deutschland einen Teil der Bevölkerung einfach ausrotten würde. In der Organisation der "Evakuierung" wird die ganze Perfidie des NS-Apparats deutlich: Zuerst mussten die Juden die Kosten für ihre eigene Deportation vorab selbst begleichen. Dann wurde ihnen vorgegaukelt, dass sie "im Osten" angesiedelt würden. Und schließlich erhielten sie am 25. November 1941 die Mitteilung, dass ihr gesamtes Vermögen beschlagnahmt sei und eingezogen würde.
Aus Hechingen wurden am 27. November 1941 elf Juden zunächst in das Sammellager auf dem Stuttgarter Killesberg gebracht: Isidor Bernheim, Lydia Bernheim, Chlothilde Bernheimer, Otto Hofheimer, Martha Hofheimer, Edith Hofheimer, Alfred Loewenthal, Mina Loewenthal, Pescha Nowenstein sowie Mina und Leon Schmalzbach, der letzte Hechinger Rabbinatsverweser. Ein Augenzeugin berichtete später: "Als wir Christen hörten, dass Juden abgeführt wurden, verschlossen wir alle die Fensterläden, damit die Armen niemanden sehen sollten. Ich werde es nie vergessen, wie der junge Hofheimer, als sie an unserem Haus vorbei kamen, mit der einen Hand die Tränen abwischte, mit der anderen sein Töchterchen führte, das eine Puppe am Arm trug. Man hätte aufschreien können vor Weh beim Anblick dieser armen weinenden Menschen."
"Killesberg! Diese Nacht des Wahnsinns und des Grauens bleibt mir unvergessen", erinnerte sich später eine Frau aus Ulm an ihre Erlebnisse dort. Vom Stuttgarter Nordbahnhof aus wurden die Juden am 1. Dezember 1941 in das Lager "Jungfernhof" bei Riga in Lettland verschickt. Drei Tage später trafen die Menschen dort völlig entkräftet ein. Der Großteil von ihnen wurde am 26. März 1942 in einem nahen Wald von SS- und Polizeieinheiten erschossen. Insgesamt wurden bei dieser Aktion 1013 Juden aus Württemberg und Hohenzollern nach Riga deportiert. Fast 1000 von ihnen wurden ermordet oder fielen den katastrophalen Lebensbedingungen im "Jungfernhof" zum Opfer.
Unter den Toten waren auch alle elf Deportierten aus Hechingen. Aus Haigerloch waren insgesamt 112 Juden deportiert worden. Von ihnen überlebten neun das Grauen des Nationalsozialismus.
Und doch haben die Nationalsozialisten am Ende nicht recht behalten. In den "Hohenzollerischen Blättern" hatte es nach dem 9. November 1938 geheißen: "In ihrem kaum zu überbietenden Zorn machten die Volksgenossen derart ganze Arbeit, dass an eine Wiederherstellung der Innenausstattung für den bisherigen Zweck nicht mehr gedacht werden kann." Zwar ist die Alte Synagoge in Hechingen heute eine Gedenkstätte und keine Heimstätte mehr für eine eigenständige jüdische Gemeinde. Doch jüdisches Leben ist darin allgegenwärtig. Und 2008 fand in dem Gotteshaus sogar wieder eine Bar Mizwa statt, die erste nach 72 Jahren. Die Haigerlocher Synagoge ist ebenfalls eine wichtige Gedenkstätte geworden.
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Autor: UWE OSTER | 26.11.2011
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