Wer kennt schon Pfarrer Herz – oder: Der Driggeberger aus Suffenhausen

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  • Eine Taufgesellschaft präsentiert sich stolz oberhalb der Dettlinger Pfarrkirche St. Pantaleon; wohl Anfang der 50er-Jahre. Misthaufen, Güllepumpe und andere „ländliche Requisiten“ waren so alltäglich, dass sie meist gar nicht wahrgenommen wurden und wohl auch auf dem Foto niemand besonders störten. 1/3
    Eine Taufgesellschaft präsentiert sich stolz oberhalb der Dettlinger Pfarrkirche St. Pantaleon; wohl Anfang der 50er-Jahre. Misthaufen, Güllepumpe und andere „ländliche Requisiten“ waren so alltäglich, dass sie meist gar nicht wahrgenommen wurden und wohl auch auf dem Foto niemand besonders störten. Foto: 
  • Auch aus Weildorf waren Besucher zu der Ausstellung gekommen. Im Vordergrund Anne Wind, eine der Ausstellungsmacherinnen. 2/3
    Auch aus Weildorf waren Besucher zu der Ausstellung gekommen. Im Vordergrund Anne Wind, eine der Ausstellungsmacherinnen. Foto: 
  • Das Geburtshaus von Pfarrer Herz unweit der Weildorfer Pfarrkirche steht bis heute. 3/3
    Das Geburtshaus von Pfarrer Herz unweit der Weildorfer Pfarrkirche steht bis heute. Foto: 
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Im ehemals hohenzollerischen Dettlingen wurde anlässlich des Jubiläumsfestes „300 Jahre St. Pantaleon“ eine kleine, aber feine Ausstellung über das Leben des, wohl zu Unrecht, kaum bekannten Pfarrers Hermann Herz gezeigt, die auch von einigen Weildorfern besucht wurde. Konzipiert haben die Ausstellung in zwei Räumen des stattlichen Pfarrhauses Anne Wind vom Ortsarchiv und Kreisarchivarin Dr. Adler.

Ursula Lacher, gebürtig aus Mühringen und Initiatorin der späteren Ausstellung, brachte mit einer Anfrage bei der Ortschaftsverwaltung Weildorf den Stein ins Rollen. Man verwies sie an unseren Freien Mitarbeiter Herbert Hurm, der, obgleich sehr interessiert an der hohenzollerischen Geschichte, erst mal passen musste: „Pfarrer Herz aus Weildorf? Noch nie gehört, aber ich bleibe dran.“

Die Neugier war geweckt und Doris Fischer, die ältere Schwester, wusste immerhin schon mal, dass das Geburtshaus, ein kleines Haus nahe der Pfarrkirche, noch steht, und dass seine Schwester Magdalena („’s Lenale“) ihm den Haushalt geführt habe.

Als weitere Quelle fand sich das Heimatbuch Weildorf von 1986 und darin ein aufschlussreicher Beitrag von Robert Frank. Nach der Priesterweihe 1899 war Herz demnach Vikar beziehungsweise Amtsverweser in Waldshut, Vilsingen und Zimmern bei Hechingen und wurde „1902 zum literarischen Studium beurlaubt... 1903 Generalsekretär des Borromäusvereins in Bonn, (dabei maßgebend am Ausbau der katholischen Ortsbüchereien beteiligt) und bis 1923 Redakteur der Borromäusblätter beziehungsweise der Bücherwelt, 1912 Pfarrer in Dettlingen (Hohenz.), 1937 Geistlicher Rat…“

In Aufzeichnungen von Karl Dettling aus Dettlingen wird der Pfarrer als „ein aufrechter und strenger Kirchenmann“ bezeichnet, eine Autorität im Dorf, wie damals allgemein üblich. Immer wieder geriet der streitbare Kirchenmann im so genannten Dritten Reich mit Nazigrößen aneinander, wehrte sich beispielsweise gegen das Hissen der Nazifahne an der Kirche und wurde mehrmals ernstlich mit der Einlieferung in ein Konzentrationslager bedroht.

Daneben war Hermann Herz aber auch „ein in weiten Kreisen bekannter und geschätzter“ Autor. Genannt seien „Wandlung“, das sich mit dem Ort Dettlingen und mit teils tragischen Ereignissen im Zusammenhang mit dem Ersten Weltkrieg befasste, oder „Der Herr Professor“, das seine Schulzeit beschrieb, sowie, und jetzt kommt wieder Weildorf ins Spiel: „D’r Garribaldi“.

Im oben erwähnten Heimatbuch wird Herz so zitiert: „Die Sache spielte sich (…) in meinem Heimatort Weildorf ab, … ein gut Teil ist frei schaltende Phantasie, vor allem der versöhnende Ausklang.“ Pikant daran war vor allem, dass er als Synonym für den Ort „Suffenhausen“ wählte. Laut Aussagen aus Dettlingen habe Herz sich mehrfach dahingehend geäußert, in Weildorf könne er sich nicht mehr blicken lassen. Auf Seite 74 findet sich dann auch ein nicht sehr schmeichelhafter Satz über den Ort, in dem er selbst aufgewachsen ist: „Ihr eigenes Nest, das dreckige Suffenhausen, war den guten Leuten (…) über den eigenen Horizont hinausgewachsen…“

Gelesen haben es wohl nur wenige Einwohner, denn neben 30 (!) Geistlichen waren laut Heimatbuch bei der Beerdigung des Pfarrers „besonders viele Bürger aus Weildorf vertreten“. Das ist sicher hoch zu bewerten, da zu der Zeit die Reisemöglichkeiten doch sehr eingeschränkt waren.

Die Schwester, die ihn zeitlebens begleitet hatte, lebte noch bis 1956 in Sigmaringen und wurde nach ihrem Tod zum Bruder ins Grab gelegt. „Hier ruht die ehrsame Jungfrau Magdalena Herz“. So lautete die Inschrift auf dem gemeinsamen Grabstein aus schwarzem Marmor, was wohl nicht allen gefiel. Im Dunkel bleibt, warum ausgerechnet dieser Grabstein „kaputt ging“, der später von der Gemeinde durch eine Gedenktafel aus Bronze ersetzt wurde, auf der jedoch nur noch Pfarrer Hermann Herz genannt wird.

Weitere Recherchen ergaben, dass das ehemalige Oberamt Hai-­gerloch und die Gemeinde Dettlingen noch mehr verbindet. So war Franz Xaver Kessler aus Gruol von 1859 bis 1888 der erste Pfarrer der nun wieder eigenständigen Pfarrei und wurde dort beerdigt. Von 1902 bis 1910 wirkte mit Johann Pfister ein weiterer Pfarrer aus Gruol in Dettlingen. 1983 wurde die Selbstständigkeit wieder aufgehoben und seit 2014 gibt es die Seelsorgeeinheit Empfingen-Dießener Tal.

Vom Erzählerischen her kann man den Pfarrer und Schriftsteller Hermann Herz sicher in die Nähe des bekannten Autors Berthold Auerbach, geb. 1812 in Nordstetten, und seiner „Schwarzwälder Dorfgeschichten“ rücken. Beide schildern vor allem Erlebnisse aus dem Alltag der „kleinen Leute“, für uns Heutige nicht immer leicht zu lesen, da oft ausschweifend, aber dafür auch sehr authentisch erzählt wird.

Leider gibt es von Pfarrer Herz kein verwertbares Bild. Spannend war die sich über viele Monate hinziehende Suche auf jeden Fall, brachte sie doch viele Berührungspunkte zu hohenzollerischer Geschichte im Kleinen. Dem Autor gelang es auch, ein Exemplar des „Garribaldi“ in die Hand zu bekommen. Darin zeichnet Herz, auf der Titelseite unter dem Pseudonym Johann Driggeberger, wirklich kein sehr schmeichelhaftes Sittenbild seiner damaligen Weildorfer Mitbürger und die verwendete Sprache darf getrost als doch ziemlich derb bezeichnet werden, aber spannend zu lesen ist es allemal. Ein rechter Lausbub scheint „Hochwürden“ zudem auch gewesen zu sein, der eigenen Angaben zufolge recht oft vom Vater heftig den Hintern versohlt bekam.

Jahre alt wurde Hermann Herz. Geboren am 19. April 1874 als Sohn des Schuhmachers Alois Herz und der Wilhelmine, geb. Kirn, in Weildorf, machte er Karriere innerhalb der Kirchenhierarchie und war von 1912 bis 1946 Pfarrer in Dettlingen. Am 3. April 1946 erlag er einem Krebsleiden.

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