Rotmilan & Co. sollen Windpark Hohwacht ausbremsen

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Dicke Bretter hatte der Haigerlocher Gemeinderat am Dienstag in einer fast fünfstündigen Sitzung zu bohren. Auf der Agenda standen gewichtige Themen: die Zukunft der Schulen, der Bau des Bürgerparks an der Eyachaue und vor allem: die Stellungnahme des Gemeinderates zur geplanten Windindustrieanlage im Wald zwischen Grosselfingen, Rangendingen und Haigerloch.

Die ablehnende Haltung der Bürgerinitiative (BI) „GegenWind Hohenzollern“ zu diesem vom Regionalverband Neckar-Alb geplanten Vorranggebiet für Windkraft ist hinlänglich bekannt. In der Bürgerfragestunde bekräftigte BI-Sprecher Alexander Siedler nochmals eindringlich den Appell an den Gemeinderat, das Zepter in die Hand zu nehmen und – anders als der Regionalverband – eingehend zu prüfen, ob das Gebiet für eine Windindustrieanlage geeignet ist. Konkret forderte die BI den Gemeinderat auf, „ein Artenschutzgutachten zeitnah und schnellstmöglich zusammen mit unseren Nachbargemeinden in Auftrag zu geben“. „Wir haben keine große Chance, aber wir werden diese nutzen“, stellte Siedler fest. Immerhin seien gegen die Planungen des Regionalverbandes zirka 1500 Einwendungen von Bürgern eingegangen. „Und es werden täglich mehr“, sagte Siedler und kündigte an, dass man diese am 30. Mai, also einen Tag vor Ablauf der Offenlegungsfrist, den Regionalplanern am Verbandssitz in Mössingen persönlich übergeben werde.

Die Kommunen dürften sich nicht länger gängeln lassen, ergänzte der BI-Sprecher. Gerade die kleinen Gemeinden würden durch den Regionalverband in ihrer Entwicklung und Selbstbestimmung eingeengt. „Man kann schon fast sagen: geknebelt.“

Mit diesem flammenden Appell rannten Alexander Siedler und weitere zahlreich anwesende BI-Mitglieder am Dienstag quasi offene Türen ein. Denn die Weichen waren bereits am 2. Mai in einem Vorgespräch zwischen Vertretern der Stadtverwaltung, der drei Gemeinderatsfraktionen, der Bürgerinitiative und des Nabu Stetten sowie des Planungsbüros  Gfrörer gestellt worden. Offiziell beschlossen wurde die Marschrichtung in der öffentlichen Ratssitzung am Dienstag.

Die Stellungnahme zur Windkraft-Planung des Regionalverbandes sieht nun wie folgt aus: Auf der Ebene des Teilflächennutzungsplanes Windkraft der Stadt Haigerloch werden weitere Untersuchungen im Bereich des Artenschutzes vorgenommen. Dadurch werde das 2012 umrissene Vorranggebiet „Einschränkungen erfahren“. Denn schon damals seien unter anderem mehrere Rotmilan-Horste in dem Gebiet registriert worden.

Begründete Einwände gegen das Windkraft-Vorranggebiet werde der Regionalverband akzeptieren, prophezeite Planer Gebhard Gfrörer. „Aber Einwände ohne ein Gutachten wären ein bisschen schwach“, betonte er. Die Stadt müsse Herrin des Verfahrens bleiben. In der landesweiten Windkraft-Offensive sei allein der Flächennutzung „die Ebene der Kommunen“. Hier gelte es, mit einem Artenschutzgutachten anzusetzen. „Man muss die Emotionen zurückstellen und Fakten schaffen“, riet Gfrörer. Die Untersuchungen im Bereich Artenschutz dauerten etwa ein Jahr. Die Kosten für das Gutachten konnte Gfrörer nicht beziffern. Dennoch bekam er grünes Licht.

In der Haigerlocher Stellungnahme wird außerdem eingewendet, dass die Steillagen mit Vorkommen von geschichtetem Knollenmergel für Windkraftanlagen nicht geeignet seien. Bei der Planung müsse ferner die Erdbebenzone III und das Wasserschutzgebiet berücksichtigt werden. Hingewiesen wird auf die Schallproblematik und die Forderung einer Nachtabschaltung wegen der Nähe zu den Wohngebieten. Außerdem würden Windräder auf der Hohwacht das Landschaftsbild und die Blickbeziehung zur Burg Hohenzollern „massivst beeinträchtigen“.

Noch eingearbeitet werden in die Stellungnahme die ergänzenden Argumente aus den angrenzenden Ortschaften Stetten, Owingen, Hart und Gruol. Dabei wird unter anderem auf das Naherholungsgebiet, die Flächenversiegelung, die Gefahren für Grundwasser und Trinkwasserversorgung, die „Bedrängungswirkung“, den Infraschall, die Brandlast und die Zweifel an der Windhöffigkeit hingewisen.

Stetten macht besonders auf die Mehfachbelastung durch B 463, Salzbergwerk etc. aufmerksam. Harts Ortsvorsteher Dr. Thomas Bieger machte auf den geringen Abstand der Windräder zum Ort aufmerksam. „Wir sind in vorderster Linie betroffen“, so Bieger. In dem Plangebiet seien viele Dolinen, die bis zum Grundwasserspiegel reichen. Der Windatlas sei „sehr zweifelhaft.“

Noch deutlicher wurde Owingens Ortsvorsteher Karl-Heinz Binder: Er sei in Gersbach bei Schopfheim im Landkreis Lörrach gewesen, wo Ende 2016 der Windpark Rohrenkopf in Betrieb ging. Der dortige Amtskollege habe berichtet, dass die Windräder dem Ort nicht gut getan hätten. Die Natur sei zerstört, das Dorf gespalten, Absprachen nicht eingehalten worden. „Die Windräder sehen aus, als stünden sie im Garten“, so Binders Beobachtung. Vor den „Leuten mit den grünen Mäntelchen“ sei höchste Vorsicht geboten, denn sie entpuppten sich als „Investoren, die nur Zuschüsse abgreifen wollen“.

Allein Hannelore Schick (CDU) bekannte sich zur Windkraft: Wir wollen keine Atom- und keine Kohlekraftwerke, aber woher soll unser Strom dann kommen? Und Gerd Strobel (CDU) traute sich zu fragen: „Was würden wir denn daran verdienen?“ Darauf hatte niemand eine Antwort.

Die Zahl bleibt vorerst im Dunkeln – ebenso wie die Kosten für das Artenschutzgutachten. Ein Zuhörer bemerkte am Rande der Sitzung übrigens, dass er es schon sehr verwunderlich finde, dass der sonst streng auf sparsames Haushalten bedachte Haigerlocher Gemeinderat einem Planungsbüro mit einem Handstreich einen „Persilschein“ ausgestellt habe.

Prozent ihres Wertes würden Immobilien in Windpark-Nähe verlieren, rechnete ein Bürger vor – bei 3000 Häusern in Haigerloch à 250 000 Euro ein Verlust von 225 Millionen Euro.

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