Patricia Kelly: Wehe, wenn Sie „Kitsch“ sagen!

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Diese Frau ist Rock ’n’ Roll sagt sie: Patricia Kelly.  Foto: 

Frau Kelly, Sie gehen auf
Solo-Tournee. Wie froh sind Sie, die Sippschaft mal los zu sein?

Patricia Kelly: Das hat schon seinen Charme. Es ist ein großes Geschenk, dass man sich als Künstler mal austoben und frei sein kann. Aber ich bin süchtig nach meinen Geschwistern. Mit denen ist es auch schön.

Aber bei so einer Riesenverwandtschaft wie Ihrer: Gab es auch Momente in Ihrem Leben, in denen Sie gern Einzelkind gewesen wären?

Kelly: Fast jeden Tag. In einer großen Familie ist immer etwas los. Da zickt immer irgendjemand. Inklusive mir. Zum Glück beruhigt sich das nach ein paar Tagen wieder. Unter uns herrscht eine bedingungslose Liebe, aber unter Geschwistern kann man schon auch mal härter sein und sich die Wahrheit sagen.

Welche Wahrheiten haben Sie von Ihren Geschwistern schon zu hören bekommen?

Oh. Ganz schön viele. Wenn ich zum Beispiel genervt bin, sagen die: Jetzt ist aber mal gut.

Bei Auftritten mit Ihrer Familie singen Sie über Engel und rote Rosen. Wenn Sie richtig gestresst sind, hören Sie dann heimlich Heavy Metal, um Dampf abzulassen?

Ich muss Ihnen leider sagen, Sie scheinen die Kellys nicht zu kennen! Sie waren wohl noch nie auf einem Konzert von uns!

Doch...*

Dann erstaunt mich das. Wir singen nicht nur über Engel und Rote Rosen! Das ist ein Klischee! Eigentlich sind wir sehr, sehr Rock ‘n‘ Roll! Lieder wie „An Angel“ klingen vielleicht ein bisschen kitschig, aber das liegt daran, dass wir die vor über 20 Jahren als junge Menschen geschrieben haben.

Ist Kitsch etwas Schlimmes?

Für mich war die Kelly Family nie Kitsch. Nie! Kitsch ist etwas Übertriebenes, etwas, das keine Substanz hat. Die Kellys waren nie Kitsch! Wir waren immer sehr bodenständig, extrem authentisch, waren wir selbst. Dass wir emotional sind und über Gefühle singen: ja. Sehnsucht, Liebe, Wut, was auch immer. Wir waren die ersten Künstler in Europa mit eigener Plattenfirma – uns hat niemand gesagt: Jetzt singt mal über dies und jenes, das verkauft sich gut. Vielleicht kam der Riesenerfolg, weil die Leute gespürt haben, dass wir keine gecastete Showband waren.

Ist Kelly-Musik deshalb so zeitlos? Eine Weile war es ja etwas stiller um Ihre Familie. Ihr Comeback im Frühjahr hat eingeschlagen wie eine Bombe.

Ich denke schon, dass dieses Authentische die Menschen anspricht. Letztens hatte ich eine sehr prominente Frau bei mir zu Gast, den Namen sage ich nicht. Die sagte: „Ich dachte, dieses Bodenständige sei nur Marketingstrategie, Du lebst ja ganz normal.“ Natürlich tue ich das! Ich fahre auch keinen Mercedes.

Sondern?

Tut mir leid für die Schwaben, ich fahre einen Fiat Mini. Ich besitze auch keine Rolex, obwohl ich mir eine kaufen könnte.

Und das ist etwas Besonderes als Popstar?

Ich kenne Bands, die tragen auf der Bühne Lederjacken und Skinny Jeans. Und in der Garderobe ziehen sie dann den Busi­ness-Anzug an und fahren einen dicken, fetten Mercedes. So schizophren sind die Kellys nicht.

Was sind sie denn dann?

Die Kellys gibt es seit über 40 Jahren. Als ich acht war, waren wir als Familie mit unseren Eltern bereits die Nummer eins in ganz Europa. Das war 1978, 1979. Da waren einige Kelly-Fans noch gar nicht geboren. Wir waren damals schon genauso berühmt wie heute. Wir sind eine Institution in Deutschland.

Aber so richtig gewöhnlich scheint Ihr Leben halt auch nicht. Sie sind früher als Straßenmusiker umhergetourt, haben keine konventionelle Schule besucht, später haben Sie Stadien gefüllt und haufenweise Platinplatten gesammelt. Wie definieren Sie für sich „Normalität“?

Für mich ist ein Mensch normal, der in der Realität lebt, im Hier und Jetzt und nicht in einer Illusionswelt, und der bodenständig ist. Jemand, der im Alltag funktioniert und einfach seinen Dingen nachgeht. Ich weiß, dass ich ein ganz normaler Mensch bin. Einer, der auch mal auf die Toilette und mit den Kindern spazieren geht und seinen Mann küsst. Nur mein Beruf ist nicht normal. Das muss man unterscheiden.

Wollten Sie mal lieber einen normalen Beruf haben?

Niemals. Im Gegenteil. Ich wollte immer weiter auf Tour sein, ich habe nichts vermisst.

Und am dauernd um die Welt Touren ist echt gar nichts blöd?

Ich kann vielleicht nicht perfekt deutsch schreiben, aber dafür sechs Sprachen sprechen. Wenn ich auf Reisen bin, staunen meine Kinder immer, wie ich mich mit Menschen in anderen Ländern unterhalten kann und so schnell Zugang zu anderen Kulturen finde. Ich habe Freunde auf der ganzen Welt, von Amerika bis China und Russland, europaweit.

Sie sind in Spanien zur Welt gekommen, Ihre Eltern waren amerikanisch-irische Einwanderer, heute leben Sie in Deutschland. Fühlen Sie sich als Angehörige einer Nation oder als Kosmopolitin?

Das ist vielleicht der Nachteil meiner Lebensgeschichte. Manchmal beneide ich Menschen wie die Schwaben, die ihr Land haben, die in einer Stadt oder auf einem Dorf wohnen, wo die Familie schon immer war, und die einen ganz normalen Bezug zu jedem Familienmitglied haben. Es stimmt, ich bin eine Kosmopolitin. Ich fühle mich in Deutschland, Irland, Spanien und Frankreich zuhause. Aber mein Zuhause ist da, wo meine kleine Familie ist.

In der Hochphase der Kelly Family in den Neunziger-Jahren waren Sie auf jedem zweiten „Bravo“-Cover drauf. Dann wurde es ruhiger um sie. Wie sehr vermisst man Ruhm?

Ein Teil von uns Menschen ist eitel, sucht immer Erfolg, Bestätigung, will etwas Besseres als die meisten sein. Ich glaube, dieser Teil steckt in jedem von uns. Es gibt wenige Menschen, die so eine reine Seele haben, dass sie das nicht trifft.

Und Sie sind so ein Mensch?

Es gab schon zwischenzeitlich Momente, in denen ich dachte: Oh, jetzt sind wir nicht mehr so bekannt wie damals. Aber das ist nicht der Kern von Patricia. Im Herzen bin ich nicht eitel. Wir haben uns damals aber auch bewusst zurückgezogen. Große Agenturen in Amerika haben uns Angebote gemacht, Walt Disney wollte einen Film über uns drehen. Aber wir haben alles abgelehnt, weil es uns zu viel wurde. Wir haben uns entschieden, für eine Weile weniger berühmt zu sein.

Die Kelly Family hat immer polarisiert. Man liebt sie oder findet ihre Musik ganz übel.

Das war in den Neunzigern so. Wir haben mit Erstaunen festgestellt, dass seit unserem erfolgreichen Comeback in diesem Jahr kein einziger schlechter Artikel über uns geschrieben wurde.

Und jetzt vergöttern sie alle?

Musik ist ja immer Geschmackssache. Aber die Leute, die die Kelly-Musik damals nicht aushalten konnten, haben jetzt Respekt. Zu mir sagen viele: Ich habe Euch früher gar nicht gemocht, aber heute ziehe ich den Hut davor, dass ihr es nach 40 Jahren immer noch schafft, in die Charts zu kommen und die größten Arenen zu füllen. Das Polarisieren ist passé.

Wie hätten Sie jenen, die Sie früher nicht mochten, erklärt, dass Kelly-Fan-Sein eigentlich ganz dufte und gar nicht peinlich ist?

Man muss uns nicht mögen. Es gibt genug Gründe, das nicht zu tun.

Lassen Sie hören!

Zum Beispiel den, dass wir ganz normale Menschen mit Macken sind. Ich bin nicht da, um Everybody’s Darling zu sein. Mein einziges Ziel ist, Menschen im Herzen zu erreichen. Wenn das bei manchen nicht ankommt, ist es halt nicht deren Musik.

Als ich in der siebten Klasse im Schullandheim war, haben wir Stehblues zu „An Angel“ getanzt. Das war vor 23 Jahren. Können Sie dieses Lied eigentlich selber noch hören?

Wir haben Lieder wie „An Angel“ in der Gruppe 20 Jahre lang nicht gesungen. Jetzt haben wir sie umarrangiert, die Solos singen jetzt andere. Dann wirkt das auf einmal wie ein neues Lied, wirkt wieder frisch. Es gab schon Zeiten, in denen wir das nicht mehr hören konnten. Aber heute ist es wieder chic. Das ist retro!

Gar nicht retro ist seit Ihrem Comeback Ihr Kleidungsstil. Früher sah der immer aus wie eine Mischung aus hippieesker Mainstreamresistenz und Folkloregruppe. Warum laufen Sie heute anders herum?

Wir sind älter geworden. Ich bin ja schon 47 Jahre alt. Ich interessiere mich nicht mehr so für Klamotten wie mit 30. Ich muss mich nicht mehr ständig mit meinen Anziehsachen ausdrücken. Es war auch damals nicht unsere Absicht, mit unseren Klamotten berühmt zu werden. Mit 20, 30 fanden wir die eben cool. In dem Alter ist das vielleicht eine Suche nach Identität. Oder danach, Teil einer Gruppe zu sein.

Also sind Sie jetzt mit 47 auch keine Fashionista?

Mich nervt Shoppen. Ich gehe vielleicht drei, vier Mal im Jahr, weil ich für Talkshows und Interviews etwas brauche. Dann gehe ich schnell rein ins Geschäft, kaufe etwas, und gehe schnell wieder raus.

Ihre anstehende Tour heißt „Blessed Christmas“. Wenn Sie mit Ihrer Familie Weihnachten feiern, kommt dann die Gans auf den Tisch oder eine Schüssel Kartoffelsalat?

Mein Mann kommt aus Russland. Er kocht sehr gerne und sehr gut. Und er liebt Ente.

Patricia Kelly wurde 1969 im spanischen Gamonal geboren. Mit ihrer irisch-amerikanisch-stämmigen Großfamilie tourte sie bis in die 90er-Jahre durch Europa. 2017 trat sie mit einigen ihrer Geschwister erneut als Kelly Family auf. Die Konzerte waren ausverkauft, das neue Album schoss auf Platz eins der Charts. Daneben startete Patricia Kelly eine Solokarriere. Sie ist verheiratet und hat zwei Söhne.

Am Freitag, 22. Dezember, kommt sie zum Abschluss ihrer „Blessed Christmas“-Tour in die St. Clemens-Kirche in Gruol. Das von Jessica Schneider vom Werbe- und Eventbüro upnormal kreativ, Haigerloch, organisierte Konzert ist ausverkauft. Kelly will dann eigene Kompositionen, deutsche und internationale Weihnachtslieder singen. Sie gibt bereits im dritten Jahr in Folge ein Konzert in Haigerloch. Zehn Prozent des Ticketumsatzes fließen in die Renovierung der Vituskapelle.

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