Knapp vorbei an der Sprengung

Im April 1945 ging Nazideutschland der Stunde Null entgegen. Die Fronten der Alliierten rückten von allen Seiten auf das Deutsche Reich zu. In manchen Städten, wie in Haigerloch, waren es gleich zwei Fronten.

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  • Das Uran ist gefunden: Amerikanische Soldaten graben die Relikte der Atomforschung aus einem Acker beim Schloss aus. 1/4
    Das Uran ist gefunden: Amerikanische Soldaten graben die Relikte der Atomforschung aus einem Acker beim Schloss aus.
  • Nach den Franzosen kamen die Amerikaner, und die hatten ausschließlich den Felsenkeller im Visier. Archivbilder 2/4
    Nach den Franzosen kamen die Amerikaner, und die hatten ausschließlich den Felsenkeller im Visier. Archivbilder
  • Das Schwere Wasser war in der unteren Mühle in Gruol versteckt gewesen. 3/4
    Das Schwere Wasser war in der unteren Mühle in Gruol versteckt gewesen.
  • Monsignore Gulde, Retter der Kirche. 4/4
    Monsignore Gulde, Retter der Kirche.
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Dass am Morgen des 20. April 1945 zuerst die Franzosen, und drei Tage später die Amerikaner in Haigerloch einmarschierten, hatte einen Grund: die geheime Atomforschung. Im Bierkeller des Haigerlocher Schwanenwirtes war seit Ende Februar 1945 ein Kernreaktor aufgebaut. Wissenschaftler um die Physiker Werner Heisenberg und Carl Friederich von Weizsäcker versuchten, eine Kettenreaktion in einem Kernreaktor in Betrieb zu nehmen. Die Franzosen wussten nichts davon, aber die Amerikaner.

Hans Beck, 1945 ein Bub, der in der Nachbarschaft des Schwanenkellers wohnte, hat vor seinem Tod die Erinnerungen an jenen Tag aufgeschrieben: "Am Freitagmorgen, 20. April 1945, kamen gruppenweise Soldaten vom Bahnhof her und sagten uns, die Franzosen seien schon in Weildorf." Sein Vater habe gerufen: "Es kommen Panzer die Stadt herunter!" Weiter schreibt der Augenzeuge: "Wir im Luftschacht hörten Schüsse, die gegen den Fels schlugen. Mein Vater sah von seinem Platz aus einen Mann mit weißem Mantel und französische Soldaten die Oberstadtstraße herunterkommen." Neben der St.-Anna-Kirche brannte ein Haus.

Das war nur der Auftakt der ereignisreichen Tage: "Am Samstag, 21. April 1945, donnerten gegen 9 Uhr wieder schwere Panzer durch Haigerloch. Am Sonntag, 22. April 1945, beschlagnahmten die Besatzer Häuser als Übernachtungsquartiere. Am Montag, 23. April 1945, passierte etwas Seltsames: Es tauchten nochmals Soldaten auf. An ihren Fahrzeugen war ein weißer Ring mit einem Stern darauf, also waren es amerikanische Soldaten. Diese Soldaten gingen mit Maschinenpistolen im Anschlag in das Gasthaus Schwanen hinein und kamen nach kurzer Zeit mit dem alten Schwanenwirt Johann Merz heraus. Ich hörte, wie Herr Merz sagte: ,Dann wird es wohl der Keller da hinten sein' und in Richtung Pfluggasse zeigte. Da musste Herr Merz vorausgehen, die Soldaten gingen mit der Waffe im Anschlag hinterher. Wir sprangen ebenfalls hinterher." Ab diesem Moment war der Schwanenkeller von den amerikanischen Soldaten besetzt und bewacht.

Was die Haigerlocher zu diesem Zeitpunkt nicht wissen konnten: es waren keine gewöhnlichen amerikanischen Besatzer, sondern Soldaten der Spezialeinheit Alsos unter Leitung von Oberst Pash. Ziel war es, die Kernforscher des Kaiser-Wilhelm-Instituts ausfindig zu machen. Die Amerikaner wollten wissen, wie weit die Deutschen noch von einer Atombombe weg waren - und das in Haigerloch. Im Schwanenkeller waren einige Holzdielen, die über dem Reaktorschacht lagen, schnell beiseite geräumt. Die Alsos- Leute fanden den Rest des Reaktors in der Grube. Das Wichtigste aber fehlte: das Uran und das Schwere Wasser. Das Uran war in einem Acker beim Schloss vergraben, dass Schwere Wasser versteckt in der unteren Mühle in Gruol. Nach ausgedehnten Verhören fanden die Alsos-Leute die Verstecke, und das Material wurde abtransportiert.

Anschließend sollte die vermeintliche Forschungsstätte zerstört werden, um alle Spuren einer deutschen Kernforschung zu verwischen. Zum damalige Haigerlocher Stadtpfarrer und späteren Monsignore Gulde kam am 23. April gegen 10 Uhr ein amerikanischer Offizier, um mitzuteilen, dass der Atomkeller gesprengt werde. Der Monsignore aber überzeugte den Offizier, dass der Atomkeller "ja nur noch ein leeres Loch" sei und überredete den Soldaten zuerst die Schäden in der Schlosskirche zu besichtigen. "Wir betraten den herrlichen Raum", so berichtete Gulde, "und der Offizier blieb am Eingang stehen, um die gesamte Schönheit zu bewundern. Das Gesamturteil des Offiziers war: ,So was Schönes habe ich noch nie gesehen'." Beim Hinausgehen habe der Amerikaner zu ihm gesagt: "Da haben Sie in Haigerloch aber großes Glück gehabt: Denn wenn die Spionage herausgefunden hätte, dass hier Atomforschung betrieben wird, wäre alles ausgelöscht worden." Diese Bemerkung griff der Pfarrer geschickt auf: "Nun könnten Sie, Herr Kommandant, uns auch ein großes Glück verschaffen, indem Sie auf die Sprengung des Atomkellers verzichten. Ich bitte Sie darum im Interesse der Menschen und der Kunstwerke." Der Vorschlag wurde erfüllt. Die Besichtigung der Schlosskirche hatte offenbar den Offizier zur Erfüllung dieser Bitte veranlasst.

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