Kandidatin Stella Kirigane-Efremidou sucht persönlichen Kontakt

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Die 51-jährige Stella Kirigane-Efremidou kandidiert für die SPD im Wahlkreis Zollernalb-Sigmaringen.  Foto: 

Welch‘ netter Empfang. „Ich habe Ihnen etwas Süßes gemacht“ – mit diesen Worten verrät Stella Kirgiane-Efremidou gleich zu Beginn eine ihrer Leidenschaften. „Sie backt und kocht für ihr Leben gerne“, erklärt Renate Straub. In deren Haus in Pfeffingen hat Stella Kirgiane-Efremidou, Kandidatin der SPD für die Bundestagswahl, während des Wahlkampfs nicht nur ein Bett und einen Tisch, sondern auch Familienanschluss. Die Bundestagskandidatin hat ihr zweites Zuhause für das Pressegespräch ausgewählt.

Während Renate Straub Kaffee ausschenkt, serviert Stella Kirgiane-Efremidou Ekmek, einen griechischen Zwiebackkuchen. „Bei meinen Kindern heißt er nur Oma Elenis Kuchen, weil sie ihn so gut macht“, erzählt die 51-Jährige.

Als die Politikerin, die mit ihrer Familie in Weinheim ein Lokal betreibt, im Herbst 2012 als SPD-Bundestagskandidatin zum ersten Mal für den Wahlkreis Zollernalb-Sigmaringen nominiert wurde, wohnte sie die erste Zeit in einem Hotel in Balingen. Bis Renate Straub ihr das Angebot machte nach Pfeffingen zu ziehen. Dass sie zum zweiten Mal antritt, nachdem sie bei der Bundestagswahl 2013 18,2 Prozent holte und bei den Erst- und den Zweitstimmen für ihre Partei das zweitschlechteste Ergebnis in Baden-Württemberg eingefahren hat, verstehen viele nicht. Die Politikerin hat darauf eine ausführliche Antwort. Zum einen bezeichnet sie ihr Wahlergebnis 2013 als damalige Neueinsteigerin als gut. „Es war sehr knapp.“ Zum anderen möchte sie mit der erneuten Kandidatur das Vermächtnis ihres Vaters erfüllen. Er habe, als er mit seiner Familie Mitte der 1960er-Jahre vor der griechischen Militärdiktatur nach Deutschland geflohen ist, in Sigmaringen viel Unterstützung erhalten. Stella Kirgiane-Efremidou ist davon überzeugt, dass diese Menschlichkeit und Hilfsbereitschaft, die ihre Eltern in Sigmaringen als Fremde erfahren durften, die Gründe dafür sind, warum ihre Familie geblieben ist. Ein weiterer wichtiger Grund: „Der Wahlkreis hätte es verdient, mit mindestens zwei Abgeordneten im Parlament vertreten zu sein.“ Sie geht davon aus, dass sie auf das Direktmandat keine Chance hat, hält aber den Einzug ins Parlament über die Landesliste, auf der sie Platz 23 belegt, für machbar.

Während des Wahlkampfs pendelt die Politikerin, die nach der Schule eine Ausbildung zur Journalistin gemacht hat und später in den Gastronomiebetrieb ihrer Familie eingestiegen ist, regelmäßig. Mit ihrem Ehemann Alexandros Efremidis und den Kindern Vassily (30), Eleni (28) und Lazaros (23) telefoniert und schreibt sie täglich.

Für ihren Wahlkampf hat sich die SPD-Politikerin vor allem eines vorgenommen: Sie möchte mit so vielen Menschen wie möglich in Kontakt kommen. Dabei möchte sie auch neue Wege gehen, beispielsweise sich mit einem Eiswagen auf den Markplatz stellen – „ich habe ein Gesundheitszeugnis und darf das“ – oder zu Kochevents einladen. „Frontalbeschallungen sind nicht mehr zeitgemäß, ich führe einen sehr persönlichen Wahlkampf“, sagt sie.

Natürlich kommt auch die Frage auf, wie ein griechisches Gastarbeiterkind zur Genossin geworden ist. Stella Kirgiane-Efremidou schmunzelt und erzählt: „Willy Brandt hat mich zur SPD geführt.“ Der erste sozialdemokratische Kanzler Deutschlands hatte 1981 nach seiner Zeit im Kanzleramt das Lokal ihrer Eltern besucht. Die damals 16-jährige Stella Kirgiane hatte den Ehrengast in einer griechischen Tracht bedient, in der sie sich sichtlich unwohl fühlte, wie sie erzählt. Zum Rauchen hatte sich Willy Brandt in einen ruhigen Raum zurückgezogen und die Wirtstochter gebeten, sich zu ihm zu setzen. „Brandt hat sich eine Stunde mit mir unterhalten und mich ernst genommen“, erzählt sie von der Begegnung, die dazu führte, dass sie und ihr Mann Alexandros 1985 in die SPD eingetreten sind. Die SPD sei bis heute ihre Partei geblieben, sagt die Gastronomin, die Weinheim auch als Gemeinde- und Kreisrätin kommunalpolitisch mitgestaltet. „Die SPD ist immer in Bewegung; wir sind eine lebendige Partei“, sagt sie. Sie denkt kurz nach, bekennt dann, dass sie einmal auch gehadert habe, zu Zeiten von Schröders Agenda 2010. Am Ende habe die Einsicht gesiegt: „Austreten hilft ja nicht.“ In ihren Gesprächen mit den Wählern habe sie aber gespürt, dass viele Angst hätten, dass der Schröder-Effekt wieder eintreten könne.

Dagegen spricht sie mit Bewunderung vom Shootingstar der SPD, Martin Schulz. „Er hat klare Kante“, sagt sie. Das gefällt ihr. Ebenso die Tatsache, dass er es aus schwierigen Verhältnissen bis nach oben geschafft hat und ehrlich darüber redet. Zudem sei er als Europapolitiker in bundespolitischen Themen noch nicht eingefahren. „Er bringt frischen Wind rein.“ Und dieser frische Wind ist auch im Wahlkreis Zollernalb-Sigmaringen angekommen. „Der Schulz-Effekt hat uns neue Mitglieder beschert“, so die Politikerin. Sie hat den Eindruck, dass die Zeit reif ist für einen politischen Wechsel: „Die Menschen wollen eine neue Richtung.“

Ihr Verhältnis zur AfD ist von Nüchternheit geprägt. Sie wehrt sich mit Inhalten gegen dieses „Zurück in die 1930er-Jahre“. Außer dem Flüchtlingsthema habe die Alternative für Deutschland nichts Substanzielles im Programm. „Wir können ihnen die Luft zum Atmen nehmen, wenn wir die Migration offenlegen.“ Der SPD schwebe das kanadische Modell vor, „denn wir müssen die Migration steuern.“ Dabei betrachte sie das Problem keinesfalls mit einer rosaroten Brille. „Wir müssen zwischen Asyl und Einwanderung unterscheiden“, sagt sie. Probleme werde es immer geben. Die Asylverfahren dauerten zu lange. Vom Tag der Einreise bis zum Tag der Entscheidung dürften nicht mehr als drei Monate vergehen. Deshalb dürfe man jetzt auf keinen Fall die eingeführten Strukturen wieder zurückbauen. Ihr ganz persönlicher Eindruck zur Flüchtlingskrise: „In den letzten Jahren sind die Hemmungen bei den Kritikern gefallen.“

Was ihren Wahlkreis betrifft, ist die Liste der Themen lang. Angefangen bei der Verbesserung der Infrastruktur und dem beschleunigten Breitbandausbau: „Wir müssen Gas geben bei der Digitalisierung.“ Die dreifache Mutter wünscht sich eine kostenfreie Ausbildung, von der Kita bis zum Studium und nimmt das Thema Landflucht sehr ernst.

Es ist das Wort „sozial“ im Parteinamen, das Stella Kirgiane-Efremidou antreibt. „Deutschland ist ein gerechtes Land“, urteilt sie. Es könne aber noch gerechter werden. Deshalb setzt sie sich dafür ein, dass niemand verloren geht. Ihr Herz schlägt für das Land, für das ihr Vater vor über 50 Jahren seine Heimat verlassen hat. Auch wenn sie als Kind oft ausgegrenzt wurde. „In der Sprache, in der man träumt, ist man daheim“, sagt sie. Sie träumt auf Deutsch. „Meine Wurzeln aber sind in Griechenland; der Doppelpass drückt aus, wie ich mich fühle.“ Irgendwo dazwischen. Der Begriff Europäerin trifft es wohl am besten.

Im Wahlkreis Zollern­alb-Sigmaringen heißen die Kandidaten für die Bundestagswahl Thomas Bareiß (CDU), Stella Kirgiane-Efremidou (SPD), Erwin Feucht (Grüne), Dirk Mrotzeck (FDP), Hans-Peter Hörner (AfD) und Claudio Wellington (Linke).

Wir stellen unseren Lesern die Kandidaten in den kommenden Wochen vor. Heute: SPD-Kandidatin Stella Kirigane-Efremidou.

Haigerloch ist die einzige Gemeinde im ganzen Mittelbereich Hechingen, die zum Bundestagswahlkreis Zollern­alb-Sigmaringen zählt und nicht zum Wahlkreis 290 Tübingen-Hechingen.

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