Kritische Fragen zur Windkraft bei Infoveranstaltung in Haigerloch

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Ex-Stadtrat Alexander Siedler erhielt Applaus, als er verärgert feststellte: „Der Regionalverband hält der Stadt Haigerloch zwar keinen Drogeriemarkt, aber zehn Windräder für zumutbar.“  Foto: 

Rund 100 Zuhörer waren am Mittwochabend in die Haigerlocher Witthauhalle gekommen. Der Regionalverband Neckar-Alb hatte zur Informationsabend über die Teilfortschreibung Windenergie des Regionalplans eingeladen, hier speziell für das Windkraftvorranggebiet „Dreiländereck“ zwischen Grosselfingen, Rangendingen und Haigerloch.

Nach drei Jahren Planungszeit will der Regionalverband endlich einen Knopf an die Vorranggebiete machen. Acht sind es insgesamt, sieben im Landkreis Reutlingen, keins im Landkreis Tübingen, eins im Zollern­albkreis (siehe Info-Kasten). Erst vor wenigen Tagen bekamen die Planern bei der Info-Veranstaltung für den Landkreis Reutlingen in Pfronstetten kräftig Gegenwind. Am Mittwochabend meldeten sich auch in Haigerloch einige kritische Stimmen zu Wort.

In der Witthauhalle waren zahlreiche Infostände aufgebaut. Die Zuhörerreihen waren vor allem mit Vertretern aus der Kommunalpolitik, Stadt- und Gemeinderäten sowie den Bürgermeistern Dr. Heinrich Götz (Haigerloch), Johann Widmaier (Rangendingen) und Franz Josef Möller (Grosselfingen) besetzt. Aber die Wortmeldungen kamen  vor allem von Bürgern.

Eugen Höschele, Vorsitzender des Regionalverbandes, begrüßte die Anwesenden. Man sei  angetreten, eine Diskussion auf Augenhöhe“ zu führen, betonte er. Dann gab der neue Verbandsdirektor Dr. Dirk Seideman eine Einführung in das Integrierte Energie- und Klimaschutzkonzept (Ikena) für die Region Neckar-Alb. Seidemann betonte, dass der Regionalverband noch nicht in das formelle Verfahren eingetreten, vieles noch vorläufig ist.  Stellungnahmen zum Planentwurf bestehe für jedermann im Rahmen der gesetzlich vorgeschriebenen Beteiligung, die am 1. März beginnt und am 31. März endet.

Ralph Maurer vom Kompetenzzentrum Erneuerbare Energien des Regierungspräsidiums Tübingen lieferte anschließend Zahlen und Fakten zur Windenergieplanung im Land. „Windenergie ist, wenn auch nicht ganz frei von unerwünschten Auswirkungen auf Lebensräume und Landschaftsbilder, so doch ein zentrales Element der Energiewende und in Zeiten des Klimawandels unerlässlich“, lautete Maurers Schlusssatz.

Dann stellte der leitende Planer Dr. Peter Seiffert den Teilregionalplan Windkraft ausführlich vor. Es sei ein „sehr komplexer Planungsprozess“ gewesen, geeignete Standorte auszumachen. Vorgaben waren unter anderem eine Windhöffigkeit von mindestens 5,75 Meter pro Sekunde sowie Platz genug für mindestens drei Anlagen. Tabuflächen, wie zum Beispiel Wohnbebauung, Flugplätze, Biotope oder Wahrzeichen wie die Burg Hohenzollern, mussten ausgespart werden, ebenso Gebiete mit Vorkommen geschützter Tierarten.

Nach allen Suchdurchläufen blieb im Zollern­albkreis einzig das sogenannte „Dreiländereck“ übrig. Aber trotz positiv besetzter Schlagwörter wie Energiewende und Klimaschutz stößt diese Wahl nicht nur auf Gegenliebe. Als erste meldeten sich in Haigerloch zwei auswärtige Windkraftgegener aus Vaihingen und Herrenberg zu Wort. Sie hegten starke Zweifel am Windatlas, auf dem die Planungen basieren. Der sei ein „reines Rechenmodell“ , ja sogar „total falsch“. Harts Ortsvorsteher Dr. Thomas Bieger schloss sich dieser Meinung an. Er hege „schwere Bedenken“ gegen diese „rein theoretischen“ Werte und sprach von „Vorranggebieten in Windstille“.  Außerdem befürchtet Bieger einen Kahlschlag in dem zu 90 Prozent aus Waldflächen bestehenden Vorranggebiet. Es müssten ja auch Zufahrten gebaut werden.  Der von den Forstbehörden selbst ermittelte Wert liege bei einem Hektar pro Windkraftanlage, bekam er zur Antwort. Ex-Bürgermeister Roland Trojan warnte vor Orkanen, die inzwischen „alle zehn Jahre auftreten“ und forderte die Planer auf, die Visualisierungen zu zeigen, „damit die Stettener und Owinger sehen, was ihnen da vor die Nase gesetzt werden soll.“ Für Ex-Stadtrat Alexander Siedler mangelt es dem gesamten Verfahren an Transparenz. Der Regionalverband trage den zweifelhaften Windatlas seit Jahren „wie eine Monstranz vor sich her“. Außerdem ärgerte sich Siedler, dass der Regionalverband der Stadt Haigerloch „zwar keinen Drogeriemarkt, aber zehn Windräder zumuten kann“.

Ein Bürger aus Owingen wies auf die Milane hin, die er täglich über dem Gebiet beobachte und fragte nach Gefahren durch Ultraschall und Intraschall. Ersteres gehe von Windkraftanlagen nicht aus, letzt6res sei ab einer Entfernung von 150 Metern nicht mehr wahrnehmbar., stellte der anwesenden Experte vom Landesamt für Umweltmessungen Karlsruhe fest.

Eine ganz andere Frage wirft der Umweltexperte Rolf Schmid vom CDU-Kreisverband auf: Haben die Planer an den Hohenzollerngraben gedacht, der mitten durch das Salzbergwerk läuft. „Ich würde auf diesem Erdbebengraben  kein höheres Gebäude erstellen – geschweige denn 140 Meter hohe Türme.“

Am Ende räumten die Planer ein, dass der Windatlas „Schwachstellen habe“. Zugleich betonten sie mehrfach, dass all die angesprochenen Fragen im Rahmen der vierwöchigen Offenlegung gesammelt  und spätestens im Zuge der immissionsschutzrechtlichen Genehmigung für die Windkraftanlagen nochmals intensiv geprüft würden.

Acht Vorranggebiete für Windkraft hat der Regionalverband Neckar-Alb nach eingehenden Untersuchungen festgelegt: sieben im Landkreis Reutlingen, keins im Landkreis Tübingen, eins im Zollern­albkreis – und das liegt im sogenannten „Dreiländereck“ zwischen Grosselfingen, Haigerloch und Rangendingen („Hohwacht“). Die Vorranggebiete umfassen insgesamt 519 Hektar und bieten Platz für rund 50 Windkraftanlagen.

Der „Dreiländereck“-Standort hat eine Fläche von 114 Hektar. Maximal zehn bis 15 Windräder könnten dort laut Regionalverband stehen. Die größten Teilflächen liegen im Grosselfinger Wald links und rechts der Landstraße nach Rangendingen. Zwei weitere Teilflächen liegen im Wald des Haigerlocher Stadtteils Stetten. Der Rangendinger Wald ist nur ein wenig tangiert.

Die EnBW hat sich den Standort „Dreiländereck“ inzwischen näher angesehen. Auf der Gemarkung Rangendingen war zuletzt von einer Windenergieanlage die Rede, auf Gemarkung Grosselfingen von fünf, auf dem Gebiet der Stadt Haigerloch optional von einer.

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