Luthers Judenfeindlichkeit und der Nationalsozialismus

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Pfarrerin Sibylle Biermann-Rau (links) bei ihrem Vortrag „An Luthers Geburtstag brannten die Synagogen“ vor zahlreichen Zuhörern in der ehemaligen Synagoge im Haag.  Foto: 

Warum konnte die Zerstörung jüdischen Lebens im Nationalsozialismus überhaupt geschehen inmitten eines Volkes, das sich zum Christentum bekennt? Dieser bleibend brennenden Frage nachgegangen ist Pfarrerin Sibylle Biermann-Rau vor zahlreichen Zuhörern in der ehemaligen Synagoge anlässlich der Gedenkfeier zum 9. November und zur Eröffnung der Wanderausstellung „Ertragen können wir sie nicht – Martin Luther und die Juden“. Die zweite Vorsitzende des Synagogenvereins, Gisela Schumayer, erinnerte daran, dass bisher der ihm Frühjahr allzu früh verstorbene Klaus Schubert die jährliche Gedenkfeier zur Reichspogromnacht am 9. November 1938 gestaltete. Dieses Jahr erhielt diese durch die Eröffnung der Wanderausstellung und den einführenden Vortrag von Pfarrerin Sibylle Biermann-Rau einen anderen Charakter. Deutlich gemacht wurde die Judenverfolgung in Haigerloch an der Demolierung der Synagoge und der Verhaftung mehrer jüdischer Mitbürger sowie am Schicksal der Jüdin Bella Bernheim, geborene Ullmann, Ehefrau von Louis Bernheim, die am 10. November ihren Geburtstag feierte.

Margarete Braun als Vorsitzende des evangelischen Kirchengemeinderats ging auf die zahlreichen Veranstaltungen im Lutherjahr ein, vor allem erinnerte sie an die vielen ökumenische Gottesdienste, so am 31. Oktober auch auf der Burg Hohenzollern mit acht evangelischen, katholischen und orthodoxen Geistlichen. Ausgeblendet wurde dabei aber stets das problematische Verhältnis Martin Luthers zu den Juden. Margarete Braun zeigte sich deshalb dankbar, dass die jetzt in der ehemaligen Synagoge gezeigte Ausstellung nach Haigerloch geholt werden konnte und über den möglich gewordenen Vortrag.

Pfarrerin Sibylle Biermann-Rau legte in ihrem Referat zunächst ein besonderes Augenmerk auf die spätmittelalterliche, judenfeindliche Tradition, die bei den Protestanten durch Luther genährt wurde und im Dritten Reich Solidarität mit den Juden verhinderte. Luther verfolgte unter anderem das Ziel, die Juden vom christlichen Glauben zu überzeugen und ist dabei mit seinen judenfeindlichen Vorlesungen, Psalmen, Predigten und Tischreden bereits seit 1520 aufgefallen.

Die Judenfeindlichkeit Luthers steigerte sich schließlich bis zum Judenhass und gipfelte drei Jahre vor seinem Tod in der Schrift „Wider die Juden und ihre Lügen“, in der er offen sieben Ratschläge  zur Gewalt gegen die Juden gab. Er empfahl der weltlichen Obrigkeit unter anderem: „Die Verbrennung der Synagogen, die Zerstörung jüdischer Häuser, die Konfiszierung von Talmud und Gebetbüchern, Handelsverbot und Zwangsarbeit“.  Wenn das nicht helfe, riet er, solle man die Juden „wie die tollen Hunde ausjagen“.

„Mit diesen Ratschlägen ist Martin Luther in die antijüdische Politik des Mittelalters zurückgefallen, obwohl andere Reformatoren den Empfehlungen Luthers sehr kritisch gegenüber standen“, so die Referentin. Nach weiteren, fundierten Belegen der Judenfeindlichkeit Luthers, machte Sibylle Biermann-Rau einen großen Sprung ins Dritte Reich, in dem sich die Nazis hinsichtlich ihres Judenhasses auf Luther beriefen, obwohl der Reformator nie zur Massenvernichtung eines ganzen Volkes aufgerufen hatte.

So gab es bereits im April 1933 die ersten staatlichen Gesetze zur Ausgrenzung der Juden mit dem „Arierparagraph“, gegen die sich die evangelischen Kirchenführer nicht empörten, sondern es eher Befürworter in ihren Reihen gab. Selbst die „Bekennende Kirche“, eine Oppositionsbewegung evangelischer Christen, begehrte nicht auf. Bis auf wenige Ausnahmen wie zum Beispiel die Pädagogin Elisabeth Schmitz (1893-1977) oder Dietrich Bonhoeffer (1906-1945) als profilierter Vertreter der „Bekennenden Kirche“ und am deutschen Widerstand gegen den Nationalsozialismus beteiligt. „Dies waren aber einsame Stimmen“. Die „Bekennende Kirche“ unternahm nichts gegen das Unrecht und die Judenverfolgung der Nazis, selbst evangelische Bischöfe begrüßten es, dass an Luthers Geburtstag die Synagogen brannten.

Auch nach 1945 gab es in der evangelischen Kirche einen langen Weg, um die Judenfeindschaft zu überwinden, was die Referentin mit Beispielen untermauerte. Erst nach der zweiten Tagung der 12. Synode der EKD vom 8. bis 11 November 2015 nahm die Kirche anlässlich des Reformationsjubiläums 2017 Stellung: „Bei aller Dankbarkeit und Freude verschließen wir die Augen nicht vor Fehlern und Schuldverstrickungen der Reformatoren“, und weiter heißt es zum erneuernden Aufbruch: „Das weitreichende Versagen der evangelischen Kirche gegenüber dem jüdischen Volk erfüllt uns mit Trauer und Scham. Aus dem Erschrecken über historische und theologische Irrwege und aus dem Wissen um Schuld am Leidensweg jüdischer Menschen erwächst heute die besondere Verantwortung, jeder Form von Judenfeindschaft und -verachtung zu widerstehen und ihr entgegenzutreten.“

Die Wanderausstellung „Martin Luther und die Juden“ ist noch bis 31. Dezember in der ehemaligen Synagoge in Haigerloch zu sehen, samstags und sonntags von 11 bis 17 Uhr, im November auch donnerstags von 14 bis 17 Uhr.

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