Wer die Nazis ignoriert, hilft ihnen

Rechtsextreme Umtriebe zu ignorieren sei das Falscheste, was man tun könne. Darin waren sich die Podiumsdebattanten Prof. Josef Held, Peter Ohlendorf und Walter Wadehn in Burladingen einig.

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Stadträte beider Fraktionen waren da: Alexander Schülzle (Freie Wähler) und die Christdemokraten Josef Pfister und Ottmar Kuster (von links).  Foto: 

Sind Rechtsextremisten Modernisierungsopfer, die vom sozialen Wandel überfordert sind? Kommen sie gehäuft in sozial abwärts driftenden Regionen vor? Sind sie nicht vernünftig integriert und müssen gegen ihre Einsamkeit ankämpfen, indem sie die Nähe brauner Kameraden suchen? "Klingt alles logisch, stimmt aber nicht", sagte Prof. Dr. Josef Held am Donnerstagabend bei der IG-Metall-Veranstaltung "Was macht Neonazis stark?" im Burladinger Gasthaus "Kleineschle".

Der Tübinger Pädagoge hat 2008 mit einer Forschungsgruppe im Rems-Murr-Kreis recherchiert - in einer Gegend, die wohlhabend ist und trotzdem als Neonazi-Hochburg gilt. Warum das so ist, sehen Josef Held und seine Schüler in der vorherrschenden politischen Kultur begründet: "Wo Gemeinschaft nicht mehr richtig funktioniert, gibt es einen starken Trend zum Lokalismus, einer pervertierten Form von Lokalpatriotismus", sagte Held. Kennzeichen davon seien der Willen, die Gegend gegen "Überfremdung" abzuschotten (à la Pegida) und Nichtdazugehörige auszugrenzen. Das, so Held, sei der Bodensatz, auf dem Rechtsextreme mit ihren Argumenten ankommen. Rechtsextreme, die wohlgemerkt nicht sozial isoliert seien, sondern eine "starke Familienorientierung" aufweisen. Nein, so Held, es sei eben oft nicht so, dass die Eltern vom Abdriften ihrer Kinder in die rechte Szene völlig überrascht seien. Ein von den Forschern befragter Rechtsextremist habe gesagt: "Meine Eltern sind schwarz, und ich bin braun. Meine Eltern trauen sich nur nicht."

Auffällig, so Held, sei in Gemeinden, in denen Rechtsextremismus gedeiht, auch die ignorierende Haltung des Bürgermeisters. "Genau dadurch fühlen sich die Rechten unterstützt", sagte Held. "Das Ignorieren lässt die Rechten glauben: Irgendwo ist der Bürgermeister doch auf unserer Seite."

Spätestens an diesem Punkt war im mit 50 Zuhörern gut gefüllten "Kleineschle"-Saal der Bogen nach Burladingen geschlagen. Hatte doch Bürgermeister Harry Ebert im Frühjahr zu den rechtsradikalen Umtrieben rund ums Burladinger Kino erst beharrlich geschwiegen und später dann "Ignorieren" als Devise ausgegeben. "Das war die falscheste aller Antworten, die man geben kann", war sich Peter Ohlendorf mit Josef Held einig.

Ohlendorf, Regisseur der Rechtsrock-Dokumentation "Blut muss fließen", die den Burladinger Eklat ausgelöst hatte, diskutierte auf dem Podium zusammen mit Held und Walter Wadehn, dem Ersten Bevollmächtigten der IG Metall Albstadt. Ohlendorf nannte es im Rückblick "erschreckend", was in Burladingen im Umfeld des Filmes passiert sei. "Wie lange der Kinobesitzer allein gelassen wurde, erinnerte mich an Tröglitz." In dieser ostdeutschen Stadt, wo Neonazis ein Flüchtlingsheim angezündet hatten, sei die Öffentlichkeit auch "erst erwacht, als der Fall bundesweit für Aufsehen sorgte".

Wie kann man es besser machen? Filmregisseur Ohlendorf hielt ein Plädoyer für die Zivilgesellschaft. Bürgerpflicht sei es, in Aktion zu treten, wenn irgendwo in der Gemeinde eine Reichskriegsflagge wehe. Ausdrücklich lobte er die an diesem Abend stark vertretene antifaschistische Alboffensive: "Ihr wollt in die bürgerliche Gesellschaft hineinwirken. Ihr kapselt euch nicht ab." Es sei unfair, diese Gruppe "in die linke Ecke zu stellen". Ein Vertreter der Alboffensive brachte die Idee auf, ein Fest unter dem Motto "Burladingen ist bunt" zu veranstalten oder der Initiative "Schule ohne Rassismus" beizutreten. Josef Held plädierte dafür, die Ankunft der Flüchtlinge als Chance zu verstehen: "Austausch und Begegnung mit Fremden sind ganz wichtig. Das stützt die Gegenkultur gegen Rechtsextremismus."

IG-Metaller Walter Wadehn sprach sich für ein breites demokratisches Bündnis aus: "Die Demokraten - von der CDU bis zur Linken - müssen sich aufstellen gegen Neonazis." Mit diesem Abend sei in Burladingen ein positiver Auftakt gemacht worden. Burladingen und die Zollernalb ohne Neonazis? Wadehn hielt es mit Angela Merkel: "Wir schaffen das."

Alles da: Stadträte, Piraten, Metaller, Antifa - und Rechte

Querbeet Überraschend bunt gemischt war das 50-köpfige Publikum bei der Neonazi-Diskussion im "Kleineschle". Stark vertreten waren Gewerkschafter und Aktivisten der antifaschistischen Alboffensive, aber auch Mitglieder der "Piraten" diskutierten mit. Stumm blieb dagegen das Häuflein an Rechten, denen Gastgeber Walter Wadehn eingangs mit dem "Hausrecht" gedroht hatte, falls es zu Verunglimpfungen kommen sollte. Draußen wachte eine Polizeistreife über die Veranstaltung.

Stadträte Auch Burladingter Stadträte beider Fraktionen waren vertreten. Killers Ortsvorsteher Josef Pfister (CDU) betonte zum Thema: "Wir sind uns unserer Verantwortung bewusst." Einflussmöglichkeiten habe die Kommunalpolitik in der Kinder- und Jugendarbeit. Es gelte, "von klein auf anzufangen, um rechtes Gedankengut erst gar nicht entstehen zu lassen." Der Freie Wähler Alexander Schülzle lieferte sich ein Scharmützel mit der Alboffensive: "Links ist nicht gut gegen rechts", sagte er und brachte damit die Antifaschisten gegen sich auf, die eben erst darum gebeten hatten, nicht stigmatisiert und in die linke Ecke gestellt zu werden.

HY

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