RANDNOTIZ: Von deutscher Gastlichkeit

Irgendwann zu Beginn der 80er-Jahre: Alle, die dabei waren, hätten längst ins Bett gehört, auch wenn es an diesem Sonntag noch längst nicht spät war. In einer Burladinger Wirtschaft ging's noch hoch her. Drinnen dachte eine Bagage überhaupt nicht daran, Ruhe zu geben.

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Irgendwann zu Beginn der 80er-Jahre: Alle, die dabei waren, hätten längst ins Bett gehört, auch wenn es an diesem Sonntag noch längst nicht spät war.

In einer Burladinger Wirtschaft ging's noch hoch her. Drinnen dachte eine Bagage überhaupt nicht daran, Ruhe zu geben. Aus der Jukebox - oder war's das Radio, oder sang man selber? - plärrte ein Song, "Lass die Mädels wissen, dass du Cowboy bist". Einer aus der Runde der angesoffenen Stammtischbrüder ließ dazu im Takt zwei Löffel zwischen Hand und Oberschenkel klappern - eine Szene, ebenso verwegen wie lächerlich. Aber ein Mordserlebnis für uns hereingeschneite Jungspunde, die wir herzu sitzen durften. Auf Augenhöhe mit den "Gefährlichen", mit der damaligen Halbwelt der Stadt!

Im Hintergrund dieser verqualmten Pinte, die, wie andere in Burladingen, eine große Vergangenheit hatte, jetzt aber im Abrutschen begriffen war, undeutlich in meiner Erinnerung das verschwommene Bild eines unscheinbaren Wirtes. Ein Ausländer, der meiner damaligen Meinung nach, entweder nicht kapierte, dass hier, auf diesem untergehenden Dampfer nicht mehr viel zu ernten sein würde - oder aber eine Heuschrecke, die aufsaugen wollte, was die Süffel, Spieler und Gestrandeten gerade noch hinterlassen würden. Was für eine absolute Fehleinschätzung.

Solche Kaschemmen können - für die meisten Leute, unbegreiflich - auch ihre Faszination ausstrahlen. Aber damals wirkte es so, als ob der Laden unweigerlich zum Untergang verurteilt war. Es handelte sich übrigens um den "Zoller", Wirt war Leo Ioannidis-Ioannu - Leo.

Der "Zoller" ist nun zwar ein Hort kerniger Gemütlichkeit geblieben, ein Ort, in dem das Alt-Burladingerische - dr Nautle isch saugrob! - seine Heimat bewahrte, etwa an der Fasnet. Doch von der Aura der schmierigen Auffangstation für Gestrandete hat er sich unter Leos Regie schnell meilenweit entfernt.

Es war schon bezeichnend, dass hier in späteren Jahren auch Gymnastik-Damenclubs oder VHS-Abschlusskurse einkehrten, um in netter Atmosphäre etwas Gutes zu essen. Und hing da nicht jahrelang eine Bilder-Collage an der Wand, auf der sich ein Burladinger Verein bedankte, dass Leo ihn als Gyros-Koch bei einem Turnier unterstützt hatte? Leo war einer, der für seine Gäste auch außerhalb seiner Kneipe da war, einer mit dem man die berühmten Gäule stehlen konnte.

Leo, der Ausländer, brauchte kein Integrationsprogramm, er war es vielmehr, der der Stadt etwas von ihrer Identität und Gemeinschaft bewahrt hat: einen Teil ihrer Wirtshauskultur. Und das in einer Zeit, als viele alteingesessene Kneipen verschwanden.

Der Wunsch beziehungsweise das weitverbreitete Gerede nach althergebrachter "deutscher" Gastlichkeit, die zunehmend fehle, ist deshalb dummes Geschwätz. In dem Sinne wäre der Grieche Leo mit seinem überdeutlichen Akzent der deutscheste Gastwirt überhaupt gewesen. Aber das war er ja gar nicht: Er war halt einfach ein Gastwirt wie er sein soll! Es könnte von der Nationalität und Hautfarbe her auch ein Armenier, ein Afrikaner oder ein Thailänder sein, der ein Burladinger Traditionsgasthaus betreibt - es muss halt einer sein wie Leo. Auch wenn man den nicht kopieren kann.

In der vergangenen Woche ist er gestorben, die HZ veröffentlichte die Nachricht, zeichnete seinen Werdegang nach. Ich konnte bei der Beerdigung nicht dabei sein, wenn ich aber höre, dass mehrere Hundert Menschen ihm am Montag in der Fideliskirche und auf dem Friedhof die letzte Ehre erwiesen haben, kann ich nur sagen: Das macht mich froh, das hat er verdient!

Nachsatz: Dass in Burladingen im Augenblick ein ganzer Strauß von Einkehrstätten erblüht - Shisha-Bar, Dianas Hendl-Alb, Delishütte und Kesselhaus, um die in der Kernstadt zu nennen - ist natürlich umso erfreulicher.

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