Burladinger kämpft mit Energie gegen den Krebs

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Besuch bei Alexander Bastian in der Richard-Biener-Straße in Burladingen, zwei Tage vor dem ersten Öffnungstag, nachdem er eine schwere Krebserkrankung überwunden hat, über Monate an der Heilung lavierte und sich mehreren Chemotherapien unterziehen musste. Ein stiller, gebeugter, verunsicherter Mann, der nur schwer Zugang zu seinem Schicksal findet, den das Ganze nicht loslässt, der immer wieder davon erzählt?

Weit gefehlt. Er ist (fast) ganz der Alte, seine Überlegungen drehen sich, bevor der Besucher recht zu Wort gekommen ist, um die Themen, die ihn von jeher beschäftigen: um erbarmungswürdige Zustände bei der Viehhaltung; um fehlendes Berufsethos bei nicht wenigen seiner Kollegen, die in dem Sinne mehr Schlächter als Schlachter sind; um die Schwierigkeiten kleiner Handwerksbetriebe heutzutage; um die Schwierigkeiten, Lehrlinge zu finden – und eine Frau. Die hat er noch immer nicht. „Obwohl“, fragt er sich laut, „was hätte die von mir? Vermutlich einen langen Arbeitstag, und sie dürfte die Sorgen über den Betrieb mit mir teilen.“

Dann kommt die Sprache freilich doch auf die Krankheit, die der 49-Jährige – mit einstweilen besten Resultaten – erfolgreich durchgefochten hat: Lymphdrü­senkrebs, Morbus Hodgkin, Stadium 4, nicht viel Luft nach oben.

Nie die Sinnfrage gestellt

Die Frage, warum es ausgerechnet ihn so heimtückisch erwischt habe, sagt Alexander Bastian, habe er sich in all den Wochen nie gestellt. Krankheit sei ebenso wie Heilung eine Sache des Geistes, der Seele. Der Krebs, der in den Zellen eines jeden Körpers schlummert, werde hervorgerufen durch Stress und Sorgen. Heilung hingegen sei zu einem großen Teil auch die Überwindung von Angst – wozu freilich die Einsicht darüber gehöre, dass es vielleicht keine Heilung gibt und ganz am Ende der Tod steht. Was er ja sowieso tut.

Während der Chemo habe er beständig daran gedacht, welche positive Wirkung sie ausübe: Kranke Zellen sterben ab und überlassen den gesunden so ihren Raum. Über die Rückschlägen, die es auch gab, habe er dagegen nicht nachgegrübelt.

Die Überwindung von Angst, das ist ein zentrales Thema im Denken Alexander Bastians. Darum sei es in seinem Leben immer wieder gegangen. Er habe, gesteht er, lange Zeit Angst vor den Tieren gehabt, die er schießen, stechen, elektrisieren  sollte, vor wild gewordenen Sauen und zumal Rindern, die in ihren Ställen toben. Es sei aber wohl auch das ganz generelle Unbehagen, das man als junger Metzger spürt, wenn man ein Leben auslöschen soll.

Speziell diese Furcht, glaubt er, teilen viele seiner Kollegen mit ihm. Das sei der Grund, warum sie beim Schlachten bestialisch mit den ihnen anvertrauten Tieren umgehen. „Da spüren sie: Da ist noch jemand, der auch Angst hat.“

Er selber versuche – und das weiß man in Burladingen, mancher lächelt gar darüber – dem Schlachtvieh die Angst zu nehmen. Und wenn er es tötet, dann schnell. Kein Federlesens, kein Stress, kein unnötiges Leiden. Bastian ist überzeugt, die Tiere honorieren das. Das ist dann ebenfalls ein Grund, warum er weiterhin selber schlachtet, während ein Großteil seiner Mitbewerber nur noch wurstet. Von EU-Richtlinien, die das Schlachten heute immer mehr erschweren, einmal abgesehen.

Im Kühlraum hängen Rinder- und Schweinehälften, in der Wurstküche duftet es nach Fett, Gewürzen, Holzfeuer. Nachdem er die ganze Woche über fleißig war, kann Bastian am heutigen Freitag das Geschäft erstmals wieder aufmachen.

Zwei Tage die Woche auf

Zwei Tage die Woche, freitags und samstags, will er offen haben, den Dezember hindurch und zwei Wochen im Januar. Dann geht er in Kur, im März will er weitermachen.

Die bevorstehende Zeit bewältigt er im Alleingang, nur Putzhilfen und seine Mutter stehen ihm zur Seite. Dass er es schafft, ist der 49-Jährige überzeugt. Seine Kraft habe durch die Chemotherapien spürbar nachgelassen,  seine Energie aber sei voll da. Man glaubt es ihm aufs Wort. Wie er noch anmerkt, sei er das auch den Bauern schuldig, die ihm zuliefern. Da gebe es welche, die habe er in langen Gesprächen dazu gebracht, ihre Viehproduktion „auf Bio“ umzustellen“, die könne er jetzt auf keinen Fall „im Stich lassen“.

Womöglich, sagt er sich, sei die One-Man-Show der nächsten Wochen ganz gut für ihn: als ein Experimentierfeld und um zu sich selbst zu finden. Später wäre Unterstützung allerdings schon recht.

Vielleicht durch eine Frau? Das sagt er wiederum nicht. Aber man darf es sich als Außenstehender ja denken und diesbezüglich die sich ergebenden Chancen der anstehenden Kur ins Auge fassen. Könnte doch sein, dass der musisch veranlagte Junggeselle... A propos. Bastian mag der Anthroposoph oder Philosoph unter den Metzgern sein, ein Weichei ist er nicht. Das hat er nicht zuletzt im Kampf gegen den Krebs bewiesen. Und ganz zum Schluss ist er auch kein Vegetarier, auch wenn sich das Gerücht hartnäckig hält, nur weil er es in Jugendjahren einmal damit versucht hat.

Jahre alt ist die Metzgerei Bastian. Gegründet wurde sie von Vater Paul Bastian in Winterlingen, 1971 zogen Familie und Betrieb dann nach Burladingen um.

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