Father Eugène aus Nigeria genießt als Urlaubsvertreter die Stille auf der Alb

In seinem eigenen Land ist es alles andere als ruhig. Krisen und Korruption erschüttern Nigeria. Father Eugen nutzt die Zeit auf der Alb – um auszuspannen? Nein, zum arbeiten.

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Die Pfarramtssekretärin Helene Straubinger und „Sommerpfarrer“ Eugène Anowai sind schon seit vielen Jahren ein eingespieltes Organisationsteam.  Foto: 

Father Eugène Anowai vertritt bis September Burladingens Vikar Cornelius Chukwu, der soeben seinen Urlaub angetreten hat. Der nigerianische Geistliche, der hier „Pfarrer Eugen“ genannt wird, ist nicht zum ersten Mal auf der Alb, er logiert auch nicht zum ersten Mal im Salmendinger Pfarrhaus. Sieben Mal hatte er schon die Urlaubsvertretung für Burladinger Amtsbrüder inne. Das ist mit ein Grund, warum er gerne wiederkehrt: „Ich kenne inzwischen so viele Menschen und habe so viele Freunde.“ Heimweh plagt ihn während der vier Wochen im kalten Deutschland nicht. Und ein Beschäftigungsprogramm braucht er auch nicht. Er wird, wie er sagt, beständig zum Essen und zum Tee oder auch zu Ausflügen in die Region eingeladen, wie jüngst an den Bodensee.

Freilich ist er nicht zum Ferienmachen da, hat vor allem die Pflichten eines Geistlichen zu erfüllen. Dennoch genießt er den Aufenthalt. Er liebt die deutsche Ordnung, er liebt die Pünktlichkeit, er liebt die Ruhe auf der Alb. Hier sagt er, findet er abseits der seelsorgerischen Arbeit noch immer genug Muße zum Lesen und zum Schreiben eigener Essays, von denen einige in Buchform verlegt wurden. Pfarrer Eugen, der in Belgien über das Werk Hanna Arendts promovierte, beschäftigt sich darin aus geistlicher Perspektive mit philosophischen Fragen.

Bei sich daheim fehlt ihm diese Muße oft. Während die islamistische Terrororganisation Boko Haram zwar immer mehr an Einfluss verliert, steckt das unermesslich reiche Land in einer wirtschaftlichen Krise, die, wie der Pfarrer sagt, schlimmer als alles ist, was man bisher ertragen musste. Ihm fehlt jedoch nicht nur die Muße, ihm fehlt viel zu oft auch der Strom. Immer wieder bricht die Versorgung zusammen, oft sogar tageweise. Da empfindet er es als Luxus, bis weit nach Mitternacht am PC schreiben zu können. „Die Nachbarn sind es schon gewohnt, dass bei mir bis um zwei Uhr in der Frühe das Licht brennt“, lächelt er. Als Grund der wirtschaftlichen Misere seines Landes nennt er „Korruption“. Und meint damit vielleicht auch, dass wenige Cliquen im Land, gestützt von ausländischen Konsortien, die vorhandenen Bodenschätze unter sich aufteilen. Für die nigerianische Kirche, berichtet er weiter, geht es momentan vor allem darum, Leid und Armut zu lindern. Eine innerkirchliche karitative Organisation, „Justice, Development, Peace“ könne verschiedentlich helfen, bezahle Operationen oder das Schulgeld der Leidbeladenen, die bei ihm als Bistumsverwalter und Seelsorger anklopfen. Für viele der allzu vielen habe man aber nur Trost.

Macht es ihm angesichts des Elends und der vielen profanen Dinge, die tagtäglich auf ihn einhämmern, überhaupt noch Freude, Pfarrer zu sein?

Eugène Anowai, der stets überlegt und bedächtig wirkt, blickt nun sehr ernst, bald traurig drein, als er langsam sagt: „Ich bedaure nur eine Sache in meinem Leben – dass ich bloß einmal geboren werde. Wenn ich nochmals auf die Welt käme, könnte ich nämlich ein zweites Mal Pfarrer werden.“ Und dann lacht er so herzlich heraus, dass man nicht anders kann, als mitzulachen.

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