Enge Wege sind für Radler tabu

Ein Absturz, wie er sich jetzt am Albtrauf ereignete, ist auch durch mehr Sicherheitsvorkehrungen nicht zu verhindern. Darin sind sich Experten einig. Für Radler ist der Albrand auf jeden Fall extrem gefährlich

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Die Bergwacht unter Thomas Reichenberger leistete bei dem Einsatz ganze Arbeit. Unter anderem waren auch ein Polizei- und ein Rettungshubschrauber im Einsatz.  Foto: 

Ein schlimmes Unglück mit - so steht zu hoffen - glimpflichem Ausgang ereignete sich am Wochenende. Wie die HZ berichtete, stürzte ein Neunjähriger aus dem Raum Tübingen oberhalb Jungingens mit dem Mountainbike den Albtrauf hinunter. Seine Mutter alarmierte per Handy die Rettungskräfte.

Die Bergwacht fand den Jungen, führte die DRK-Leute heran und brachte ihn später auf ebenes Junginger Gelände, wo ein Rettungshubschrauber den Neunjährigen in Empfang nahm. Wie es heißt, sei der Bub weniger schwer verletzt gewesen, als man bei einem Sturz aus solcher Höhe befürchten musste: rund 50 Meter. Jetzt soll es ihm den Umständen entsprechend besser gehen.

Die Absturzstelle liegt laut Informationen des Forstamtes einen Kilometer von der Himberghütte entfernt, in Richtung Nägelehaus, im Starzelner Bereich "Jägersteige", nahe Onstmettinger und kurz vor Junginger Gelände.

War ein solches Unglück vorhersehbar? Hätte man es verhindern können - oder gar müssen, etwa durch Absperrungen? Die HZ fragte den Junginger Albvereinsvorsitzenden Heinrich Hofmann, der sich am Trauf auskennt wie in seiner Westentasche, sowie Wolfgang Meißburger, Ehrenvorsitzender des Onstmettinger Skiclubs, gleichfalls ein Experte. Beide kommen zu dem Ergebnis: Nein. Die Wege seien in gutem Zustand. Die Hänge abzusperren wäre ein Ding der Unmöglichkeit. Da gebe es nur eins: Vorsichtig sein!

Eine Aussage, ob die Mutter mit ihrem Kind dort überhaupt fahren durfte, wollten beide nicht treffen. Laut Landesforstgesetz sei es Fahrradfahrern erlaubt, auf Waldwegen unterwegs zu sein, die mindestens zwei Meter breit sind. Wie die Verhältnisse an der Absturzstelle waren, wüssten sie nicht. Deshalb: kein Kommentar. Hofmann wies indes darauf hin, die Unfallgefahr sei am Trauf für Radler wegen ihrer Geschwindigkeit entsprechend größer. Der Albvereinler, so entnimmt man es seinen Bemerkungen, hält Radeln am zerklüfteten Albrand generell für ein Risiko.

Anders Wolfgang Meißburger, der meint, es seien bislang nur Wanderer und noch nie Radler am Alb-rand schwer verunglückt. Sorgen macht er sich jedoch wegen der zunehmenden Zahl der E-Bikes. Damit seien die Pedaleure noch schneller unterwegs. Leute mit kaum Erfahrung neigten dazu, sich zu überschätzen. "Die halten sich plötzlich für Mountain-Biker" - greift er die Bedenken Hofmanns auf. Jungingens Bürgermeister Harry Frick, der die Rettung von Junginger Seite aus verfolgte, sieht seinerseits weder Handlungsbedarf noch Handlungsmöglichkeit für eine größere, gar absolute Sicherheit am Trauf. Die gebe es schlichtweg nicht. Derselben Ansicht ist Michael Röck, Pressespreher der Stadt Albstadt.

Hermann Schmidt, Hechinger Forstdirektor, äußerte ebenfalls zunächst sein Bedauern über den Unfall. Doch geht er mit Verweis auf die Zwei-Meter-Regel davon aus, dass die Traufwege für Radler offiziell nicht zugelassen sind. Ein entsprechendes Schild sei allerdings nicht vorhanden. Ob es irgend jemandes gesetzliche Pflicht wäre, eine potentielle Absturzstelle zu sichern, verneint er. "Nicht wenn sie von der Natur geschaffen und erkennbar ist. Da muss jeder selber aufpassen."

Es gilt die Zwei-Meter-Regel

Gesetzeslage Das Radfahren im Wald ist in Baden-Württemberg laut Landesforstgesetz nur auf Wegen erlaubt, die mindestens zwei Meter breit sind. In anderen Bundesländern wurde diese Regelung aufgehoben. Landwirtschaftsminister Alexander Bonde befürwortet die Regel. Sie habe einen hohen Bekanntheitsgrad und erlaube eine flexible Handhabung, da die Forstbehörden vor Ort in Abstimmung mit den Waldbesitzern Ausnahmen zulassen könnten. Außerdem sorge die Vorschrift für "Rechtsklarheit, insbesondere was die Haftung nach Unfällen angeht". Kritiker äußern sich genau gegenteilig. Sie halten die Regelung für schwammig. Als "komplizierte Geschichte" bezeichnet sie Wolfang Meißburger, Ehrenvorsitzender des Skiclubs Onstmettingen, der sich im Wegenetz am Albtrauf bestens auskennt.

Verboten Hermann Schmidt, Hechinger Forstamtsdirektor, geht mit Verweis auf die Zwei-Meter-Regelung davon aus, dass das Radeln auf den engen Wegen am Trauf verboten ist. Ein Schild sei allerdings nicht vorhanden. Eine gesetzliche Sicherungspflicht für absturzträchtige Stellen besteht, laut Schmidt nicht, wenn diese "natürlich" und "erkennbar" sind.

SWP

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