"Ich habe gelernt selbst zu kochen"

Mariaberg/Burladingen.  Der Umbau ist abgeschlossen: Das Modell "Wohnen mit Assistenz" ist flächendeckend in Mariaberg eingeführt worden. Franz Stocker findet es "super". Er lebt heute in Burladingen - und hat kochen gelernt.

Vor sechs Jahren startete das umfangreiche Projekt. Wohnen mit Assistenz ist ein Instrument zur individuellen Lebensplanung. Menschen mit Behinderungen werden dadurch zu Auftraggebern. Das gefällt vielen Menschen, die von Mariaberg betreut werden. "Ich finde Wohnen mit Assistenz super, denn ich habe seitdem eine eigene Wohnung und gelernt selber zu kochen", schildert Franz Stocker, der in einer ambulant betreuten Wohnung in Burladingen lebt.

Mit den vorgenommenen Veränderungen trägt der Mariaberger Geschäftsbereich "Wohnen Plus" gesamtgesellschaftlichen Veränderungsprozessen Rechnung. Denn seit dem vergangenen Jahrzehnt vollzieht sich ein Paradigmenwechsel in der Eingliederungshilfe. Es gab dafür zwei wesentliche Auslöser. Das war zum einen die Verankerung der Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen in Artikel 3 des Grundgesetzes im Jahr 2002. Zum anderen machte die Forderung nach mehr Selbstbestimmung und Teilhabe grundlegende Veränderungsprozesse in der Unternehmenskultur notwendig.

Zentrale Konsequenzen, die sich daraus ergeben, sind einerseits die Konversion von Komplexeinrichtungen und andererseits der intensive Aufbau von regionalen Wohnangeboten in den Gemeinden. "Die UN-Konvention für die Rechte von Menschen mit Behinderungen vor anderthalb Jahren hat unserem Assistenzkonzept und dem Umbau von Mariaberg nochmals ordentlich Vorschub geleistet", schildert Vorstandssprecher Thilo Rentschler.

Deswegen nahmen im Halbjahresrhythmus Mitarbeitende von jeweils vier Wohngruppen an den eineinhalbtägigen Assistenzschulungen teil. Im Dezember 2010 wurden die letzten Mitarbeitenden umgeschult.

Seitdem hat sich vieles im Leben der Klienten verändert. "Früher hat man gesagt: Ich glaub, das ist jetzt gut für dich und man hat nicht gefragt: Was denkst du, was glaubst du, ist gut für dich? Es hieß nur: Das ist gut für dich. Und dann hats gut sein müssen", schildert Claudia Höschle, stellvertretende Vorsitzende der Mitarbeitervertretung und Heilerziehungspflegerin in Mariaberg die Alltagserfahrungen vieler Klienten. Jetzt legen beide Seiten mit Hilfe eines "Assistenzhandbuches" gemeinsam Ziele und Wünsche für zehn Lebensbereiche fest.

Die Menschen mit Behinderung entwickeln mit Hilfe eines Beraters alle zwei Jahre, in zehn bis zwölf Gesprächen, einen speziellen Plan für die Gestaltung ihrer Zukunft. Die Vereinbarungen sind verbindlich und werden in schriftlicher Form dokumentiert. Vierteljährlich überprüfen alle Beteiligten, ob die festgelegten Ziele auch erreicht wurden. Im Jahr 2006 wurde das Modell "Wohnen mit Assistenz" auch in den Lehrplan der Heilerziehungspflegerausbildung am Diakonischen Institut für Soziale Berufe gGmbH (ehemals Gotthilf-Vöhringer Schule) in Mariaberg aufgenommen.

"Auch Menschen, die schwerst-mehrfach-Behinderungen haben, können an diesem Verfahren teilnehmen. Dann setzt sich der Assistent zu der Wohngruppe und erstellt anhand von Beobachtungen ein Profil für den Zukunftsplan", erklärt Liliane Helbling, stellvertretende Geschäftsführerin bei "Wohnen Plus" und Leiterin der Qualifizierungsmaßnahmen. Alle, die sich selber nicht äußern können, bekommen zudem einen Übersetzer zur Seite gestellt. Er hilft ihnen dabei, die eigenen Stärken zu erkennen, sie einzubringen und so zum Experten in eigener Sache zu werden. Der Berater bietet bei Bedarf auch Hilfestellungen über malen, Bildbetrachtungen, Musikbeispiele oder Fragen aus der Biographie an. "Aber natürlich werden die Berater und Assistenten durch das neue Modell nicht von bestimmten Fürsorgepflichten entbunden", betont Helbling, "es geht darum, auf gleicher Augenhöhe, im Rahmen der Möglichkeiten einen individuellen Lebensentwurf zu entwickeln."

Im Oktober 2005 wurde angefangen das neue Konzept "Wohnen mit Assistenz" in Mariaberg zu erproben. Rund 150 Klienten und 80 Mitarbeitende nahmen zunächst an dem Pilotprojekt teil. Die Evaluation fand unter dem Namen "Diakonie Plus - Wissenschaftliche Beratung, Evaluation, Fortbildung" in Mariaberg statt. Weil die Bilanz durchweg positiv war, entschlossen sich Vorstand und Geschäftsführung für die flächendeckende Einführung des neuen Assistenzmodells.

Bis heute wurden 200 weitere Mitarbeitende geschult. Die Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention im März 2009 bestätigte nochmals die Relevanz des Mariaberger Vorgehens. Dem Grundsatz eines weitestgehend selbstbestimmten Lebens für Menschen mit Behinderung, wird damit der Weg geebnet.


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Autor: SWP | 21.04.2011

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