Dorf-Rathäuser sollen bluten
Burladingen. Die Stadtverwaltung plant massive Einschnitte in den Dorf-Rathäusern. Künftig sollen fast alle Verwaltungsangelegenheiten zentral erledigt werden. Auf der Alb soll es zum Ausgleich ein zweites Bürgerbüro geben.
Der Vorgang ist fast so geheim wie die amerikanischen Kriegsdokumente. Eigentlich darf niemand davon wissen, aber doch redet fast jeder darüber. Was die Internet-Plattform Wikileaks für die US-Armee, sind die Ortschaftsräte für den Burladinger Bürgermeister. Seit die vertraulichen Papiere den Ortsgremien zur Kenntnis gegeben wurden, wird an den Stammtischen kräftig über die Inhalte spekuliert.
Alle Burladinger Ortschaftsräte werden in diesen Tagen über das städtische Organisationsgutachten informiert, das brisante Vorschläge für die Zukunft der Ortschaftsverwaltungen enthält. Wesentliche Punkte sind die Einrichtung eines Zentralsekretariats in der Burladinger Kernverwaltung, das nahezu alle Aufgaben übertragen bekommen soll, die bisher noch von den Sekretärinnen der Ortsvorsteher in den Dorf-Rathäusern erledigt werden. Angegliedert würde dieses Sekretariat an das Vorzimmer des Bürgermeisters. Alle Ortsvorsteher sollen einen elektronischen Zugang zum Zentralsekretariat erhalten, das künftig als ihre direkte Anlaufstelle fungieren soll. Denn ständige Sekretariate in den Dorf-Rathäusern würde es nicht mehr geben.
Für die Bürger der Gesamtstadt wird es - wenn die Pläne umgesetzt werden - in Zukunft nur noch zwei Anlaufstellen geben: zum einen das Bürgerbüro in der Kernstadt, zum anderen ein neu zu schaffendes "Bürgerbüro Alb", das in Melchingen beheimatet sein und sich auch um Tourismus-Fragen kümmern soll. Das Bürgerbüro Alb soll für die Bewohner der Stadtteile Melchingen, Salmendingen, Stetten u. H. und Hörschwag zuständig sein, das Kernstadt-Bürgerbüro für die Burladinger, Gauselfinger, Ringinger, Hausener, Starzelner und Killermer.
Sämtliche Bürgerservice-Aufgaben sollen künftig in den beiden Bürgerbüros erledigt werden - darunter auch alle Einwohnermeldesachen, Pass-Angelegenheiten, standesamtliche Fragen, Bausachen und gewerbliche Angelegenheiten, die bislang vor Ort in den Dorf-Rathäusern erledigt werden können.
Was bliebe dann noch vor Ort? Der Ortschaftsrat und der Ortsvorsteher, der sich in allen Fragen, die er bearbeiten soll, an das Zentralsekretariat wenden muss, und nur noch ein paar Sprechstunden im Monat abhalten kann - abhängig davon, wie viele Sekretariatsstunden ihm gemessen an der Einwohnerzahl seines Stadtteils zugestanden werden. Nur in der Anfangsphase sollen die Ortsvorsteher während dieser Sprechzeiten noch von einer Abgesandten des Zentralsekretariats unterstützt werden.
Ortsvorsteher, die dem Konzept kritisch gegenüberstehen, interpretieren den Plan denn auch als "De-facto-Schließung" der Ortschaftsverwaltungen.
Entsprechend laut ist das Gegrummel in den Teilgemeinden. Während sich die Stadtverwaltung von der Reform effizientere Abläufe, einen qualitativ verbesserten Bürgerservice und außerdem einen Einspareffekt in Höhe von gut 100000 Euro pro Jahr verspricht (errechnet vom Tübinger Büro Heyder + Partner), wittern die Kritiker den entscheidenden Zentralisierungsschub, der die Ortschaftsverwaltungen komplett entmachtet zurücklässt und die Verwaltung von den Bürgern entfernt. Während Bürgermeister Ebert den Ortsvorstehern eine Entlastung von Verwaltungsaufgaben in Aussicht stellt und sie mit mehr Freiheiten für strategische Maßnahmen ködern will, schwant den Dorfhäuptlingen, dass sie nächstes Jahr dastehen werden, wie der Märchen-Kaiser in seinen neuen Kleidern: nämlich nackt.
Bislang tut sich die Mehrheit der Ortsvorsteher und Ortschaftsräte, die die Reform so nicht will, schwer damit, ihren Protest zu artikulieren, schließlich sind die Eingeweihten vom Bürgermeister zu strikter Geheimhaltung verpflichtet worden. Die nicht öffentliche Behandlung des Themas wird vom Rathauschef damit begründet, dass Personalangelegenheiten betroffen sind. In der Tat kämen auf die Rathaussekretärinnen Versetzungen und Deputatsänderungen zu, wenn die Verwaltungsreform umgesetzt würde.
Bis Ende August, wenn sie sich wieder mit dem Bürgermeister treffen, wollen die Ortsvorsteher ihre Kritik auf den Punkt gebracht haben. Diese knüpft nicht zuletzt an der Tatsache an, dass der Gemeinderat im Herbst 2007 auf Antrag der CDU-Fraktion mit großer Mehrheit ein Organisationsgutachten bestellt hatte, das die gesamte Verwaltung unter die Lupe nehmen soll. Jetzt, so die Kritiker, werde wieder nur darüber diskutiert, was den Stadtteilen an Zuständigkeiten genommen werden soll. Der Teil des Gutachtens, der die Zentralverwaltung betrifft, steht noch nicht zur Debatte.
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Autor: HARDY KROMER | 31.07.2010
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Dem Melchinger Rathaus winkt eine Aufwertung. Hier soll - Plänen der Stadtverwaltung zufolge - ein Bürgerbüro für die Bewohner der Albgemeinden eingerichtet werden. Den acht anderen Dorf-Rathäuser würden dagegen Zuständigkeiten entzogen werden. Foto: Jürgen Früh
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