Weckruf für künftige Windpark-Anlieger in Grosselfingen

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  • Rund 60 Bürgerinnen und Bürger waren am Donnerstagabend bei der ersten Informationsveranstaltung der Bürgerinitiative GegenWind Hohenzollern“ in Grosselfingen. 1/2
    Rund 60 Bürgerinnen und Bürger waren am Donnerstagabend bei der ersten Informationsveranstaltung der Bürgerinitiative GegenWind Hohenzollern“ in Grosselfingen. Foto: 
  • Matthias Eck wohnte mit seine Familie jahrelang in der Nähe eines Windparks. Wie er sich dabei fühlte, projizierte er mit einem vielsagenden Bild an die Wand. 2/2
    Matthias Eck wohnte mit seine Familie jahrelang in der Nähe eines Windparks. Wie er sich dabei fühlte, projizierte er mit einem vielsagenden Bild an die Wand. Foto: 
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Am Ende der rund dreistündigen Veranstaltung mit Referaten und Diskussion sah man im Ochsen-Saal viele nachdenkliche Gesichter. „Der heutige Abend hat mir gezeigt, wie uninformiert ich war“, stellte eine Zuhörerin fest. Die Informationen hätten sie „wachgerüttelt“, sagten viele andere.

Sehr eindrücklich für die rund 60 Anwesenden waren die Schilderungen eines langjährigen Anliegers des Windparks Ohmenheim-Weilermerkingen im Ostalbkreis. Matthias Eck berichtete von einer Leidensgeschichte, die 2008 begann. „Es war furchtbar“, sagte der Familienvater. Seine Frau, die Kinder und er selbst seien „von den Windrädern krank geworden“, hätten unter Schlafstörungen, diffusen Erschöpfungszuständen, Dauerschluckauf, rheumatischen Schmerzen, Bluthochdruck, Tinnitus, Kopfschmerzen und Schwindel gelitten. „Wenn man unterm Windrad lebt, fühlt sich im Haus keiner mehr wohl“, warnte er die Zuhörer. Die Schulnoten seiner Kinder hätten sich extrem verschlechtert. „Wir haben 4000 Euro für Nachhilfe ausgegeben.“

Auch über seine Odyssee durch Ämter und Behörden im Kampf gegen die Beeinträchtigungen – und über sein Scheitern berichtete Matthias Eck: „Nichts kam dabei heraus. Es wird gelogen und getrickst, man glaubt es nicht.“ Erst durch den Wegzug der Familie im Jahr 2014 habe sich eine „rapide Verbesserung“ ergeben. Einen „hohen sechsstelligen Betrag“ habe ihn diese „Flucht“ gekostet. „Aber wir sind heilfroh, dass wir dort nicht mehr leben müssen.“ Den Zuhörern riet er: „Wenn Ihnen etwas an ihrem Leben, wie Sie es jetzt führen, liegt, sollten Sie aufstehen und gegen den Windpark kämpfen.“

„Das geht uns alle an, denn das ist unsere Heimat“, plädierten auch Katharina Kaiser und Alexander Siedler von der Bürgerinitiative „GegenWind Hohenzollern“ für Solidarität unter den betroffenen Gemeinden. „Wir sind nicht pauschal gegen Windräder, aber nicht in der Nähe von Gemeinden, wo Mensch und Tier gefährdet werden“, betonte BI-Sprecher Alexander Siedler. Die BI betreibe „keine Stimmungsmache“, sondern wolle „Informationen und Fakten vermitteln“.

Davon hatte Hansjörg Jung aus Herrenberg reichlich zu bieten. In seinem einstündigen Vortrag beleuchtete er das Thema Windkraft von allen Seiten. Als windschwächstes Bundesland rangiere Baden-Württemberg durch den massiven Zubau von 124 WKA allein im vergangenen Jahr jetzt auf Platz 5 bundesweit. Im Schnitt seien die Windräder heute 142 Meter hoch. Zum Vergleich: Die Plattform des Stuttgarter Fernsehturms liege auf 150 Meter Höhe. Starke Zweifel hegte der Referent nicht nur am Windatlas als Arbeitsgrundlage des Umweltministeriums, sondern auch pauschal an der Wirtschaftlichkeit von WKA. Viele Windernte-Prognosen hätten sich nicht bewahrheitet, etwa im Windpark bei Simmersfeld mit 14 Windrädern, wo die Ausbeute heute 30 Prozent unter der Prognose liege. Bei fehlenden Volllaststunden und angesichts aktueller Einspeisevergütungen sei ohnehin programmiert, dass eine WKA eher Verluste in Millionenhöhe als Gewinne produziere. Diesbezüglich habe der Rechnungshof der Energiewende bereits „ein vernichtendes Zeugnis“ ausgestellt.

Viele Informationen gab es über die Begleiterscheinungen von Windkraftanlagen: Infraschall, Schattenwurf, Eiswurf. Zum Teil fehlten hydrogeologische Gutachten, was auf der Alb mit ihrem porösen Karst und ihren Dolinen besonders fatal sei. Beim Artenschutz fehle die staatliche Kontrolle, die Haftpflicht und der Qualifikationsnachweis der Gutachter. Nach Hansjörg Jungs Meinung werden lediglich „Gefälligkeitsgutachten“ ausgestellt.

Walter Müller, als Berater für Bürgerinitiativen gegen Windkraft im ganzen Land unterwegs, stellte fest, dass der Widerstand in Grosselfingen gegen den geplanten Windpark bislang wohl „nicht so groß“ sei, obwohl Grosselfingen später die Hauptlast der zehn bis 15 geplanten Windräder zu tragen habe. Die Distanz zum Windpark betrage lediglich 1,3 bis 1,5 Kilometer. „Sie dürfen nicht schlafen, sonst wird Ihnen das Fell über die Ohren gezogen“, so Müllers Appell.

Adolf Fechter aus Hart kritisierte das Fehlen von Grosselfingens Bürgermeister Franz Josef Möller: „Er glänzt durch Abwesenheit.“ Die gewählten Vertreter dürften aber „über die Interessen der Einwohner nicht hinweggehen“. Wie Fechter erntete auch der Grosselfinger Hans Bogenschütz viel Applaus, als er feststellte: „Es gibt nicht nur A oder B, sondern auch Alternativen zwischen Atomkraft und Windkraft.“ Deshalb sei es nicht richtig, wenn Bürgermeister Möllers in der Windkraft-Debatte auf die Nuklearkatastrohen in Tschernobyl und Fukushima hinweise. Hier schlug BI-Vorsitzende Katharina Kaiser den Bogen  zum Infraschall, der angeblich unter der Wahrnehmungsgrenze liege: „Ist das bei der Radioaktivität nicht genauso?“

Eine Zuhörerin mit neu erbautem Eigenheim in Grosselfingen nahm am Schluss vielen Anwesenden die Worte aus dem Mund, als sie feststellte: „Man fühlt sich überrumpelt“. Und fragte: „Wie soll es weitergehen, was steht in unserer Macht?“

Die Kommunen sollten jetzt in die Gänge kommen, die Gemeinderäte Farbe bekennen, antwortete Alexander Siedler. Im Vorfeld der Bundestagswahl seien auch die Abgeordneten wichtige Ansprechpartner. Der Druck der Bevölkerung müsse größer werden. Dazu brauche es einen langen Atem. Siedler: „Das ist kein Sprint und kein Hundertmeterlauf, sondern ein Halbmarathon.“

Die Bürgerinitiative „GegenWind Hohenzollern“ wurde im Mai gegründet, hat derzeit 30 aktive Mitglieder. Vorsitzende ist Katharina Kaiser, Rangendingen, die 2. Vorsitzende Claudia Horn, Haigerloch-Hart. Der dritte Vorstandsposten wurde bislang bewusst für Grosselfingen freigehalten.

Der Regionalverband Neckar-Alb, der auf Weisung der Landesregierung einen Windkraft-Teilflächenplan erstellt, will das Waldgebiet „Hohwacht“ zwischen Grosselfingen, Rangendingen und Haigerloch als Vorranggebiet für Windkraftanlagen (WKA) ausweisen. Erste Informationen darüber gab es im Jahr 2012. Die konkretisierten und leicht veränderten Planungen stellte der Regionalverband im Februar 2017 bei einer Informationsveranstaltung in Haigerloch vor.

Informationsveranstaltungen der BI GegenWind gab es bereits im März in Haigerloch-Hart mit rund 80 Zuhörern, im Mai mit überragender Resonanz in Rangendingen und diesen Donnerstag in Grosselfingen.

10 700 Einwendungen gegen den Windpark „Hohwacht“ sind bis zum Ende der Offenlegungsfrist am 31. Mai beim Regionalverband Neckar-Alb eingegangen. 9400 davon wurden direkt durch die BI GegenWind in Mössingen übergeben. Nach Recherchen der BI kamen rund 700 Einwendungen aus der 2000-Einwohner-Gemeinde Grosselfingen.

Am 17. September findet die nächste Infoveranstaltung der BI GegenWind im Schützenhaus in Haigerloch-Stetten statt. Unter anderem sollen bis dahin die Flächen für den Windpark abgesteckt werden, um dessen Ausmaße sichtbar zu machen. Eine Protestaktion der BI fand bereits am 1. Mai statt: Auf der Hohwacht wurden rote Windräder gesteckt, um Wanderer auf die geplanten WKA aufmerksam zu machen. spa

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