Ein „Oberzigeuner“ oder ein Oskar Schindler aus Steinhofen?

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    Julius Klink mit seinem Enkel am Lindauer Hafen, aufgenommen in den 60er-Jahren. Foto: 
  • Eine Zigeunergruppe bei Bisingen. Die Aufnahme trägt das Datum 10. Juli 1937. 2/3
    Eine Zigeunergruppe bei Bisingen. Die Aufnahme trägt das Datum 10. Juli 1937. Foto: 
  • Der frühere Gasthof „Sonne“ in Steinhofen auf einem Ausschnitt aus einer alten Ansichtskarte. 3/3
    Der frühere Gasthof „Sonne“ in Steinhofen auf einem Ausschnitt aus einer alten Ansichtskarte. Foto: 
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Das preußische Hohenzollern besaß aufgrund seiner Lage zwischen Württemberg und Baden jahrhundertelang den Ruf eines Eldorados für das fahrende Volk. Dichte Wälder boten bei Verfolgungen Verstecke, nahe Grenzen erlaubten rasche Fluchten ins „Ausland“.

Auch bei Steinhofen lagerten immer wieder Gruppen von „Zigeunern“. Seit 1932 bot der Sonnenwirt Julius Klink den Fahrenden Plätze auf seinen Grundstücken und in seinen Häusern an. Die „Sonne“ lag mitten im Dorf an der viel befahrenen „Schweizer Straße“.

Bei den Steinhofenern „Zigeunern und nach Zigeunerart herumziehenden Personen“, wie sie offiziell genannt wurden, handelte sich durchweg um deutsche Staatsbürger, die seit Generationen im Lande lebten und ihren Lebensunterhalt als Händler, Handwerker oder Musiker bestritten. Sie ergriffen seit 1933 gerne die von Klink und seiner Frau Käthe gebotenen Unterkunftsmöglichkeiten Der Sonnenwirt profitierte von den Stellgebühren und Mietzahlungen seiner Gäste, die Landfahrer konnten sich mit dem Nachweis eines festen Wohnsitzes vom preußischen Ministerpräsidenten in Sigmaringen die begehrten Wandergewerbescheine beschaffen.

Wer war Julius Klink? Der Sonnenwirt stammte aus Stuttgart (geb. 1884), hatte 1905 nach Stein­hofen eingeheiratet und verdiente sein Brot als Rechtskonsulent. Er beriet und vertrat ärmere Leute, die sich keinen studierten Rechtsanwalt leisten konnten. Die bei ihm wohnenden Zigeuner wurden bald seine bevorzugte Klientel. Deswegen galt er im Dorf und bei den Behörden bald als „Oberzigeuner“ und „Volksschädling“.

Als der Sonnenwirt, gestützt auf das Zeugnis der Lehrerin Elisabeth Wolter, einmal zu sagen gewagt hatte, „die Kinder der bei ihm hausenden Zigeuner hätten keine Läuse, wohin gegen die einheimischen Kinder vielfach Läuse hätten“, brachte er das ganze Dorf gegen sich auf.

In der Silvesternacht 1934/1935 trafen etwa 30, auch auswärtige „Zigeuner“, die im „Kaiser“ gefeiert hatten, auf eine Gruppe junger Steinhofener, die im gegenüber liegenden „Lamm“ zusammen gesessen waren. Die einheimischen Burschen jagten bei dieser „Zigeunerschlacht“ die ungeliebten Sonnengäste samt ihren Freunden über die nahe gelegene württembergische Grenze.

Die Bisinger Gendarmerie wollte auf Veranlassung des Hechinger Landrats Paul Schraermeyer reinen Tisch machen und schob danach die bei Klink stehenden Zigeunerwagen kurzerhand über die württembergische Grenze nach Engstlatt. Die Balinger Landjäger transportierten sie umgehend auf Steinhofener Markung zurück. In dieser Weise ging es mehrere Male hin und her.

Nun legte Julius Klink Rechtsmittel gegen die Abschiebungen ein: Seine Klienten seien „alle Deutsche, ja Hohenzollern“ und ehrliche Steuerzahler. Als das Sigmaringer Bezirksverwaltungsgericht seine Klage ablehnte, beantragte der Sonnenwirt mit Hilfe des Hechinger Rechtsanwalts Dr. Paul Schellhorn Revision beim Preußischen Oberverwaltungsgericht in Berlin. Der dritte Senat des Berliner Gerichts hob am 5. Dezember 1935 die zuvor ergangenen Verfügungen auf.

Das Urteil war eine Sensation, weil kurz zuvor die Nürnberger Rassengesetze außer den Juden auch die „Zigeuner“ zu den „artfremden Rassen“gerechnet hatten. Die Berliner Richter sahen in den „Zigeunern“ keine rassisch minderwertigen Menschen: „Als deutsche Staatsangehörige unterliegen Zigeuner keinem Ausnahmerecht. Wie sie den allgemeinen staatlichen Verpflichtungen unterworfen sind, befinden sie sich andererseits aber auch unter dem Schutze der Gesetze.“

Nach dieser schallenden Ohrfeige zogen Presse und Behörden die Rassenkarte: „Bei Zigeunern“ handle es sich „um einen biologischen Fremdkörper, auf dessen zerstörenden Einfluss unser blut- und rassemäßig harmonisch gestalteter Volkskörper zwangsläufig mit Entartung antworten“ müsse. Man verdächtigte die „Zigeuner“ der Spionage auf dem nahe gelegenen Grosselfinger Fliegerhorst, Klink warf man Kuppelei und angeblich unerträgliche hygienische Zustände in seinen Häusern vor. Klinks Gäste wurden aus den Wohnungen gejagt. Wer den Ort nicht verließ, wurde im Schafstall einquartiert. Dem Sonnenwirt entzog man die Konzession. Damit verlor Klink seine Existenzgrundlage im Ort.

Nachdem Steinhofen zum 1. April 1938 nach Bisingen eingemeindet worden war, hatte man rasch jene „sauberen und geordneten Verhältnisse“ hergestellt, die man sich „im Reiche Adolf Hitlers auch in der kleinsten Gemeinde“ gewünscht hatte. Mit Stolz und im Tonfall der gegen die Juden gerichteten Slogans verkündete Hugo Maier, der stramme Nazi-Bürgermeister der Gesamtgemeinde, dem Balinger Kreisleiter, dem Hechinger Landrat und dem Sigmaringer Regierungspräsidenten, Steinhofen sei endlich „zigeunerfrei“.

Julius Klink verhielt sich in Stein­hofen nicht anders als jene Unternehmer, die für Verfolgte des NS-Regimes eintraten, mitunter auch zu ihrem eigenen Vorteil. Partei für „Zigeuner“ zu ergreifen, erforderte nicht weniger Mut, als sich, wie das Oskar Schindler einst tat, für die rassisch ausgegrenzten Juden einzusetzen. Deswegen sollten wir uns der vergessenen Steinhofener Landfahrerfamilien Reinhardt, Spindler und Winter ebenso erinnern wie ihres Anwalts Julius Klink, der einen Platz im öffentlichen Gedächtnis des Ortes, ja des Landes, verdient.

In Bisingen macht man sich zur Zeit Gedanken, wie man angemessen an Klink und seine „Zigeuner“-Klientel erinnern könnte. Angedacht sind eine Gedenktafel am früheren Standort des Gasthofs „Sonne“, vielleicht auch ein Platz im Bisinger Heimatmuseum. Weitere Pläne (Theaterstück, Doku-Film) sind im Gespräch.

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