Brauner Sumpf

Zwei Jahre nach Bekanntwerden der Anschläge des rechtsextremen NSU ist immer noch unklar, wie viele Unterstützer die Gruppe hatte. Diese Frage beleuchtete Lucius Teidelbaum im Bisinger Heimatmuseum.

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Auch die Polizistin Michèle Kiesewetter ist ein Opfer des NSU. Warum sie umgebracht wurde, ist noch immer unklar. Foto: Leonie Maschke

Bedeutungsschwer war der Ort des Vortrages "Spuren des NSU im Südwesten" von Lucius Teidelbaum: Im Heimatmuseum Bisingen, das an die Gräueltaten in den KZ-Lagern der Umgebung erinnert, referierte der freie Journalist über das weitläufige Netzwerk der rechten Terrororganisation "Nationalsozialistischer Untergrund", das bis in den Süden Deutschlands reichte. Organisiert wurde die Veranstaltung von der "Alboffensive - Kein brauner Alb(t)raum".

Teidelbaum betonte, dass er keine fertigen Antworten präsentieren werde. Wahrscheinlich würden am Ende seines Vortrages mehr Fragen im Raum stehen als Antworten, da auch täglich durch den Prozess in München neue Aspekte hinzukämen. Er stellte fest, dass aber auch die offiziellen Versionen des Münchner Gerichts stets hinterfragt werden müssten, ohne dabei jedoch in Verschwörungstheorien abzudriften.

In dem Vortrag wurde die Hypothese, dass das Zwickauer Trio allein gearbeitet habe, als abwegig eingeschätzt. Es müsse ein Netzwerk aus einheimischen und zugereisten Nazis in den jeweiligen Bundesländern geben, die Zschäpe und ihre Komplizen unterstützt hätten. Allein die nicht gerade wenigen potentiellen Opfer und Anschlagsziele, die sie in Baden-Württemberg ausgesucht hätten - darunter ein Burladinger Landespolitiker - deuteten darauf hin, dass sie aus den jeweiligen Regionen Unterstützung bekommen hätten. "Die Quellen - Landkarten, Landeslisten der Parteien - die sie hierfür verwendeten, sind teilweise so detailliert, die bekommen sie nicht einfach so in Thüringen. Sie hatten Leute, die ihnen geholfen und sie auch hier versteckt haben", sagte Teidelbaum.

Er scheute sich in diesem Zusammenhang nicht davor, Namen von lokalen Neonazis zu nennen, die im Verdacht stehen, den NSU unterstützt zu haben. So unter anderem einen Reutlinger Rechtsanwalt, der Sänger der rechtsextremen Band "Noie Werte" war, mit deren Musik das Bekenner-Video des NSU unterlegt wurde, und der gemeinsam mit ebenfalls rechtsgesinnten Kollegen eine Anwaltskanzlei in Stuttgart betreibt.

Trotz der zahlreichen Spuren des NSU, die nach Baden-Württemberg führen, und dem Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter in Heilbronn fehle ein Bericht eines Untersuchungsausschusses des baden-württembergischen Landtages zu der rechten Terrorzelle. Ein grober Fehler, wie Teidelbaum beanstandete, allein aus Respekt für die Angehörigen der Opfer wäre dies obligatorisch. Der Redner kritisierte auch scharf das Vorgehen des Verfassungsschutzes - den er hauptsächlich als "Inlandsgeheimdienst" bezeichnete, denn "nichts anderes ist er" - sowie aller beteiligten Sicherheitsbehörden: "Sie haben einfach versagt".

Der Verfassungsschutz sei eine anti-demokratische Organisation, die mehr Probleme schaffe als löse. Beispielhaft führte er den Fall Tino Brandt an: Dieser sei jahrelang der Kopf der rechtsextremen Organisation "Thüringer Heimatschutz" gewesen, bis er als V-Mann des Thüringer Verfassungsschutzes aufgeflogen sei. Bis dahin habe er jedoch mit finanzieller Hilfe eben dieser Behörde die rechtsnationalistische Szene in Thüringen aufgebaut und den NSU unterstützt. Auch die Polizeibehörden hätten lange nichts mitgekriegt oder mitkriegen wollen und zum Teil selbst rassistische Halbtendenzen an den Tag gelegt. Statt einen rechtsextremistisch motivierten Hintergrund zu ermitteln, sei bei den Opfern des NSU, die meist türkischer und griechischer Abstammung waren, unterstellt worden, dass es sich bei ihrer Ermordung um interne Mafia-Streitigkeiten handle oder dass sie von Familienangehörigen umgebracht worden seien. Außerdem hätten sich auch die Medien mit der Bezeichnung "Döner-Morde" für die Anschlagsserie nicht gerade mit Ruhm bekleckert.

Abschließend wies Teidelbaum darauf hin, dass nach einer Studie der SÜDWEST PRESSE der Zollern-albkreis 2012 bei rechtextremen Gewalttaten pro Einwohner in Baden-Württemberg auf Platz eins stehe: "Dieser Kreis hat leider ein Nazi-Problem."

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