Weiße Fahne weht am Kirchturm (5)

Vom 23. bis zum 25. April 1945 werden im nordöstlichen Kreisgebiet die letzten Gemeinden besetzt. Zu Kämpfen kommt es kaum noch, oft nimmt die Bevölkerung ihr Schicksal selbst in Hand.

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Bis zum 23. April hat der am 18. April begonnene amerikanische Vorstoß nach Süden seine wesentlichen Ziele erreicht: das Abschneiden der Autobahn Stuttgart-München und des Großraums Stuttgart sowie das Erreichen der Albhochfläche mit Zielrichtung Ulm. Am Morgen des 22. April wird Stuttgart übergeben, am folgenden Abend stehen US-Truppen bei Ehingen an der Donau. Zu Tausenden geben die deutschen Soldaten jetzt den schon lange verlorenen Kampf auf, die Amerikaner kommen kaum mit ihrem Abtransport nach.

In das strategisch weniger wichtige Gebiet des Landkreises, nördlich und östlich von Donzdorf, sind die US-Truppen bislang jedoch noch nicht weiter vorgedrungen. Am 22. April nehmen US-Einheiten auf dem Weg zum Rechberg, wo die Tage zuvor noch gekämpft wurde, Reichenbach ein. Auch hier übergibt ein französischer Kriegsgefangener mutig den Ort. Im Dorf Rechberg marschieren die Amerikaner gegen 17 Uhr ein.

Von Geislingen aus haben die bisher durchgezogenen amerikanischen Einheiten ebenfalls keine weiteren Schritte nach Norden unternommen. So harren die Einwohner von Eybach, Weiler ob Helfenstein oder Waldhausen weiter aus und verfolgten das Geschehen durch mündliche Nachrichten oder die bedrohliche Akustik des Krieges.

Heftige Auseinandersetzungen um Panzersperren

In den weitläufig eingeschlossenen kleinen Ortschaften, in denen sich teilweise noch Wehrmachtsangehörige befinden, kommt es häufig zu heftigen Auseinandersetzungen. Meist drehen sich diese um die Panzersperren, welche die Bevölkerung als elementare Gefahr für die Dörfer betrachtet. Daher bilden sich mehrfach Gruppen, die das Geschick ihres Heimatortes selbst in die Hand nehmen wollen – trotz Drohungen von Wehrmacht und Partei.

Vielerorts bauen die Bewohner jetzt die Sperren eigenhändig ab, um einen Beschuss durch US-Artillerie zu verhindern, beispielsweise in Weißenstein, Steinenkirch oder Eybach. In Nenningen haben Frauen und drei junge Kriegsversehrte aus dem Ort bereits am 21. April versucht, die im Dorf stationierten Soldaten zur Öffnung der Sperren zu bewegen. Daraufhin werden die drei jungen Männer von deren Kommandeur und vom örtlichen Volkssturmführer als „Verräter“ gejagt. In Wanderhütten der Umgebung tauchen sie unter, bis die Amerikaner zwei Tage später in Sichtweite sind.

Die Besatzer erscheinen

Ab dem 23. April wird es für die verbliebenen Gemeinden nicht mehr lange dauern, bis auch hier die Besatzer erscheinen. Drei motorisierte Regimenter der 63. Infanteriedivision und Artillerieeinheiten rücken rasch aus Richtung Schwäbisch Hall in den Raum südöstlich von Schwäbisch Gmünd vor. Ihre Aufgabe besteht in der Besetzung des Gebiets zwischen Remstal und der Donau bei Günzburg und Langenau. Am Abend des 23. April wird Nenningen von den Amerikanern besetzt. Während des Folgetags dringen die US-Truppen östlich von Schwäbisch Gmünd auf breiter Front nach Süden vor und nehmen fast alle bisher unbesetzten Gemeinden des Landkreises ein – glücklicherweise fast ohne Kampf.

In Böhmenkirch flattert die weiße Fahne schon am Kirchturm, als die Amerikaner am frühen Abend des 24. April von Bartholomä her anrücken. Nach einigen Warnschüssen kann die Gemeinde ohne Widerstand eingenommen werden. Eine aus Heilbronn evakuierte Frau erinnert sich: „Weiße Fahnen hängen aus einigen Fenstern, und eine Anzahl von Frauen und Kindern steht lachend mit weißen Tüchern winkend am Straßenrand. Schweigend sehen wir zu. Während des Einzugs spielen die Amerikaner deutsche Militärmärsche. Auf den Kühler eines ihrer Fahrzeuge haben sie einen deutschen Soldaten gebunden.“

Besetzung vom Rathaus

In der folgenden Nacht wird Eybach erreicht. Ein damals 13-jähriger Junge beschreibt den erlösenden Einmarsch nach tagelangem Warten und mehrfacher Flucht in die Wälder: „Zum ersten Mal sahen wir amerikanische Soldaten und darunter besonders einige ’Neger’, die zu uns gleich freundlich waren. In der Kirche wurde sofort ein Dankgottesdienst abgehalten, der von der Bevölkerung beider Konfessionen gut besucht war. Die Besetzung vom Rathaus ging problemlos vonstatten, denn eine Frau Hendel, die schon zuvor als Sekretärin im Eybacher Rathaus tätig war, sprach fließend englisch."

Mit Weiler ob Helfenstein wird am Mittag des 25. April die letzte Gemeinde des Landkreises besetzt. Die meisten Kreisgemeinden erhalten Soldaten der 100. US-Infanteriedivision als Besatzungstruppe zugeteilt, die Ende April einrücken. Diese Einheiten, denen gut ein halbes Jahr fast pausenloser Kampfeinsatz in den Knochen steckt, können dort am 8. Mai das Ende des Zweiten Weltkriegs feiern.

Der Großteil der Bevölkerung zeigt sich ebenfalls erleichtert über das Ende der Kämpfe und der Gefahr für das eigene Leben. Ein Chronist aus Süßen schreibt: „Man war nun in Feindeshand. Darüber musste man sich im Klaren sein. Trotzdem atmete man auf wie ein Patient, der eine unabwendbare, lebensgefährliche Operation eben überstanden hatte. Man durfte sich aller Wahrscheinlichkeit nach nun doch zu den ’Überlebenden’ zählen.“

Rund 200 Tote 

Dies ist jedoch nicht allen vergönnt: Etwa 110 bis 120 deutsche Soldaten sind in den sieben Tagen des Einmarschs der Amerikaner im Kreisgebiet gefallen, ebenso 30 bis 40 amerikanische Soldaten und knapp 60 Zivilisten, darunter mehrere Evakuierte, Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter. Trotz dieser rund 200 Toten, von denen etwa 40 aus dem Landkreis stammen, kommen viele Kreisbewohner mit dem Schrecken davon: Deutlich über die Hälfte der Gemeinden wird ohne jede Kampfhandlung besetzt, in weniger als einem Viertel kommen Zivilisten ums Leben und „nur“ Wäschenbeuren, Gosbach und Schlierbach haben große Zerstörungen zu verzeichnen. Die industrielle Infrastruktur ist nahezu unversehrt.

Die Amerikaner zeigen sich in der Regel als milde Sieger. Vergewaltigungen und Übergriffe gegen Zivilisten sind eher die Ausnahme. Plünderungen und verwüstete Wohnungen kommen zwar häufiger vor, scheinen aber nicht flächendeckend gewesen zu sein. Das Verbot der „Fraternisierung“ wird nicht lange halten. Was die Zukunft bringen wird, ist für die Menschen im Kreis Göppingen noch sehr ungewiss. Gerüchte über einen kommenden Krieg zwischen den USA und Russland machen die Runde. Für allzu viel Reflektion haben die meisten kaum Zeit: Die alltäglichen Sorgen um Lebensmittel, Wohnraum und vermisste Angehörige werden lange Zeit den Alltag dominieren.

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