Der große Kehraus (6)

Wie erlebten US-Soldaten die letzten Kriegstage im Landkreis Göppingen? Private Erinnerungen und Regimentsgeschichten geben Einblicke in das Geschehen jenseits der nackten Zahlen und Daten.

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Ein sehr ungewohnter Anblick bot sich den Göppingern im Sommer 1945, nämlich US-Soldaten beim öffentlichen Footballspiel.  Foto: 
Es ist nicht mehr die Zeit für große Siege. Die Tage vom 19. bis zum 25. April 1945, in denen die Gemeinden des Landkreises durch US-Truppen besetzt werden, sind ein Teil des „Big sweep“ – des großen Kehraus. So wird in der amerikanischen Militärgeschichte oft die letzte Phase des Krieges in Süddeutschland bezeichnet.

Die meisten Einheiten, die als erste den Kreis Göppingen erreicht hatten, werden das Kriegsende im Alpenraum erleben – in Innsbruck oder im Raum Garmisch-Partenkirchen. Für die US-Generäle gibt es jenseits der sich als Propaganda-Mythos erweisenden „Alpenfestung“ in diesen Tagen keine wesentlichen Herausforderungen mehr. Doch für den einzelnen GI, also den einfachen Soldaten, ist die Gefahr noch nicht vorbei, auch wenn die deutsche Gegenwehr immer weiter zusammenbricht. So verwundert es nicht, wenn die Amerikaner in der Situation des Einmarsches in einen Ort auf alles Verdächtige schießen – auf jeden Busch oder klappernden Fensterladen.

Faktoren wie Kreisgrenzen spielen natürlich keine Rolle, es geht vielmehr auf einer strategischen Route von Ort zu Ort. Dabei kommen die Amerikaner meist recht schnell voran und besetzten alle paar Stunden eine neue Gemeinde. Tagelange Häuserkämpfe wie in Heilbronn oder größere Gegenschläge wie in Crailsheim gibt es hier kaum mehr, nur am Albrand wird teilweise noch stärkerer Widerstand geleistet. Wie haben also US-Soldaten die letzten Kriegstage im Kreis Göppingen wahrgenommen?

Jenseits der knappen Angaben offizieller Armeeunterlagen kann man derlei Berichte auf Homepages von US-Veteranenverbänden finden. Auch in den Kriegserinnerungen der einzelnen Einheiten, häufig noch 1945 und 1946 in Deutschland gedruckt, ist es möglich, anschauliche Beschreibungen zu entdecken. Dies gestaltet sich jedoch insofern etwas schwierig, da es hier – zum Glück für die Einwohner – vergleichsweise wenig spektakuläre Kampfhandlungen gab, die sich im Gedächtnis eingeprägt haben.

Daher ist es hilfreich, wenn manche Soldaten wie der junge Artillerist Greg Goorigian ihre Erlebnisse konsequent Tag für Tag schildern. Am Nachmittag des 20. April trifft er mit seiner Einheit in Göppingen ein, wo die Lage immer noch etwas angespannt ist: „Wir übernahmen das Wohnhaus des Göppinger Bürgermeisters, das sehr gut mit Champagner, Likören und anderen Annehmlichkeiten ausgestattet war. Die Zivilbevölkerung hatte Angst und befürchtete unnötigerweise, dass wir sie belästigen würden. Es gab einen aufwändigen Luftschutzkeller auf dem Grundstück und einen im Weinkeller. Deutsche Flugzeuge überflogen die Stadt und erhielten starken Flak-Beschuss (. . .). Für diese Nacht wurde ein Gegenangriff auf die Stadt erwartet.“

Doch dieser bleibt aus. Während der folgenden Tage wird Goorigian über Gruibingen, Mühlhausen und Wiesensteig auf die Albhochfläche gelangen. In der Nacht auf den 23. April ist es um Wiesensteig weiterhin unruhig: „Die Nacht war kalt und regnerisch, und MG-Feuer konnte aus den umliegenden Wäldern gehört werden. Einige deutsche Gefangene, darunter ein 16-Jähriger, wurden während der Nacht gemacht. Kissinger schoss auf einen, der ’Kamerad’ brüllte, aber dann weg in die Dunkelheit rutschte.“

Einige Kilometer entfernt finden im östlichen Teil Geislingens schon am Morgen des 22. April nach einer deutschen Gegenattacke heftige Straßenkämpfe statt, wie in der „Combat History“ des Regiments 324 der 44. US-Infanteriedivision dokumentiert wird: „Eine Gruppe Verteidiger war in einem Gebäude komplett abgeschnitten, bis die Gefreiten Ken Thomas und Howard Wiley einen Weg durch offenes Gelände nahmen und unter dem Feuer der aufgeschreckten Feinde gebückt von Tür zu Tür rannten, um ihrem Kommandoposten eine Botschaft zu übermitteln. Sie kehrten dann auf dem selben Weg zurück, um ihre Stellung bei der Verteidigung des Gebäudes wieder einzunehmen. Sergeant Paul Strauser sah, wie ein Fahrzeug abgeschnitten und dessen Fahrer schwer verletzt wurde. Er stürzte vor, um zum Fahrzeug zu gelangen, wo er sich zwei Feinden gegenüber sah. Er handelte sofort, feuerte seine M1 (Karabiner-Gewehr) ab, mit der er den einen tötete und den andern verwundete. Dann sprang er ins Fahrzeug und fuhr es zurück hinter die amerikanischen Linien.“

Offizier gratuliert in Unterhosen zum Sieg

Auch im Schurwald ist am selben Tag die Situation für die GIs oft unübersichtlich und weiterhin hochgefährlich. William Howsmon von der 100. US-Infanteriedivision ist damals in der Nähe von Hohengehren unterwegs: „Um 9 Uhr zeigte sich ein deutscher Konvoi zu unserer Linken auf der Straße. Es waren Limousinen, Motorräder und Flakfahrzeuge, und sie kamen direkt auf uns zu. Wir blieben im Wald und feuerten hinaus, aber sie fuhren weiter. Dabei wurde James Smith (Smitty) vom 1. Zug getötet. Er war unser letzter Gefallener. Zuletzt konnten wir die Sache beenden und machten einige Gefangene. Dabei zeigte es sich, dass sie Hitlers ’Volkssturm’ angehörten und hauptsächlich alte Männer und Jugendliche waren. Ich erinnere mich, dass ihr Anführer uns erzählte, sie hätten nur versucht, sich zu ergeben. Einer von Smittys Kumpels hätte ihn dafür fast erschossen. Danach rückten wir ohne Probleme weiter nach Plochingen vor, wo wir die Nacht verbrachten.“

Nur wenige Tage später ist für Howsmon der Krieg vorbei, die 100. Infanteriedivision wird in Reserve gestellt, und seine Kompanie rückt in Süßen ein. Dort erlebt er am 8. Mai ein feucht-fröhliches Kriegsende: „Der Abend nach dem Exerzieren war wild, und wir sahen etwas, das wir niemals erwartetet hatten. Beim Einbruch der Dunkelheit saßen wir herum und tranken Wein, als der Befehl zum Heimgehen kam. Wir schwankten in unsere Straße und fanden dort unseren Kompanie-Befehlshaber, bekleidet mit Helm, Unterhosen, Stiefeln und einen Säbel um die Hüfte. Er hatte eine Flasche Wein und war etwas betrunken. Er sagte: „Ich möchte euch Männern sagen, was für einen Mordsjob ihr erledigt habt. Abtreten.“ Das war's. Wir brachen in Jubel und Tränen aus, ich glaube, zumindest ich tat es. Der Krieg war vorbei, wir hatten’s geschafft, und der beste Offizier in der ganzen Armee hatte uns gratuliert – in Unterwäsche. Das war ein Moment, an den ich mich immer erinnern und den ich immer wertschätzen werde.“

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