Wenn der Filius den Papa abhängt

Motocrosser Tobias Blank von den Heidhöfen hat mit Beifahrer Michael Klooz (beide vom MSC Gerstetten) in der Seitenwagen-Klasse zweimal in Folge Weltmeisterschaftspunkte ergattert.

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    Perfekte Aufgabenteilung im Seitenwagen-Gespann: Tobias Blank gibt Gas, Beifahrer Michael Klooz hängt sich ganz weit raus. Foto: 
  • Tobias Blank sammelt fleißig WM-Punkte. 2/2
    Tobias Blank sammelt fleißig WM-Punkte. Foto: 
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Die Frage, wie Tobias Blank zum Motocross kam, beantwortet sich von selbst. Vater Jürgen fährt seit 30 Jahren Seitenwagen, erst als Beifahrer, später als Pilot. Der 49-Jährige lehnt aber jede Verantwortung für die Wahl der Sportart seines Sohnes ab. Der bat schon als Elfjähriger um sein erstes Motorrad und bekam eine 60 Kubikzentimeter-Maschine. Jürgen Blank bestreitet jedwede väterliche Einflussnahme. "Wenn der Filius "hätte Fußball spielen wollen, wäre es auch okay gewesen", beteuert Blank senior.

Tobias entschied sich fürs Motorrad, seit seinem 18. Lebensjahr fährt der 25-Jährige Rennen. Seit gut einem Jahr tut er das besonders erfolgreich. Da spülte ihm der Zufall Michael Klooz in den Seitenwagen. Im Sommer 2014 verletzten sich fast gleichzeitig Blanks Beifahrer und Klooz' Pilot, beide versuchten es mal zusammen und es funktionierte auf Anhieb.

Das Duo vom MSC Gerstetten gehört mittlerweile zu den besten deutschen Gespannen. Bei der Rennserie zur Deutschen Meisterschaft, die mangels nationaler Masse international gefahren wird, belegten Blank/Klooz Rang sieben - als drittbeste Deutsche. Der Weg zur Weltmeisterschaft war da nicht mehr weit. Ende August in Roggenburg (Schweiz) fuhren sie auf den Rängen 20 und 18 ihre ersten WM-Punkte ein, vergangenes Wochenende im französischen Saint Jean'Angely folgten mit Platz 17 und 20 die nächsten Zähler.

Von um die 60 Gespannen qualifizieren sich 30 fürs Rennen, die ersten 20 kassieren Punkte. Die Qualifikation "schaffen wir mittlerweile regelmäßig", sagt Tobias Blank. Um in die Punkte zu fahren, müssen sie sich aber "schon richtig anstrengen". Der Fahrer tritt aufs Gas, der Beifahrer muss im Boot genannten Seitenwagen die Balance halten. Er darf sich "nicht zu viel und nicht zu wenig raushängen", beschreibt Jürgen Blank die Anforderungen an den Boots-Mann. Mit dem Welzheimer Klooz hat Tobias den passenden Partner gefunden. Der ist absoluter Spezialist, fährt selbst nicht Motorrad. Blank amüsiert sich köstlich, wenn sein Beifahrer "mal zur Abnahme fährt". Der brauche dann "drei- bis vier Versuche, bis er die Kiste zum Fahren bringt".

Den Böhmenkircher, der jetzt bei der Freundin in Esslingen wohnt, fasziniert am Seitenwagenfahren die Teamarbeit. Er findet den Zusammenhalt größer als bei den Solisten. Die Erfolgschancen sind höher, die Anforderungen auch.

Dank der geringen Zahl von Gespannen klettert man die Karriereleiter schneller nach oben - wenn man die Fähigkeiten mitbringt. "Seitenwagen fahren kann nicht jeder" - Tobias Blank hat schon einige Solisten mitgenommen oder gar selber fahren lassen. "Die haben alle nach der ersten Runde aufgegeben", sagt Blank.

Von Berufs wegen ist er längere Reisen gewohnt, übertreiben will er die Fahrerei auch im Hobby nicht. Der 25-Jährige bestreitet nur acht oder neun von 14 WM-Rennen. "Alles bis zu 1000 Kilometer Anreise - einfach", erklärt er. WM-Rennen in Estland oder Russland verkneifen sich Blank/Klooz. Solche Trips erlaubt das Urlaubs- und das Finanzbudget des Mannes von den Heidhöfen nicht, der im Hauptberuf als Service-Mann im Außendienst Gabelstapler repariert. Rund 15 000 Euro investiert Blank jährlich in sein Hobby, in etwa dieselbe Summe fährt er an Preisgeldern wieder ein.

Nur die besten Fünf der Welt können vom Seitenwagenfahren leben, der Rest macht das Risiko zum Hobby. "Wenn man auf ein Motorrad steigt, kann auch was passieren", sagt Jürgen Blank über die Gefahren. Blank/Klooz machen auf ihrer 95 PS starken 700er-Maschine im Gelände Sprünge von 25 bis 30 Meter, dabei sollten sie Stürze tunlichst vermeiden. Das Motorrad mit Seitenwagen wiegt an die 200 Kilo, "wenn einen das trifft, kann's schon richtig weh tun", formuliert Tobias Blank diplomatisch die Risiken.

Bislang blieb der 25-Jährige von den Schattenseiten seines Sports weitgehend verschont. Ein Schlüsselbeinbruch ist alles, was ihm widerfuhr. "Da hat jeder Fußballer mehr Verletzungen", relativiert sein Vater die Mär vom Hochrisiko-Sport Motorradfahren.

Motocrosser ziehen zwangsläufig in jedem Rennen alles in den Dreck, zumindest ihr Arbeitszeug. Wenn's regnet, ist sowieso alles matschig. Bei trockenem Wetter wässern die Veranstalter die Strecke, damit die Fahrer nicht in eine Staubwolke fahren und im höchst gefährlichen Blindflug durchs Gelände düsen. "Dreck macht Spaß, nur das Putzen anschließend ist mühsam", sagt Tobias Blank. Hernach warten zwei oder drei Tage Arbeit, ehe er die Ausrüstung wieder in sauberen Zustand gebracht hat.

Das Reinigen muss Tobias selber übernehmen, beim Schrauben hilft ihm der Papa. Seitdem Jürgen Blank im Vorjahr mal wieder ein Rennen gegen seinen Filius verloren hat, weiß der 49-Jährige, dass er mit den Jungen "einfach nicht mehr mitkommt". Er übernimmt jetzt die Rolle des Mechanikers im Team des Sohnes. Die ist auch mit weniger Schmerzen verbunden. Als Motorradsportler in seinem Alter, sagt Jürgen Blank, spüre er jetzt "Wehwehchen", die er vorher gar nicht kannte, "weil der Muskelkater sie überdeckt hat".

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