Viel Adrenalin, aber nicht mehr ganz so extrem

Oberstdorf.  Es gibt kaum einen, der es ihm nicht gönnen würde: Sven Hannawald scheint nach jahrelanger Suche wieder Boden unter die Füße zu bekommen. Sein Adrenalin steigern künftig 500 PS unter der Motorhaube.

Depression, Burn-out-Syndrom im Leistungssport und im ganz normalen Leben: Das sind Themen, mit denen die Öffentlichkeit in den Wochen nach dem Selbstmord von Fußball-Nationaltorhüter Robert Enke offener und sensibler umgeht. Sven Hannawald war schon 2004 vor der glitzernden Skisprung-Welt, vielfach unverstanden, in stationäre Behandlung geflüchtet. Weil er sich im Spannungsfeld zwischen übergroßen Ansprüchen und rauer Wirklichkeit völlig am Ende seiner Kräfte fühlte.

Jetzt will jener Mann, der vor acht Jahren das Kunststück vollbrachte, als einziger in der bisher 57-jährigen Geschichte der Vierschanzentournee alle vier Springen in Folge zu gewinnen, sein Leben wieder in den Griff bekommen. "Mir gehts gut. Das habe ich früher auch gesagt, aber nur, dass ich in Interviews meine Ruhe hatte", so der 35-Jährige: "Ich weiß jetzt, was ich mit mir anfangen kann. Das liegt an der neuen Aufgabe, in die ich mich reinsteigern kann. Ich bin infiziert."

Die neue Herausforderung heißt ADAC-GT-Masters, eine Motorsport-Rennserie, die unterhalb der DTM angesiedelt ist. Ab 18. April wird Hannawald, der zuletzt schon Motorsport-Luft in Gästerennen in verschiedenen Klassen geschnuppert hatte, dort in der Pro-Am-Serie starten: Ein Profi und ein Amateur haben jeweils die Hälfte der Distanz zu fahren. Hannawald wird einen Ex-DTM-Fahrer als Partner erhalten. Der einstige König der Lüfte als Lehrling auf dem Automobil.

"Die Message ist: Sven ist gesund", versichert sein neuer Manager, der im Motor- und Bobsport erfahrene Axel Watter aus Filderstadt. Dass Hannawald seinen Entschluss ausgerechnet in Oberstdorf verkündet hat, hat mit der Tournee als seiner "Bettdecke", seinem "Kissen" zu tun. Hier fühlt er sich wohl.

Auch wenn ihn die Skisprung-Szene - gestern war Hannawald Co-Moderator an der Schattenbergschanze - an seine Krankheit erinnert: "Burn-out, das hat lange gedauert, aber jetzt ist alles okay." Und in der Tat macht der einstige Ausnahme-Springer, schlank und rank wie zu seinen Erfolgszeiten, einen guten Eindruck. So als sei er von seinem neuen Weg überzeugt.

Lange habe er nicht gewusst, was denn mit ihm los sei, sagt er: "Die Ärzte haben gesagt, dass alles in Ordnung ist. Aber ich wusste, dass es nicht stimmt." Viel gelernt habe er, deswegen werde er mit der neuen Aufgabe anders umgehen. "Ich will professionell arbeiten, aber versuchen, nicht mehr so super extrem zu sein." Und dabei auch, anders als früher, sein privates Leben weiterzuleben: So lautet Hannawalds neue Marschroute.

Nein, für einen ruhigen Büro-Job ist Hannawald nicht geeignet, das glaubt man ihm aufs Wort - Adrenalin, ausgeschüttet durch Risiko und Geschwindigkeit, muss im Spiel sein. Insofern kommt er in den zwei, drei Jahren, auf die sein Engagement vorerst befristet ist, im ADAC-GT-Masters gewiss auf seine Kosten. 500 PS wollen erst einmal von ihm kontrolliert werden. "Es gilt die Grundtechnik zu lernen. Ich werde Lehrjahre hinter mich bringen müssen", weiß Hannawald.

Fit hielt bzw. hält er sich mit Fußballspielen, zunächst beim TSV Burgau (Landkreis Günzburg), jetzt beim TSV Neuried nahe München. In der bayrischen Landeshauptstadt lebt er mit seiner neuen Partnerin Marie-Therese. Sein Sohn Matteo wohnt mit Hannawalds früherer Partnerin Nadine in Berlin.

In Oberstdorf hat sich der einstige Flieger alsbald in einen beigen Rennanzug geworfen und einen silberfarbenen Helm aufgesetzt. Extra für die unzähligen Fotografen hat er auf dem Dach eines weißen Porsche einen Telemark-Aufsprung simuliert. Sozusagen als Zeichen für Rückkehr und Aufbruch zugleich. Ein Aufbruch wenigstens zu einer Zwischenstation auf dem Weg zu einer hoffentlich soliden Perspektive.


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Autor: KLAUS VESTEWIG | 30.12.2009

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