Pechstein und die Folgen

Ulm.  Tag eins nach dem Urteil. Claudia Pechstein setzt zum erwarteten Rundumschlag an. In einigen Sportverbänden wird laut über die nächsten Sperren nachgedacht. Zudem erschallt der Ruf nach einem neuen Gesetz.

Claudia Pechstein war vorbereitet auf das Urteil des Internationalen Sportgerichtshofs Cas. Sie ist gedanklich bereits einen Schritt weiter, will vor dem Schweizer Bundesgericht das Urteil anfechten, auch um ihren Beamten-Status bei der Bundespolizei nicht zu verlieren. Ihre Chancen, sagen Experten, stehen gar nicht schlecht.

Auf ihrer Homepage, auf der Fans sämtliche der von ihr zusammengetragenen Beweismittel für ihre Unschuld einsehen können, nennt die Eisschnelllauf-Olympiasiegerin das Urteil einen "Justizirrtum des Anti-Dopingkampfes". Fast schon spöttisch nimmt sie DOSB-Präsidenten Thomas Bach aufs Korn, ohne freilich seinen Namen zu nennen. Er hatte Claudia Pechstein unmittelbar nach Bekanntwerden des Urteils aufgefordert, ihre Hintermänner zu nennen. "Wenn ich nicht gedopt habe, kann es auch keine Hintermänner geben! So einfach ist das", erklärt die Berlinerin, die sich fühlt wie in einem falschen Film.

Zu diesem Film gehört auch, dass die Deutsche Kreditbank DKB Claudia Pechstein die Zusammenarbeit umgehend aufgekündigt hat. Wie es der Vertrag im Falle eines Doping-Vergehens vorsieht. Pechsteins Management ließ aber sofort dementieren, dass die DKB ihr wichtigster Werbepartner sei. Das sei vielmehr der ostdeutsche Süßwarenhersteller Grabower, dessen Vertreter hoffen, "dass die Vorzeigesportlerin jetzt mehr Zeit für uns hat". Nicht nur das Unternehmen, auch sehr viele Fans halten Claudia Pechstein die Treue, der eigenes für die Berufungsklage vor dem Cas gegründete Förderverein wird weiter an der Seite seines Idols kämpfen.

Doch das klare Votum für den Doping-Nachweis auf der Grundlage von Langzeit-Blutprofilen, wirkt natürlich weit über das Schicksal der Berlinerin hinaus. Das weiß sie selbst am besten, nennt sich einen "Kollateralschaden" des Anti-Doping-Kampfes. Bis gestern Abend wurden zwar keine weiteren Sperren ausgesprochen, dass es verdächtige Athleten gibt, daran besteht aber kein Zweifel. Und vor allem für die Wintersportverbände drängt zweieinhalb Monate vor Spielen in Vancouver jedoch die Zeit. Es ist damit zu rechnen, dass sie als bald aus der Deckung kommen.

Im Eisschnelllauf gibt es zwölf weitere auffälligen Blutprofile. Das war bereits während der Verhandlung in Lausanne zur Sprache gekommen. Auch die "schwarze Liste" verdächtiger Athleten des Internationalen Ski-Verbandes (Fis) ist kein Geheimnis. Von deren Existenz hatte Fis-Präsident Gianfranco Kasper öffentlich berichtet. Juristen, Mediziner und die Anti-Doping-Experten der Fis prüfen derzeit "jeden Einzelfall". Die Radsportler dagegen sehen keinen Handlungsbedarf. Sie fahren weiter ihre Linie und vertrauen dem eigenen, wissenschaftlich ausgefeilten, biometrischen Programm.

Zu Wort gemeldet hat sich gestern auch die deutsche Politik. Wie nach jedem großen Doping-Fall werden die Stimmen nach einem Atni-Doping-Gesetz wieder lauter. Die bayerische Justizministerin Beate Merk (CSU) kämpft seit Jahren für ein solches Gesetz. Sie hat in München zudem die einzige Schwerpunkt-Staatsanwaltschaft eingerichtet, die sich auf den Spuren der Doper befindet.

Merk hat ihren Gesetzesentwurf, der bislang bundesweit keine Mehrheit gefunden hat, überarbeitet und erweitert. "Gesetz zur Bekämpfung des Dopings und der Korruption im Sport" heißt das Papier, das sie aber längst noch nicht in den Bundesrat einbringen will. "Wir werden es erst einmal zur Diskussion verwenden. Ich bin aber überzeugt davon, dass insbesondere die Diskussion über die Bekämpfung der Korruption fruchtbringend sein wird", sagt die Ministerin.

Dem Gesetzesteil, mit dem der populäre Fußball von betrügerischen Einflüssen befreit werden soll, gibt sie selbst mehr Chancen auf eine schnelle Verwirklichung als dem Anti-Doping-Gesetz. Denn mit dem würde der Staat in die Autonomie des Sports eingreifen.


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Autor: UTE GALLBRONNER | 27.11.2009

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