Pechstein ist nur noch schwer vermittelbar

Berlin.  Bald stellt die Nationale Anti-Doping-Agentur ihre Bilanz vor, und die Rad-Saison hat begonnen. Eigentlich die Zeit für hektische Betriebsamkeit in der Doping-Diskussion. Aber es herrscht merkwürdige Stille.

Dieter Baumann hat die Nation gespalten, Jan Ullrich und Claudia Pechstein. Glauben oder nicht glauben, lautet die Frage. Nur wem darf man glauben? Nie war die Entscheidung so schwer wie im Fall der Eisschnellläuferin. Die medizinisch-juristisch hochkomplexen Auseinandersetzungen sind für die wenigsten nachvollziehbar. Pechstein ist schwer vermittelbar.

Ohnehin, sagt Philosophie-Professor Christoph Asmuth, sind die Sport-Fans nicht diejenigen, die an Doping-Hintergründen interessiert sind. Sie wollen mit den Siegern jubeln, über Fehlpässe schimpfen, mit den Verlierern leiden. Asmuth leitet an der TU Berlin das Projekt "Translating Doping - Doping übersetzen". Ein schwieriges Unterfangen, nicht nur für Philosophen.

Den Fall Pechstein bezeichnet er als "sehr spannend". Monate hat es gedauert bis Mediziner, die mit Sportverbänden nichts zu tun haben, Pechstein zur Seite gesprungen sind. Live im Fernsehen wurden Zahlenreihen auseinandergeklaubt, und die "heriditäre Sphärozytose" fand sich im Boulevard. Die Erkenntnis: Claudia Pechstein ist krank - oder auch nicht. Ihr Blut jedenfalls weicht von der Norm ab. Genetisch bedingt. Ist damit bewiesen, dass sie nicht gedopt hat? Nein. Aber der Beweis, dass sie es getan hat, ist auch abhanden gekommen.

Der Fall Pechstein stürzt den organisierten Sport mal wieder in eine Identitätskrise. Denn er lebt davon, dass der Zuschauer am Ende weiß, wer gewonnen hat. Nur dann ist Platz für Emotionen, für die Faszination, die Millionen Menschen in Stadien oder vor den Fernseher lockt. Wenn sie fehlt, kann man den Sport begraben. Wenn Medaillen erst im Gerichtssaal verteilt werden, wenden sich Fans, Medien, Sponsoren ab. "Die Juristifizierung ist der größte Feind des Sports", sagt Philosoph Asmuth und verweist auf die Tour de France.

Pechstein ist es gelungen ihren Fall länger im Fokus zu halten, als jedem anderen. Dafür hat sie ihr Innerstes nach Außen gekehrt. Dieser Striptease gehört inzwischen zum Dasein des Spitzensportlers. Die meisten akzeptieren es und hoffen, dass ihre Konkurrenten mit den gleichen Maßstäben gemessen werden. Andere inszenieren das Szenario wie Rad-Profi Lance Armstrong, der nicht nur seine Blutwerte im Internet auflistet, sondern auch zeigt, wie er vor den Doping-Kontrolleuren die Hosen runterlässt - was auf weit größeres Fan-Interesse stößt.

Im Fall Pechstein ist die Diskussion auf andere Ebenen entschwunden. Der Fan ist ausgestiegen, geblieben sind Juristen und Mediziner. Professor Hans Dierck Waller hat der Fall sogar dazu bewogen, sich aus dem Ruhestand zu melden. Wenn es um Hämolysen geht, gehört der 83-Jährige zu den Medizinern der ersten Stunde. Eigentlich habe er sich zurückgezogen, sagt der Tübinger. Doch auf die Kritik einiger Doping-Jäger an seinen Kollegen, müsse er reagieren.

Dass Pechsteins Werte immer auffällig seien, wenn ein Wettkampf ansteht - ein eindeutiges Indiz für Doping? "Völliger Blödsinn", sagt Waller: "Das ist nicht nur möglich, sondern sogar sehr wahrscheinlich. Ich konnte immer wieder an Patienten beobachten, dass sie bei einer hohen psychischen Belastung eine hämolytische Krise bekommen haben." Die erhöhten Retikulozyten-Werte während des Wettkampfs seien "kein Beweis für Drogenmissbrauch, sondern eine natürliche Folge einer Auflösung roter Blutzellen in einer Stresssituation."

Hört sich schlüssig an. Auch für den Laien. Bleibt die Frage: Wenn das so ist, warum ist niemand darauf gekommen?

Ein anderer Experte ist der Lübecker Professor Horst Pagel, Nierenspezialist, Epo-Fachmann und Anti-Doping-Beauftragter des Radverbandes Schleswig-Holstein. Für ihn ist der Fall Pechstein ein politischer. Ob die Berlinerin gedopt hat, das wisse er nicht: "Aber aus den vorliegenden Blutparametern kann kein Doping-Vergehen abgeleitet werden." Das Urteil des Sportgerichtshofs habe schon festgestanden, um den indirekten Doping-Nachweis zu retten: "Das Ganze ist Teil einer riesigen Show zur Unterhaltung des geneigten Publikums."

So will man den Kampf gegen Doping eigentlich nicht sehen. Aber der Verdacht ist nicht abwegig. Im Kampf gegen Doping stecken Milliarden, weil der Betrug das Sportgeschäft bedroht. Auch Politiker geben sich gern als engagierte Doping-Bekämpfer - ein Feld, auf dem sie nicht viel zu verlieren haben.

Pagel hat ein weiteres Schauspiel parat: den Fall Terry Newton. Ein alternder britischer Rugbyspieler, bei dem Wachstumshormone gefunden wurden. Die Jubel-Meldung raste rund um den Globus. Das Problem war nur, dass die Nachweismethode von Christian Strasburger schon zehn Jahre alt ist, und Newton der erste, der damit überführt wurde. "Er wird auf dem Marktplatz ausgestellt, nach dem Motto ,wieder ein schwarzes Schaf erwischt." Das Internationale Olympische Komitee (IOC) und die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) "hauen sich gegenseitig auf die Schultern. Und das geneigte Publikum soll staunen, was die alles Tolles hinkriegen".

In all den Diskussionen, in all der Unklarheit scheint nur eins klar: Doping gehört zum Hochleistungssport. "Sauberen Sport gibt es sowieso nicht", sagt Philosoph Asmuth. Wenn Sportler krank sind, nehmen sie Medikamente, sie trainieren in der Höhe oder in irgendwelchen Kammern, um ihre roten Blutkörperchen zu vermehren. Ist das nicht auch Doping? Viele Fragen bleiben offen.


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Autor: UTE GALLBRONNER | 27.04.2010

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