Auf kleiner Ebene greifen die Konzepte
Der Radsport steckt in der Krise. Der württembergische Radsport-Verband versucht gegenzusteuern, wie der Vorsitzende Günter Riemer erzählt.
Die Tour de France läuft, die Menschen jubeln ihren Idolen zu, die sich die Berge hochquälen. Wie ist es um den Radsport bestellt?
GÜNTER RIEMER: Die Freude am sportlichen Radfahren ist ungetrübt. Wir haben sogar einen Trend festgestellt, dass es zurück aus dem Gelände auf die Straße geht. Und die Tour ist natürlich nach wie vor ein Mythos. Daran wird sich auch nichts ändern. Für die Franzosen ist es mehr ein kulturelles denn ein Sportereignis. Die wollen Spaß haben, ein Fest machen und genau das tun sie.
Dann ist alles wie früher, vor den großen Doping-Skandalen?
RIEMER: Nein, bestimmt nicht. Aber im öffentlichen Bewusstsein hat sich das Thema Betrug normalisiert. Es ist eine Grauzone, auch bei mir persönlich. Einerseits ist da die Begeisterung, andererseits schwingen Enttäuschung und Zweifel mit. Aber die sportbegeisterten Menschen unterscheiden zwischen dem Event, wie es die Tour ist, und der Arbeit in den Vereinen, die Kinder von der Straße holt.
Wie sehr haben die Doping-Skandale den Vereinen geschadet?
RIEMER: Wir haben einen leichten Einbruch bei den Kindern und Jugendlichen gespürt, aber die Zahl der Athleten ist nicht über das normale Maß zurückgegangen. Unsere Vereine und der Verband unternehmen viel für die Nachwuchsgewinnung. Beispielsweise haben wir durch die Kooperation mit Schulen erreicht, dass Radfahren dort Teil des Sportunterrichts geworden ist. Das wollen wir weiter ausbauen.
An Erfolgen mangelt es dem Nachwuchs im Land ja nicht . . .
RIEMER: Das stimmt. 50 Prozent der Bundeskader-Athleten kommen inzwischen aus Baden oder Württemberg. Die Frage ist nur: Ist das so, weil wir so gut sind oder sind die anderen so schlecht. Aber es zeigt auf jeden Fall, dass die Konzepte unserer Vereine greifen.
Die Fahrer haben immer weniger Chancen sich zu präsentieren. Viele Radrennen sind einfach verschwunden. Täuscht der Eindruck?
RIEMER: Nein. Immer mehr Veranstalter haben Probleme mit den Finanzen. Das hat mit der Wirtschaftskrise zu tun, aber auch mit den Doping-Skandalen. Der Fall Schumacher hat uns im Land natürlich nochmal besonders weh getan. Die LBS, mit der wir seit 1983 gemeinsam den LBS-Cup gemacht haben, hat nach den verschiedenen Stufen der Skandalität gesagt, dass Radsport nicht mehr vermittelbar sei und ist ausgestiegen. Wenigstens konnten wir sie überreden, beim Nachwuchs weiterzumachen. Mit Gonso haben wir zum Glück einen neuen Sponsor für die Baden-Württemberg-Liga gefunden.
Wie sehen Sie die Zukunft des Radsports?
RIEMER: Auf kleiner Ebene greift unsere Arbeit. Deshalb glauben wir, diesen wunderschönen Sport am Leben zu halten, trotz der Frustration und Enttäuschung darüber, was die Großen daraus machen.
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Autor: UTE GALLBRONNER | 15.07.2010
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Günter Riemer ist vorsichtig optimistisch.
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